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Kaum ist der letzte Ton des vergangenen Neujahrskonzerts verklungen, so steht schon die nächste Ausgabe vor der Tür. Zumindest so der Eindruck – schnelllebige Zeit. Beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2020 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins steht mit Andris Nelsons (*1978) ein verhältnismässig sehr junger Dirigent am Pult. Der Lette leitet das Leipziger Gewandhausorchester und ist Direktor des Boston Symphony Orchestra.

Nelsons beweist einen recht guten Geschmack, was die Stückwahl betrifft: Mit Carl Michael Ziehrer, Hans Christian Lumbye und Franz von Suppé kommen heuer wieder drei für die U-Musik des 19. Jahrhunderts wichtige, zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene Komponisten zum Zug. Schön auch, dass Eduard Strauss gleich mit zwei Stücken vertreten ist.

Und anlässlich seines 250. Geburtstages findet diesmal Ludwig van Beethoven als „Exot“ Niederschlag im Programm. Schade, dass Joseph Lanner auch heuer wieder aussen vor bleibt. Es hat einige Novitäten im Programm, das recht ausgeglichen daherkommt.

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Am Neujahrskonzert 2020 werden gespielt:

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1. Carl Michael Ziehrer – Ouvertüre zur Operette „Die Landstreicher

Wienerischer könnte das Programm nicht beginnen, tolle Wahl! „Die Landstreicher“ war Ziehrers erfolgreichste Operette, das ganze Stück strotzt nur so von Melodienreichtum, der sich bereits in der Ouvertüre so richtig entfaltet. Die Erstaufführung der Operette erfolgte am 29. Juni 1899 im Sommertheater „Venedig in Wien“ unter persönlicher Leitung Ziehrers. Im „Extrablatt“ stand unter anderem zu lesen: „…wienerisch ist die Operette vom Anfang bis zum Ende, und sie hat schon gestern im Sturm die Sympathien und den immer mit neuer Macht losbrechenden Beifall errungen. Ziehrer hat aber auch zur Durchführung seiner flotten Musik die entsprechenden Kräfte gefunden.“

2. Josef Strauss – Liebesgrüsse; Walzer op. 56

Mit beschwingter, lebensbejahender Tonmalerei à la Pepi gehts weiter. Der vergleichsweise einfach gehaltene, aber sehr gefällige Walzer wird zum ersten Mal im Rahmen eines Neujahrskonzertes gespielt. Er wurde am 1. Juni 1858 im Volksgarten zum im Zuge eines Festes mit Feuerwerk uraufgeführt. Zeitungsberichten zufolge verlangte das Publikum nach mehrmaliger Wiederholung der „Liebesgrüsse“. Über ein Jahr lang blieb das Werk im regelmässigen Repertoire der Strauss-Kapelle. Und auch später erklang der Walzer bei Gelegenheit immer mal wieder.

3. Josef Strauss – Liechtenstein-Marsch; op. 36

Man bleibt beim selben Komponisten. Dieser lebendige Marsch aus seiner frühen Schaffensphase hat Josef Strauss anno 1857 für eine Landwirtschaftsausstellung in Ungers Casino in Hernals geschrieben. Gewidmet ist das Stück dem Prinzen August Liechtenstein, welcher der organisierenden Gesellschaft vorstand. Die Ausstellung fand anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Gesellschaft statt.

4. Johann Strauss (Sohn) – Blumenfest-Polka; op. 111

Ähnliche Hintergründe wie das vorige Stück hat auch die Blumenfest-Polka von Pepis Bruder Johann. Die kurze, neckische Polka hat er im Jahre 1852 geschrieben für ein vom Kaiserhof organisiertes Blumenfest im Glashausgarten, dem heutigen Burggarten. Die Uraufführung jedoch erfolgte bereits einige Tage zuvor an einem Frühlingsfest im Volksgarten anlässlich des Namenstages von Erzherzogin Sophie.

5. Johann Strauss (Sohn) – Wo die Citronen blüh’n; Walzer op. 364

Opus 364 gehört zweifelsohne zu den bezauberndsten und allerschönsten Geniestreichen Johanns, und er ist immer ein Höhepunkt in einem Neujahrskonzert-Programm. Komponiert anlässlich einer Italien-Reise anno 1874, nannte Strauss sein Werk vorerst „Bella Italia“ und führte es im Mai besagten Jahres in Turin zum ersten Mal auf. Später änderte Strauss den Titel. Der sagenhafte Melodienreichtum dieses Walzers ist eine wundervolle Hommage an das Land, wo die Zitronen blühen.

6. Eduard Strauss – Knall und Fall; Polka op. 132

Der Titel verspricht bereits, was die Polka beinhaltet: ein temporeiches kleines musikalisches Feuerwerk aus dem Jahre 1855. Und das ist es auch, mit viel Witz und Charme vertont Edi das „Schlagartige“, „Unverhoffte“, „Plötzliche“ und beendet damit den ersten Konzertteil.

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—— PAUSE ——

(25-minütiger Pausenfilm über Ludwig van Beethoven anlässlich dessen 250. Geburtstages)

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7. Franz von Suppé – Ouvertüre zu „Leichte Kavallerie“

Es ist ein Jammer, dass die Suppé-Operetten (fast) alle vergessen sind. Immerhin haben die meisten Ouvertüren die Zeit überdauert und werden heute noch immer gespielt. Diese hier ist mit Abstand die bekannteste von ihnen. Eine nette Wahl für dieses Programm und eine würdige Eröffnung des zweiten Konzertteils mit hellen Fanfarenstössen. 1866 wurde die Operette in Wien uraufgeführt.

8. Josef Strauss – Cupido; Polka op. 81

Diese reizende, aber unspektakuläre Polka war eine von mehreren Nummern, die Josef Strauss während der Faschingszeit 1860 komponiert hat. Sie befand sich unter den Darbietungen am Künstlerball vom 22. Februar genannten Jahres im Etablissement Sperl. Der Titel insinuiert eine Reminiszenz an die süsse Begierde, respektive an den Liebesgott Amor. Die Platzierung ist wohlgwählt, zumal die Polka zu einem anspruchvollen sinfonischen Meisterwerk von Bruder Johann überleitet.

9. Johann Strauss (Sohn) – Seid umschlungen, Millionen; Walzer op. 443

Dieser sehr melodiöse, wundervolle Konzertwalzer mit seinem ungmein verträumten Hauptthema ist allein insofern eine Besonderheit, als er dem grossen Johannes Brahms (1833-1897) gewidmet ist, einem von Strauss‘ prominentesten Bewunderern. Nach einigem Hin und Her, wo und wann der Walzer zum ersten Mal gespielt werden sollte, erklang er schliesslich am 27. März 1892 genau da, wo wir ihn jetzt hören – im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, damals interpretiert von Eduard Strauss‘ Kapelle, von dem denn auch das nächste Stück stammt.

10. Eduard Strauss – Eisblume; Mazurka op. 55

Endlich erleben wir Eduard Strauss im Rahmen eines Neujahrskonzertes einmal im Dreivierteltakt – auch wenn es nicht ein Walzer, sondern „nur“ eine gemächliche Mazurka ist. „Eisblume“ mit einem lieblichen Hauptthema in Moll hat Eduard anlässlich der Eröffnung des Wiener Musikvereins im Jänner 1870 geschrieben. Die Inbetriebnahme des neuen Gebäudes von Theophil Hansen erfolgte am 6. Jänner, der grosse Eröffnungsball mit den Widmungskompositionen stieg am 13. Jänner. Kam „Eisblume“ von Eduard Strauss, so steuerte Johann den Walzer „Freut euch des Lebens“ und Josef die Polka „Künstler-Gruss“ bei. Auf der Titelseite der Notenpartitur von „Eisblume“ ist explizit vermerkt: „zum Eröffnungsballe“.

11. Joseph Hellmesberger (Jun.) – Gavotte

Es ist mir ja ein grosses Anliegen, dass auch die weniger bekannten Wiener an den Neujahrskonzerten zum Zug kommen. Aber warum die beiden Hellmesbergers in den vergangenen Jahren einen fixen Platz im Programm gepachtet zu haben scheinen, dünkt mich nun doch etwas merkwürdig, zumal es noch viele andere vergessene Komponisten gibt, die neue Aufmerksamkeit verdienten. Wie auch immer, an der Musik der Hellmesbergers gibt’s nicht auszusetzen. Die nicht näher definierte Gavotte knüpft stimmungsmässig an die vorherige Nummer an und funktioniert als beschauliches, nicht typisch wienerisches Intermezzo.

12. Hans Christian Lumbye – Postillon-Galopp; op. 16

Wienerischer als Hellmesberger gibt sich der „Strauss des Nordens“ mit dieser rasanten Galoppe. Schön, dass der Däne erneut einen Platz im Programm findet. Nächstes Mal bitte mit einem Walzer!

13. Ludwig van Beethoven – Zwölf Contretänze“; WoO 14

Dass mit Beethoven einer der Hauptvertreter der Wiener Klassik Eingang ins Programm findet, ist stilistisch selbstverständlich absolut abwegig. Aber da der Komponist 2020 seinen 250. Geburtstag feiert, liegt der Grund für die Wahl auf der Hand. Schliesslich handelte bereits der Pausenfilm von Beethoven.

14. Johann Strauss (Sohn) – Freuet euch des Lebens; Walzer op. 340

Nach „Eisblume“ hören wir nun eine weitere der damaligen Widmungskompositionen für den Eröffnungsball des Wiener Musikvereins. Strauss geht etwas fulminanter ans Werk als Eduard, so eröffnet das Intro mit festlichen Paukenschlägen. Warum der Walzer nach seiner Uraufführung ziemlich schnell der Vergessenheit anheim geraten ist, bleibt ein Rätsel, zumal er sich qualitativ von vielen anderen Strauss-Walzern abhebt. Immerhin hört man den Walzer heutzutage immer mal wieder. Eine schöne Wahl.

15. Johann Strauss (Sohn) – Tritsch-Tratsch-Polka; op. 214

Weniger einfallsreich ist diese Nummer, obschon die Polka aus dem Jahre 1858 stets ein Gute-Laune-Garant ist und das Publikum mitreisst. Aber irgendwie ist das Stück gerade wegen seiner Popularität alles andere als eine Überraschung auf dem Programm eines Neujahrskonzerts. Hier hätte sich etwas Anderes besser gemacht.

16. Josef Strauss – Dynamiden; Walzer op. 173

Viel spannender ist dieser Walzer, mit dem das offizielle Programm seinen Schluss findet, auch wenn das Stück erst gerade noch 2014 unter Daniel Barenboim gespielt worden ist. Die Dynamiden – „geheime Anziehungskräfte“ – sind eine Anreihung bezaubernder Walzermelodien, für die Josef Strauss hörbar aus dem Vollen geschöpft hat. Es war das Widmungswerk für den Industriellenball in den Redoutensälen und wurde da am 30. Januar 1865 uraufgeführt.

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Es folgt der traditionelle Neujahrsgruss, der Walzer „An der schönen blauen Donau“ und der Radetzky-Marsch von Johann Strauss (Vater). Letzterer erfährt in diesem Jahr eine Premiere: Der Marsch wird erstmals in einem Neuarrangement gespielt. Der Grund: Die bisherige Version stammt von Leopold Weininger (1879-1940). Der deutsch-österreichische Musiker war Antisemit sowie überzeugtes Mitglied der NSDAP und bearbeitete fleissig NS-Liedgut. Nun haben sich die Wiener Philharmoniker entschieden, das Arrangement des Radetzky-Marsches mit so unrühmlich braunem Hintergrund nicht mehr zu verwenden. Ein Zug, der schon lange überfällig war…

Johann’s Citronen


Op. 364 von Johann Strauss Sohn gehört zu seinen bezauberndsten Walzerthemen. „Wo die Citronen blüh’n“ hatte ursprünglich „Bella Italia“ geheissen. Anlässlich einer Reise nach Italien hat Strauss dieses Meisterwerk geschrieben. Die Uraufführung fand denn auch noch auf dieser Reise statt, im Mai 1874 im damals prachtvollen Teatro Regio in Turin. Folgend das Hauptthema als Pianoversion:

 


Es sind wunderschöne Landschaftsveduten aus dem 19. Jahrhundert, qualitativ hervorragend gemalt, zuweilen gar meisterhaft, häufig zeigen sie romantische Ansichten aus dem Berner Oberland, aber auch malerische Motive aus anderen Schweizer Regionen. Die Ölgemälde sind signiert mit „G. Stähly-Rychen“. Dieser Name sorgt für Verwirrung.

Internetplattformen mit Fokus Kunst wie auch namhafte Auktionshäuser pflegen es, diesen Stähly-Rychen als Pseudonym des bekannten und hoch gehandelten österreichischen Landschaftsmalers Hubert Sattler (1817-1904) anzupreisen. Wo diese Zuschreibung ihren Ursprung hat und warum man überhaupt auf diese Annahme gekommen ist, steht in den Sternen. Setzt man sich hinsichtlich Komposition und Handschrift mit den Gemälden dieses Stähly-Rychen wie auch mit denjenigen Hubert Sattlers auseinander, so kommen Zweifel auf, ob es sich tatsächlich um ein- und dieselbe Person – um Hubert Sattler – handelt. Zu unterschiedlich scheinen die Malweisen. Kommt hinzu, dass Hubert Sattler fast ausschliesslich kleinformatig gemalt hat, während von Stähly-Rychen grosse bis sehr grosse Ölgemälde existieren.

Es ist dem Anschein nach ein Gottfried Stähly-Rychen nachgewiesen, der von 1840 bis 1920 gelebt und wohl zum grossen Kreis der Thuner Vedutenmaler gehört hat. Details hierzu sind auf www.foto.ch nachzulesen. Im „Intelligenzblatt“ vom 3. Februar 1891 ist ferner folgende „Kunstnotiz“ publiziert:

Wie schon öfters, so hat gegenwärtig Hr. Stähly-Rychen in Bern (Bärenplatz, „Spar- und Betriebsverein“) eine seiner vorzüglichen Leistungen auf dem Gebiete der Thiermalerei, die ihm bereits im Auslande den Namen eins Thiermalers ersten Ranges erworben hat, ausgestellt. Wir  machen die hiesigen Kunst- und Naturfreunde auf das betreffende, vorzüglich gelungene Bild aufmerksam.

Und im Verzeichnis für literarisches und künstlerisches Schweizer Eigentum des Schweizerischen Handelsamtsblattes wird am 15. Dezember 1888 ein Ölgemälde mit dem Titel „Lehrerseminar in Münchenbuchsee“ von Gottfried Stähly-Rychen eingetragen.

Zwar kennt man von Gottfried Stähly-Rychen nicht unbedingt Tier-, sondern Landschaftsbilder, aber es ist dennoch wahrscheinlich, dass hier von „unserem“ Stähly-Rychen die Rede ist. Auf jeden Fall ist diese Annonce ein weiteres Indiz dafür, dass es sich bei Gottfried Stähly-Rychen nicht um Hubert Sattler handelt, sondern um einen eigenständigen und begnadeten Schweizer Künstler, welcher biografisch nur sehr spärlich erfasst ist. Trifft diese Annahme zu, so ist es bedenklich, wenn namhafte Auktionshäuser den Namen „Gottfried Stähly-Rychen“ weiterhin als Sattler-Pseudonym handeln und so mit potenziell falschen Angaben höhere Preise erzielen.


Ein Beitrag aus der «Luzerner Zeitung»vom 29. Juli 2016. Autor: Andreas Faessler

 

Kaum einer wird heute mit dem Venedig des 18. Jahrhunderts so eng in Verbindung gebracht wie Antonio Vivaldi. Das kulturelle Geschehen in der Lagunenstadt drehte sich zu seinen Lebzeiten förmlich um den Genius – es war überdies eine Epoche, in der teils groteske gesellschaftliche Zustände herrschten. Und Vivaldi stand irgendwie immer mittendrin. Am 28. Juli 1741 starb der illustre Musiker. Allerdings nicht etwa in Venedig, sondern in Wien. Eine verhältnismässig kurze Episode in Vivaldis Leben hat zahlreiche Überlieferungen und Anekdoten hervorgebracht, welche die Biografie des Komponisten auf zuweilen amüsante Weise anreichern.

Zum Zeitpunkt von Antonio Vivaldis Geburt am 4. März 1678 trieb das ausschweifende, luxusverwöhnte Leben der reichen Venezianer ebenso eigenartige Blüten wie die  katholische Kirche in der «Serenissima». Nirgends gab es seinerzeit ein so grosses Angebot an Geistlichen wie in Venedig. Statistisch gesehen – so ist überliefert – war jeder 31. Venezianer ein Priester. Dass dies in der vergnügungssüchtigen Stadt aber kaum für eine ausserordentlich hohe Qualität des kirchlichen Lebens sprach, verwundert kaum, denn auch so manch Vertreter des oberen Klerus entsagte dem pompösen Unterhaltungsangebot in der Lagunenstadt nicht. Trotzdem bestand Antonio Vivaldis Vater darauf, dass sein Sohn die kirchliche Laufbahn einschlagen soll, obwohl der kleine Antonio für den Vater, der Berufsmusiker war, bei Auftritten oft als Vertreter  einspringen musste. Antonio hatte schon sehr früh begonnen, Violine zu spielen, und bewies dabei schnell eine aussergewöhnliche Begabung. Kurzum: Papa Vivaldi legte seinem Jungen die Musik faktisch in die Wiege.

«Il Prete Rosso»

Der Wille des geschätzten Vaters aber hatte selbstverständlich Gültigkeit: Antonio empfing bereits im Alter von 15 Jahren die ersten niederen Weihen. Mit
18 Jahren folgte die erste höhere Weihe zum Subdiakon, bald zum Diakon. Seine anschliessende Ausbildung zum Priester erfolgte primär in der Praxis an zwei venezianischen Pfarreien. 1703 wurde Vivaldi im Alter von 25 Jahren zum Priester geweiht. An Santa Maria della Pietà wirkte er als Kaplan – einer von Hunderten in Venedig. Als Priester genoss Vivaldi unter all den anderen allerdings insofern einen gewissen Bekanntheitsgrad, als er mit seinem feuerroten Haupthaar stark aus der Masse hervorstach. Stadtweit kannte man ihn als «Il Prete Rosso» – der rote Priester.
Vivaldis Biografie lässt allerdings den Rückschluss zu, dass er sein Amt als
Geistlicher mit wenig Ehrgeiz ausübte, geschweige denn eine kirchliche Karriere anstrebte. Später wird Vivaldi in einem Brief schreiben, dass es für ihn
aus gesundheitlichen Gründen jeweils ein Kraftakt gewesen sei, eine ganze
Messe abzuhalten. Zeitzeugen hielten fest, dass Vivaldi manchmal sogar mitten in der Messe den Altarraum verliess und sich in die Sakristei zurückzog oder
den Gottesdienst ganz abbrach. Schnell machten Gerüchte die Runde, dem
roten Priester sei wohl einfach die Lust am Zeremoniell vergangen, weil er
anderes im Kopf hatte.

Der Abtrünnige

Diese Mutmassungen waren alles andere als abwegig. Denn Vivaldi war am angegliederten Ospedale della Pietà, Mädchenwaisenhaus und Musikschule zugleich, Violinlehrer. Dieses Amt übte er freilich mit mehr Enthusiasmus und Energie aus. Nach weniger als zwei Jahren seit der Priesterweihe quittierte Vivaldi seine kirchliche Laufbahn und widmete sich gänzlich seinem Dasein als Musiker – Vivaldis wahrer Berufung. Er blieb am Ospedale della Pietà, um später das dortige Mädchenorchester zu leiten. Es dauerte nicht lange, verbreiteten böse Zungen böse Geschichten über Liebschaften und gar zügellose Hurerei des einstigen Priesters. Weltliche Gelüste und der Umgang mit dem anderen Geschlecht seien ihm wohl wichtiger als einst der keusche Dienst am Herrn. Es tat Vivaldis steigender Bekanntheit aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Der Komponist erwuchs schnell in einer ungeheuren Schaffenskraft, lieferte Orchesterwerke sowie Opern am Band und übte gar Einfluss auf das evangelische Bach-Imperium nördlich der Alpen aus.

Tod in Wien

Als nach Jahren intensiven musikalischen Wirkens die Nachfrage nach dem
Stil Vivaldis sank, verliess er 1740 seine italienische Heimat, um in der Kulturhochburg Wien sein Glück zu versuchen. Doch scheiterte er in der Kaiserstadt kläglich, verarmte sehr schnell und starb dort als gebrochener, vergessener Mann. Dieses Schicksal wäre dem «abtrünnigen roten Priester» vermutlich erspart geblieben, hätte er die ihm zugedachte Laufbahn gewissenhaft verfolgt. Sein Vermächtnis aber ist dafür umso wertvoller und grandioser, gilt Antonio Vivaldi seit seiner Wiederentdeckung doch als einer der beliebtesten und meistinterpretierten Komponisten des Barock.
Seit 2001 erinnert am Rooseveltplatz in Wien neben der Votivkirche ein von
Gianni Arco entworfenes Denkmal an den venezianischen Meister und einstigen ambitionslosen Pfarrer.

unbenanntMedaillon am Vivaldi-Denkmal in Wien


Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2019 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins wird zum ersten Mal von Christian Thielemann (*1959), Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dirigiert. Mit einem neuen Gesicht an der Front steigt auch immer die Hoffnung auf „neuen Wind“ im Programm. Thielemann, gebürtiger Berliner, erfüllt diese Erwartung zwar nicht unbedingt in der Varietät der gespielten Komponisten, dafür aber hinsichtlich erstmals in diesem Rahmen intonierter Raritäten, es sind deren sechs. Während Joseph Lanner und Johann Strauss Vater heuer (leider!) gänzlich fehlen im offiziellen Programm, räumt Thielemann dafür dem jüngeren Joseph Hellmesberger und Eduard Strauss je zwei Plätze ein. Warum die beiden vergleichsweise wenig bedeutenden, aber wohltalentierten Hellmesbergers Junior und Senior in den letzten Jahren so regelmässig zum Zug kommen an den Neujahrskonzerten, darüber kann man nur rätseln. Alles in allem erwartet uns aber ein recht spannendes, solides Programm mit mehreren seltenen Perlen und immerhin zwei wohlbekannten, wunderbaren Konzertwalzern, derer man nie überdrüssig werden kann.
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Am Neujahrskonzert 2019 werden gespielt:

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1. Carl Michael Ziehrer – Schönfeld Marsch; op. 422

Das Konzert startet gleich mit einer bombastischen Nummer: Der „Freiherr von Schönfeld-Marsch“, wie das Stück mit vollem Namen heisst, gehört nach Ansicht des Autors nicht nur zu den hinreissendsten Märschen, die jemals geschrieben worden sind, sondern es ist eine der berühmtesten Marschkompositionen im deutschsprachigen Raum. Seit 1920 ist es der offizielle Regimentsmarsch der österreichischen Armee. Ziehrer hat den Marsch für den österreichischen Generalstabchef Anton von Schönfeld (1827-1898)  geschrieben. Als Schönfeld nach längerem Ausbleiben der Komposition bei Ziehrer nachhakte, soll dieser erschrocken gerufen haben: „Mein Gott, das habe ich total vergessen!“ Gleich darauf soll sich Ziehrer ans Klavier gesetzt und in Windeseile, jedoch mit genialer Eingebung, den Marsch skizzenhaft komponiert und ihn sofort zur Instrumentierung gegeben haben.

2. Josef Strauss – Transactionen; Walzer op. 184

Ein exzellenter Walzer mit einer für Josef Strauss sehr typischen, wunderbar tonmalerischen Introduktion und einem recht einfachen, aber umso wirkunsvolleren Hauptthema. Woher die Namensgebung rührt, bleibt unklar, zumal die original Partitur Amor zeigt, der die Hände zweier Liebenden vereint, was nicht wirklich etwas mit Börsen-„Transactionen“ zu tun hat. Pepi Strauss schrieb diesen Walzer kurz vor seiner Abreise in einen Erholungsurlaub. Die Uraufführung erfolgte am 2. August 1865 im Volksgarten.

3. Joseph Hellmesberger (Jun.) – Elfenreigen, ein Charakterstück

Diese schön arrangierte, sehr kontrastreiche Komposition war bereits im Jahre 2007 im Programm des Neujahrskonzerts. Es vertont den leichten, beschwingten Tanz zarter Feenwesen. Eine willkommene „Erleichterung“ nach dem anspruchsvollen Walzer von Josef Strauss.

4. Johann Strauss (Sohn) – Express-Polka; op. 311

Diese nette kleine Polka, die jedoch nicht unbedingt zu den einfallreichsten Glanzstücken des Komponisten gehört, diente zur Zeit ihrer Entstehung als kleiner Aufsteller-Versuch für das Volk. Erst zuvor nämlich hatte Österreich seine verheerende Niederlage in der Schlacht bei Königgrätz erlitten mit grossen menschlichen Verlusten. Die Stimmung im Lande war denkbar getrübt. Über vier Monate nach dem Rückschlag, am 18. November 1866, spielten die Strauss-Brüder erstmals wieder auf und wagten den Versuch, das Volk mit Novitäten aus der Lethargie zu locken. Die Express-Polka war einer der Beiträge, welche an diesem Konzert im Volksgarten mit viel Begeisterung aufgenommen wurden.

5. Johann Strauss (Sohn) – Nordseebilder; Walzer op. 390

In den Jahren 1878 und 1879 weilte Johann Strauss in Norddeutschland und erholte sich an der frischen Nordseeluft, unter anderem auf der Insel Föhr. Inspiriert von der charakteristischen Landschaft, von der angenehmen Rauheit des Klimas und des Wetters schrieb Strauss ein wahres Meisterwerk nieder, ein symphonisches Tongemälde allererster Qualität, das die sanften bis wilden Wellen der kühlen Nordsee umschreibt. Dies beginnt bereits mit der bezaubernden Einleitung, die schliesslich in eines der hinreissendsten Walzerthemen Strauss‘ übergeht. Im Herbst 1879 wurde „Nordseebilder“ in Wien uraufgeführt. Das Publikum war so elektrisiert, dass Strauss den Walzer mehrmals wiederholen musste.

6. Eduard Strauss – Mit Extrapost; Galopp op. 259

Es freut, dass der „schöne Edi“ noch im ersten Teil des Konzerts zu Ehren kommt, denn er wird – oft zu Unrecht – stiefmütterlich behandelt im Vergleich zu seinen Brüdern. „Mit Extrapost“ ist eine zackige, temporeiche Galoppe mit sehr gefälligen Passagen, die nichts als gute Laune bereiten. Leider ist die Stückwahl nicht besonders einfallsreich, zumal die Galoppe schon mehrmals an einem Neujahrskonzert gespielt worden ist. Wann endlich setzt sich ein Dirigent intensiver mit Eduards Oeuvre auseinander und erkennt mit dem nötigen Sachverstand, was es hier für Juwelen zu bergen gibt? Und zwar nicht nur Galoppen und Polkas, auf die der Edi seit jeher beschränkt wird. Man vermisst seine grandiosen Walzer.

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—— PAUSE ——

(Film zu 150 Jahren Wiener Staatsoper)

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7. Johann Strauss (Sohn) – Ouvertüre zu „Der Zigeunerbaron

Mit slawisch anmutenden Takten gehts in den zweiten Teil: Das Eröffnungsstück von Strauss‘ dritterfolgreichster Operette ist ein vielschichtiges, dynamisches Meisterwerk mit viel Feuer – v.a. in der zweiten Hälfte – und ebenso ruhigen wie beschwingten Motiven, die Wohlbekanntes zitieren. Die Operette wurde im Oktober 1885 im Theater an der Wien uraufgeführt. Die Wahl der Ouverture als Einstieg in den zweiten Teil des Neujahrskonzerts ist sicher passend.

8. Josef Strauss – Die Tänzerin; Polka op. 227

Eine kleine Trouvaille, selten gehört, da lange Zeit vergessen. Josef Strauss schrieb diese liebliche Polka vermutlich für ein von Carl Schwender organisiertes Park-Konzert in der „Neuen Welt“ in Hietzing im Juni 1867. Es ist davon auszugehen, dass die relativ einfache Polka nicht der Hit des Tages war. Aufzeichnungen zufolge wurde sie nach dem Konzert nur noch einige wenige Male aufgeführt und war bald ganz vergessen. Schön, dass sie hier eine Reinkarnation in populärem Rahmen erlebt.

9. Johann Strauss (Sohn) – Künstlerleben; Wazler op. 316

Einer von Strauss‘ meistgespielten Konzertwalzern, der seine Wirkung nie verfehlt und dem auch immer wieder ein Platz im Neujahrskonzertprogramm gebührt, heuer anlässlich 150 Jahre Wiener Staatsoper. Der Walzer wird hier beschrieben. Balletteinlage, choreografiert von Andrey Kaydanovskiy.

10. Johann Strauss (Sohn) – Die Bajadere; Polka op. 351

Diese Wahl ist insofern etwas rätselhaft, als diese im Gesamtwerk von Strauss eher unbedeutende, wenn auch neckische Polka in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits dreimal Teil des Programms war. Die Polka zitiert Passagen aus Strauss‘ erster, wenig erfolgreichen Operette „Indigo und die 40 Räuber“. Die Musik hingegen, darunter auch diese Polka kamen beim Publikum gut an. Im Juni 1871 wurde sie im Volksgarten erstmals konzertant aufgeführt. Dennoch hätte man sich an dieser Stelle etwas Einfallsreicheres gewünscht.

11. Eduard Strauss – Opern-Soirée; Polka op. 162

Nun noch eine Polka von Edi, kompositorisch keine Meisterleistung (er konnte es viel besser), aber immerhin eine Neujahrskonzert-Novität. Im Dezember 1877 gaben Eduard und Johann im Rahmen einer Opern-Soirée ihr erstes gemeinsames Konzert mit den Wiener Philharmonikern. Als Eduard seine neue, entsprechend benannte Polka anstimmte, sollen der überlieferung zufolge schnurstracks alle Sessel zur Seite geräumt geworden sein, damit das begeisterte Publikum dazu tanzen konnte. Der anwesende Kaiser Franz Joseph soll darob nicht sonderlich begeistert gewesen sein.

12. Johann Strauss (Sohn) – Eva-Walzer nach Motiven aus „Ritter Pásmán“

Mit Hörnern und Fanfaren eröffnet das Stück, das keine Opus-Nummer trägt. Der Eva-Walzer ist ein musikalisches Exzerpt aus der einzigen Strauss-Oper, mit welcher der Komponist im Januar 1892 leider grandios scheiterte – der Versuch, sich „ernster Musik“ zuzuwenden, er gelang nicht. Der Eva-Walzer war eines der wenigen Stücke dieser komischen Oper, das von den Kritikern gelobt wurde. Zu recht, denn der vergleichsweise kurze Walzer überzeugt mit bezaubernden Sequenzen, die zwar so gar nicht strauss-typisch, aber dem Gemüt sehr zuträglich sind.

13. Johann Strauss (Sohn) – Csárdás aus „Ritter Pásmán“; op. 441

Auch dieser Csárdás gehört zu den wenigen erfolgreichen Musikteilen der Oper. Hier wird Strauss sehr „ungarisch“. Die erste Hälfte des Stückes ist allerdings recht langatmig, bevor es dann endlich das temperamentvolle slawische Feuer entwickelt. Balletteinlage, choreografiert von Andrey Kaydanovskiy, gefilmt in Schloss Grafenegg nahe Krems.

14. Johann Strauss (Sohn) – Egyptischer Marsch; op. 335

Als Strauss in den Sommermonaten von 1869 wieder im Russischen Pawlowsk weilte, schrieb er diesen interessanten Marsch, der vom Publikum ausserordentlich gut angenommen wurde. Strauss benannte seinen „Egyptischen Marsch“ (sic!) für das Folgekonzert in „Tscherkessen-Marsch“ um. Auch in Wien wurde das Stück erst mit diesem Namen verlegt, später dann aber wieder zum Originalnamen zurückgeführt. Grund war mit Sicherheit die Eröffnung des Suezkanals, und da die Strauss-Brüder ihre Werke ja oft mit wichtigen Ereignissen in Verbindung brachten, bot sich der Name „Egyptischer Marsch“ natürlich wieder bestens an – gescheites „Marketing“ halt.

15. Joseph Hellmesberger (Jun.) – Entr’acte Valse

Mit den Hellmesbergers haben sie’s wirklich in den letzten Jahren. Die Entr’acte-Valse ist ein weitgehend vergessenes Stück, das vermutlich seit Jahrzehnten nie mehr in einem grösseren Rahmen aufgeführt worden ist. Es taucht einizig in einigen wenigen Programmen aus dem frühen 20. Jahrhundert auf – vornehmlich in Amerika. Das Werk trägt keine Opusnummer. Man kann gespannt sein, wie die Philharmoniker diese Perle mit höchstem Seltenheitswert interpretieren.

16. Johann Strauss (Sohn) – Lob der Frauen; Mazurka op. 315

Für das „schwache Geschlecht“ hatte der Schani sehr viel übrig, was sich auch in mehreren Kompositionen niederschlug. Mit dieser Mazurka als Widmung an die Frau wollte er das Volk aus einer Lethargie holen, welche sich durch politische Unruhen und Spannungen breit gemacht hatte. Die bittere Niederlage der Donaumonarchie nach der Schlacht bei Königgrätz lag noch nicht lange zurück. Strauss schaffte die Aufheiterung erwartungsgemäss am Konzert im Volksgarten vom 17. Februar 1867. Das Publikum war  hingerissen von dieser gemütlichen Mazur.

17. Josef Strauss – Sphärenklänge; Walzer op. 235

Dieser fantastische Konzertwalzer, der einer von Pepis grössten Würfen geworden ist, war ursprünglich eine übliche Widmungskomposition – und zwar für den Medizinerball anno 1868 in den Sofiensälen, wo Strauss denn auch als Balldirektor fungierte. Zu recht gilt der Walzer als eines der grossartigsten Tongedichte der Wiener U-Musik. Die Kritiken nach der Uraufführungen waren hervorragend, was die Musik betrifft. Moniert wurde hingegen der Titel, welcher nach Auffassung der Kritiker der Güte der Musik nicht gerecht werde… Wir sehen das anders: Der Walzer ist so bezaubernd schön, dass er die Hörerschaft in andere Sphären hebt. Ein Stück, das im Programm eines Neujahrskonzertes nie eine falsche Wahl sein kann. Mit den „Sphärenklängen“ verklingt das offizielle Programm 2019.

Angekündigte Zugabe: Johann Strauss (Sohn) – Im Sturmschritt; Polka op. 348

Eine Melodie, welche vielen vertraut vorkommen dürfte: „Im Sturmschritt“ ist eine gerne aufgeführte Komposition, die durch und durch gute Laune macht. Strauss verarbeitete einiges von der Musik aus seiner Operette „Indigo und die 40 Räuber“ zu Konzertstücken. Bei dieser Polka dürfte er sich von der Rasanz von Jacques Offenbachs „Can can“ inspiriert haben lassen. Die Wiener Uraufführung erfolgte an einem Mai-Konzert im Jahre 1871 im Volksgarten.

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Wie es Tradition ist, endet auch das Neujahrskonzert 2019 mit „An der schönen blauen Donau“ und dem Radetzky-Marsch – Letzterer wie immer im Bierzelt-Modus.


Ja, die Lebensqualität in Wien ist sehr gross. Die Hauptstadt Österreichs ist (wiederholt) zur lebenswertesten Stadt weltweit erkoren worden – aus weitgehend nachvollziehbaren Gründen. Aber eben nur weitgehend, also nicht ausschliesslich.

Neulich nämlich ging ich durch den Sigmund-Freud-Park, die ausladende Grünanlage vor der Votivkirche. Viele Leute sassen an der Sonne, verbrachten ihre Mittagspause essend und sich unterhaltend. Und mitten drin auf dem Asphaltboden vor einer Parkbank lag ein verwahrloster Mann wohl um die 40. Verdreckt von oben bis unten, die speckige Hose bedeckte nur das halbe Gesäss, ein Fliegenschwarm tat sich an seinem von rotem Ausschlag übersäten Hintern gütlich. Der Mann versuchte, seinen Kopf zu heben, war dem Anschein nach aber mehr tot als lebendig. Nein, er hatte sich ganz sicher nicht einfach mal dahin gelegt, um ein wenig auszuruhen, nachdem er ein Gläschen zuviel getrunken hatte. Er war in einem jämmerlichen Zustand – ein beklagenswerter, trauriger Anblick. Niemand beachtete ihn, niemand (ausser mir?) schien sich um den armen Teufel zu sorgen… Ich mache mir seither Vorwürfe, dass ich in diesem Augenblick nicht besser war als der Rest und eine Ambulanz oder eine Polizeistreife gerufen habe und somit nicht weiss, was mit dem Mann geschehen ist.

Solche Bilder kann es in der „lebenswertesten Stadt der Welt“ schlicht und ergreifend NICHT geben. Angesichts dessen scheint dieses Label wie ein Hohn. Es ist ein Schlag ins Gesicht eben dieser armen Gestalten, um die sich weder Einwohner noch Behörden scheren. Es war tatsächlich ein Bild, wie ich es nur aus der Dritten Welt oder aus dem dunklen Osten Europas kenne. Und in Wien gibt es wahrlich viele solcher bedauernswerter Menschen, wenn man nur etwas aufmerksamer hinschaut. In Zürich beispielsweise, welches den Spitzenplatz vor einigen Jahren aus mir schleierhaften Gründen an Wien abtreten musste, sind solche Szenen undenkbar. Da wäre innert Kürze ein herbeigerufenes Careteam vor Ort oder die Polizei, die sich um den Mann gekümmert hätte. Nicht aber in Wien.

Diese Stadt soll also allen Ernstes die weltweit höchste Lebensqualität aufweisen? Garantiert nicht. Nicht, solange solche schrecklichen Szenen noch immer zum Alltag gehören. Das ist nicht mein Wien!

 


Zigtausende Touristen und Passanten strömen täglich am Stephansdom vorbei, aber wohl kaum ein einziger bemerkt je die unscheinbare kleine Laterne hinter einem der Pilaster an der Hauptfassade. Nahe an der Ecke zum erzbischöflichen Palais ist das kleine, wohl aus neuerer Zeit stammende Laternchen angebracht. Und fast immer brennt darin ein Kerzchen. Irgendjemand scheint sich regelmässig um das Armenseelenlichtlein zu kümmern. Schön.

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