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Ja, die Lebensqualität in Wien ist sehr gross. Die Hauptstadt Österreichs ist (wiederholt) zur lebenswertesten Stadt weltweit erkoren worden – aus weitgehend nachvollziehbaren Gründen. Aber eben nur weitgehend, also nicht ausschliesslich.

Neulich nämlich ging ich durch den Sigmund-Freud-Park, die ausladende Grünanlage vor der Votivkirche. Viele Leute sassen an der Sonne, verbrachten ihre Mittagspause essend und sich unterhaltend. Und mitten drin auf dem Asphaltboden vor einer Parkbank lag ein verwahrloster Mann wohl um die 40. Verdreckt von oben bis unten, die speckige Hose bedeckte nur das halbe Gesäss, ein Fliegenschwarm tat sich an seinem von rotem Ausschlag übersäten Hintern gütlich. Der Mann versuchte, seinen Kopf zu heben, war dem Anschein nach aber mehr tot als lebendig. Nein, er hatte sich ganz sicher nicht einfach mal dahin gelegt, um ein wenig auszuruhen, nachdem er ein Gläschen zuviel getrunken hatte. Er war in einem jämmerlichen Zustand – ein beklagenswerter, trauriger Anblick. Niemand beachtete ihn, niemand (ausser mir?) schien sich um den armen Teufel zu sorgen… Ich mache mir seither Vorwürfe, dass ich in diesem Augenblick nicht besser war als der Rest und eine Ambulanz oder eine Polizeistreife gerufen habe und somit nicht weiss, was mit dem Mann geschehen ist.

Solche Bilder kann es in der „lebenswertesten Stadt der Welt“ schlicht und ergreifend NICHT geben. Angesichts dessen scheint dieses Label wie ein Hohn. Es ist ein Schlag ins Gesicht eben dieser armen Gestalten, um die sich weder Einwohner noch Behörden scheren. Es war tatsächlich ein Bild, wie ich es nur aus der Dritten Welt oder aus dem dunklen Osten Europas kenne. Und in Wien gibt es wahrlich viele solcher bedauernswerter Menschen, wenn man nur etwas aufmerksamer hinschaut. In Zürich beispielsweise, welches den Spitzenplatz vor einigen Jahren aus mir schleierhaften Gründen an Wien abtreten musste, sind solche Szenen undenkbar. Da wäre innert Kürze ein herbeigerufenes Careteam vor Ort oder die Polizei, die sich um den Mann gekümmert hätte. Nicht aber in Wien.

Diese Stadt soll also allen Ernstes die weltweit höchste Lebensqualität aufweisen? Garantiert nicht. Nicht, solange solche schrecklichen Szenen noch immer zum Alltag gehören. Das ist nicht mein Wien!

 

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Zigtausende Touristen und Passanten strömen täglich am Stephansdom vorbei, aber wohl kaum ein einziger bemerkt je die unscheinbare kleine Laterne hinter einem der Pilaster an der Hauptfassade. Nahe an der Ecke zum erzbischöflichen Palais ist das kleine, wohl aus neuerer Zeit stammende Laternchen angebracht. Und fast immer brennt darin ein Kerzchen. Irgendjemand scheint sich regelmässig um das Armenseelenlichtlein zu kümmern. Schön.

armenseelenlicht.jpg


Betrachtung eines Kunstwerkes

schultze

Wiederholt ist dieses Gemälde im Dorotheum in Wien angeboten worden unter dem Titel „Am Sankt Gotthard in der Schweiz“. Ein klassisches Beispiel dafür, dass selbst renommierte Auktionshäuser sich nicht immer die nötige Zeit nehmen, die Betitelung von Gemälden, die ihnen angeboten werden, seriös zu überprüfen. Jeder, der schon mal auf dem bekanntesten aller Alpenpässe war, sieht auf Anhieb, dass es sich nicht um den Gotthardpass handeln kann, der als wichtigste Nord-Süd-Verbindung der Alpen gilt.

Was Carl Schultze (1856-1926) hier gemalt hat, ist in Tat und Wahrheit das Stilfser Joch, der 2757 Meter hohe Alpenpass knapp an Schweizer Grenze, der das Veltlin mit dem Vinschgau verbindet. Wir sehen das Hotel Ferdinandshöhe. Im Vordergrund erkennt man den Kaiser-Franz-Joseph-Obelisken von 1888, der um 1925 schliesslich auf den höchsten Punkt der Passstrasse verbracht worden ist. Im Hintergrund auf der Anhöhe ist wohl der Vorgängerbau der Tibet-Hütte zu sehen.

Schultze hat hier mit Sicherheit eine historische Fotografie, respektive Postkarte als (Teil-)Vorlage für sein sehr gekonnt ausgeführtes Ölgemälde auf Holz genommen. Nicht nur wegen dem Wagen, sondern auch wegen dem Hintergrund lässt sich darauf schliessen (siehe Bild unten). Selbst die Holzstämme am Strassenrand und den nicht näher definierten Kubus beim Obelisken hat er in sein Gemälde übernommen.

Bildschirmfoto 2018-10-28 um 22.33.51

Carl Schultze ist in Düsseldorf geboren und gehörte folglich der Düsseldorfer Schule an. Nach seiner akademischen Ausbildung unternahm er mehrere Studienreisen, unter anderem auch durch die Alpen. Dabei entstanden zahlreiche Landschaftsgemälde aus Österreich, Italien und der Schweiz.


Betrachtung eines Kunstwerkes

poledne

Die Aquarelle von Franz Poledne (1873-1932) gehören mit zu den schönsten und akkuratst ausgeführten unter der Vedutenmalerei, wie ich finde. Der weitgehend autodidakte Wiener war ausserordentlich produktiv – kaum eine Ecke in Wien und Umgebung, die er nicht abgebildet hat. Zu Polednes Abnehmer gehörten Personen aus höchten Adelskreisen, gar Kaiser Franz Joseph höchstselbst hat ein Aquarell von Poledne erworben.

Generell zeigen Franz Polednes Sujets wohlbekannte Orte und Ansichten, die zumindest mit der Provenienz überliefert worden sind. Beim hier vorliegenden Aqauarell aus dem Jahre 1909 ist es etwas anders. Das Bild ist bereits wiederholt auf dem Kunstmarkt aufgetaucht, allerdings stets ohne Ortsangabe.  Die grosse Frage also: Welches barocke Palais oder Schlösschen mit Garten und einem lustwandelnden Paar ist hier abgebildet? Vom Baustil her würde ich es – wenn nicht in Wien selbst – eher in die Region östlich der Kaiserstadt verorten. Da sämtliche heute noch existierenden Barockgebäude in Wien weitestgehend dokumentiert sind und sich dieses Gebäude hier in Wien nicht (mehr) finden lässt, vermute ich, dass es sich entweder um ein weniger bekanntes (Land-/Jagd-)Schlösschen irgendwo in ruraler Umgebung handelt, oder aber um einen Wiener Adelssitz, der so nicht mehr existent ist.

Architektonisch erinnert das Gebäude im Entferntesten an den Seitentrakt von Schloss Hunyadi in Maria Enzersdorf. Generell aber würde ich eher an ein ungarisches Landgut denken. Jedenfalls muss es sich um ein Gebäude mit einer gewissen Bedeutung handeln, sonst hätte es Franz Polende nicht abgebildet. Und zwar in seiner üblich natürlichen und fast fotografisch genauen Manier. Polednes Aquarelle vermitteln stets pure Anmut und Schönheit in Strich und Farbwahl. Wer einen Hinweis hat, um welches Gebäude es sich hier handeln könnte… – wird sehr gerne entgegengenommen.


Betrachtung eines Kunstwerkes

ellminger

Es ist die ländliche Idylle schlechthin: eine beschauliche Landschaft, dem Anschein nach im Vorgebirge, im Zentrum der Szene zwei friedlich weidende Kühe und am Zaun ein grosses Holzmarterl mit dem Gekreuzigten. Links leicht in den Mittelgrund gerückt steht ein Hirte mit blauem Kittel. Während der Maler die Tier- und Personenstaffage verhältnismässig gegenständlich ausführt, erinnern der Hintergrund sowie der Himmel in ihrer leichten Diffusität und in der Farbgebung eher an die Malweise eines Daubigny, denn an einen österreichischen Künstler.

Das kleine Ölgemälde auf Holz ist ein reizendes Kabinettstück des Wiener Malers Ignaz Ellminger (1843-1894). War er vorerst als Zeichenlehrer und Dichter aktiv, studierte er später an der Akademie der bildenden Künste in Wien, worauf er sich primär der Landschaftsmalerei zuwandte. Gelegentlich schuf er auch Porträtbilder. Doch in erster Linie bestimmen bäuerliche Idyllen das Werk Ellmingers. Sie zeigen romantische Bauernhofszenen, oft mit Kühen oder Pferden sowie auch Personen. Die Ellmingergasse im 23. Wiener Bezirk erinnert bis heute an den Maler, der dem Wiener Künstlerhaus angehörte.


Eine Ziehrer-Melodie macht der Kenner sofort aus. Dieses wunderschöne Quodlibet aus dem „Fremdenführer“ trägt besonders deutlich die Handschrift des Meisters. Die Textstelle „s’Gibt kein grösseres Vergnügen, als im Walzer hinzufliegen“ ist wohl populärer mit den Worten „Wenn als Wiener du geboren, hast du Glück g’habt in der Tat…“

Eine milde Gabe…


Steht eine ältere Frau mit Kopftuch – dem Anschein nach aus Osteuropa – am Ausgang des Stephansdoms. Ihr lautstarkes Betteln hallt bis ins Schiff hinein. Wenig später ist sie nicht mehr zu hören; sie steht draussen an der Dommauer, raucht eine Zigarette und tippt auf ihrem Handy rum.

Dann kommt einem an der Herrengasse ein eher schäbig gekleideter Mann mittleren Alters entgegen, führt einen freundlich wedelnden Strassenmischling mit sich und bittet in breitem Wienerisch um Kleingeld.

Wem von beiden würden Sie etwas spenden?