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Das kommende Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins wird von Daniel Barenboim dirigiert, ein langjähriger Vertrauter des Orchesters, der 2022 seinen 80. Geburtstag feiert. Es ist das dritte Mal, dass er am Neuhjahrskonzert am Dirigentenpult steht.

Das Programm 2022 ist so „strausslastig“ wie schon lange nicht mehr. Erfreulich dabei ist, dass zum Einen vier Nummern der Sträusse ihre Neujahrskonzertpremiere erleben und dass zum andern der bisher sträflich vernachlässigte Edi Strauss gleich mit zwei Polkas zu Ehren kommt. Eine Steigerung wäre, endlich mal einen Walzer von ihm im Programm zu haben.

Die Dirigenten und Programmgestalter der letzten Jahre scheinen einen Narren gefressen zu haben an Joseph Hellmesberger Junior. Seine Präsenz ist fast schon zur Tradition geworden; heuer gibt’s gleich zwei Stücke von ihm. Abgesehen davon ist einzig Carl Michael Ziehrer als weiterer Name zu lesen – sein Todestag jährt sich 2022 zum 100. Mal. Von ihm gibt’s einen phänomenalen Walzer, welcher in seiner Klangfülle und seinem ungemeinen Wiener Charme die anderen in den Schatten zu stellen vermag. Es wird des Schreibenden persönlicher Höhepunkt an diesem Konzert.

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Am Neujahrskonzert 2022 werden gespielt:

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1. Josef Strauss – Phönix-Marsch; op. 105

Es geht los im festlichen 4/4-Takt. Diesen zwar recht einfachen, aber effekt- und klangvollen Marsch hat Pepi Strauss anlässlich der Eröffnung von Schwenders „Neuer Welt“ geschrieben. Es war dies ein grosses Vergnügungsetablissement in Hietzing, welches vom Wiener „Unterhaltungskönig“ Carl Schwender (1806-1866) um 1860 errichtet und eine der ersten Adressen der tanzwütigen Wiener geworden ist. Josef Strauss hatte die Ehre, mit dem Eröffungskonzert im Mai 1861 betraut zu werden. Eigens dafür schrieb er unter anderem den Phönix-Marsch. Möglicherweise nimmt der Titel Bezug darauf, dass Schwender aus dem alten von ihm für die „Neue Welt“ erworbenen Anwesen in Hietzing etwas Neues, Glänzendes erschaffen hat. Der Marsch fand so grossen Anklang, dass er mehrfach wiederholt werden musste. Er wird heuer zum ersten Mal an einem Wiener Neujahrskonzert gespielt.

2. Johann Strauss (Sohn) – Phönix-Schwingen: Walzer op. 125

In seiner Titelgebung und somit thematisch verwandt mit Pepis Polka ist der erste Walzer von Johann Strauss an diesem Konzert. Seine Uraufführung erlebte er im Jänner 1853 in den heutigen Sofiensälen. Dies, nachdem Johann Strauss nach einer längeren Auszeit zwecks Erholung von Überarbeitung wieder an die Öffentlichkeit getreten ist. Man hatte bereits befürchtet, dass der Meister seine Tätigkeit aufgegeben habe oder gar dem Ableben nahe gewesen sei. Doch da war er wieder in alter Frische. Ein Tag nach einem Konzert organisierte Strauss im Sofienbad einen Ball, an dem er seine Phönix-Schwingen vorstellte. Möglicherweise spielte er damit auf seine eigene Rückkehr ins „Leben“ nach der Rekonvaleszenz an. Der wundervolle Walzer beginnt bereits tonmalerisch wie ein aufsteigender Vogel, worauf frohe und lebendige Melodien sich aneinanderreihen. Eine sehr schöne Wahl!

3. Josef Strauss – Die Sirene; Mazurka op. 248

Zurück zu Josef Strauss, und wir bleiben bei der Mythologie. Von den drei Brüdern findet man bei ihm die Form der gemütlichen Mazurka am häufigsten. So fliesst auch „Die Sirene“ gemächlich und melodiös vor sich hin. Ihre Uraufführung erlebte die Mazurka im Juni 1868 im Rahmen eines Novitätenkonzerts der Sträusse im Volksgarten. Der Publikumsansturm war gigantisch, zumal das Programm hohe Erwartungen geweckt hatte. Der Höhepunkt an diesem Konzert war die Vorstellung von Johann Strauss‘ Paradewerk „Geschichten aus dem Wienerwald„, einer der heute berühmtesten Konzertwalzer der Musikgeschichte. Selbstredend, dass die vergleichsweise einfache und kleine Mazurka von Pepi dabei eine Nebenrolle spielte. Das liebliche Stück ist heute fast vergessen und erlebt am Neujahrskonzert eine Auferstehung. Da sind wir wieder beim Phönix-Motiv…

4. Joseph Hellmesberger II. – Kleiner Anzeiger; Galopp op. 4

Mit dem ersten Hellmesberger-Stück wirds rasant. Der Komponist liebte eine höchst lebendige Kompositions- und Aufführungsweise. Im „Kleinen Anzeiger“ hat er alles gegeben. Über die Hintergründe zu dieser Schnellpolka respektive Galoppe ist wenig bekannt. Es ist eines von Hellmesbergers Frühwerken.

5. Johann Strauss (Sohn) Morgenblätter; Walzer op. 279

Für den Concordia-Ball von 1864, der grossen Faschingsveranstaltung der Wiener Journalisten- und Schriftstellervereinigung in den Sofiensälen, sollten wieder neue Kompositionen geschrieben werden. Zufällig weilte der hochangesehene Jacques Offenbach zu der Zeit in Wien. Die Veranstalter beauftragten ihn mit einem Widmungswalzer ebenso wie ihren Lokalmatadoren Johann Strauss. Letzterer wollte dem weltbekannten Wahlpariser nicht unterliegen und legte sich beim Komponieren ganz besonders ins Zeug. Die Veranstalter gaben Offenbachs Walzer den Namen „Abendblätter“, Straussens nannten sie „Morgenblätter“. Bei der Uraufführung schienen beide Walzer gleichgut beim Publikum anzukommen. Erst im Nachgang zeigte sich, dass Strauss‘ Morgenblätter nichts an Popularität einbüssten. Offenbachs Abendblätter verschwanden bald aus den Musikprogrammen in Wien. Melodien von Morgenblätter fanden später Einzug in die posthume Strauss-Operette „Wiener Blut“. Morgenblätter ist zweifelsohne einer der reizendsten Würfe Johann Strauss‘.

6. Eduard Strauss – Kleine Chronik; Polka op. 128

Rasant geht der erst Konzertteil zu Ende mit Eduard Strauss‘ Schnellpolka, die thematisch und stilistisch an die Hellmesberger-Galoppe anknüpft. Diese Polka gehört ebenfalls zu den Premierestücken an einem Wiener Neujahrskonzert. Man darf sich drauf freuen.

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—— PAUSE ——

Der Pausenfilm ist eine Produktion des österreichischen Filmemachers und Fotografs Georg Riha. Es ist bereits sein siebter Neujahrskonzert-Pausenfilm. Er stzeht im Zusammenhang mit einem grossen Filmprojekt Rihas, welches er anlässlich 50 Jahre Welterbekonvention und 30 Jahre Welterbe in Österreich umgesetzt hat.

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7. Johann Strauss (Sohn) – Ouvertüre zu „Die Fledermaus

Dazu muss man nicht viel sagen: Es ist eines der ganz grossen Meisterwerke der Wienermusik und eine der bezauberndsten Ouverturen überhaupt. Wie Strauss hier die zentralen Motive aus der Operette geschickt vorwegnimmt, ohne sie zu spoilern, und sie geradezu sinfonisch arrangiert, ist und bleibt unerreicht.

8. Johann Strauss (Sohn) – Champagner-Polka; op. 211

Reizend und flott geht’s weiter mit der Champagner-Polka, welche oft als „musikalischer Scherz“ bezeichnet wird, wohl wegen der neckischen Klangeffekte mit Schlagwerk. Strauss zitiert damit das Öffnen einer Flasche Champagner und schliesslich dessen Genuss. Es ist ein Thema, das in der „Fledermaus“ wiederholt vorkommt. Er hat die Polka anno 1858 während seines Aufenthaltes in Pawlowsk geschrieben. Die Wiener Uraufführung fand im November selben Jahres im Volksgarten statt und wurde begeistert aufgenommen. Strauss nahm sie zwei Jahre später allerdings aus dem Programm – aus Pietätsgründen. Der Widmungsträger, Finanzminister Karl Ludwig von Bruck, hatte sich das Leben genommen, weil er zu Unrecht eines Bestechungsdeliktes bezichtigt worden war.

9. Carl Michael Ziehrer – Nachtschwärmer; Walzer op. 466

Ziehrers Nachtschwärmer-Walzer ist aus meiner Sicht DIE Überraschungsnummer innerhalb dieses Programms – die Wahl dürfte auf seinen 100. Todestag zurückzuführen sein. Es ist einer seiner weniger bekannten Konzertwalzer, dabei gehört er zweifelsohne zu den schwungvollsten Ziehrers. Bereits die Einleitung ist einzigartig und ungemein wienerisch. Sie wird eröffnet mit Getrommel und fröhlicher Marschmusik und geht danach über in einen langsamen ¾-Takt. Dann die Überraschung: Die langsame Walzermelodie in der Einleitung wird vom Orchester mitgesungen. Es ist ein schlichter, aber zum Titel des Walzers passender Vers:

Freundin, was denkst du denn,
woll’n wir nach Hause geh’n,
oder wir bleib’n noch hier,
bist du dafür?
Bis dass der Tag erwacht
Und uns die Sonn‘ anlacht,
Freundin, dann geh’n mar z’Haus,
schlafen uns aus.

Nun pfeifen die Sänger die folgende Melodie, bis diese leise zuende geht und nach einer kurzen Verschnaufpause der Hauptwalzer in einem mächtigen Forte einsetzt. Es folgen beschwingte Sequenzen, bis das Stück im vierten Walzerthema einen beispiellosen Höhepunkt erlebt. Es ist sehr zu hoffen, dass die Philharmoniker diejenige Version spielen, welche dieses wunderbare Thema wiederholt. Zum Schluss, nachdem der Hauptwalzer nochmals erklungen ist, verliert sich das Stück mit einer Reprise des gesungenen Textes in der Stille.

10. Johann Strauss (Sohn) – Persischer Marsch; op. 289

Von Wien in den Orient: Strauss war zwar selbst nie in Persien, dennoch schrieb er diese Hommage an das geheimnisvolle Land und führte sie erstmals im Frühsommer 1864 in St. Petersburg auf. Er widmete das mit orientalischen Harmonien angereicherte Stück dem persischen Schah Nāser ad-Din Schāh. Die Wiener Uraufführung erfolgte im Oktober selben Jahres und wurde zunächst eher verhalten aufgenommen.

11. Johann Strauss (Sohn) – Tausend und eine Nacht; Walzer op. 346

Das Thema Orient bleibt. Mit der Operette „Indigo und die 40 Räuber“ bestand Strauss sein Wiener Theaterbühnen-Debut. Der Librettist Richard Genée dürfte daran massgeblich beteiligt gewesen sein. Die Uraufführung von Strauss‘ Bühnenerstling erfolgte im Februar 1871 im Theater an der Wien. Bereits einen Monat später publizierte der Komponist den Walzer „Tausend und eine Nacht“ mit Motiven aus der Operette. Sein Bruder Eduard dirigierte die Erstaufführung im Wiener Musikverein, genau da, wo wir den populären, wundervollen Walzer jetzt wieder erleben. Die Operette ist heute kaum mehr bekannt, der Walzer umso mehr.

12. Eduard Strauss – Gruss an Prag; Polka op. 144

Der zweite Beitrag vom „Schönen Edi“ in diesem Programm ist sehr reizvoll. Es ist eine liebliche Widmung an die goldene Stadt an der Moldau. Kenner vom Oeuvre Emile Waldteufels dürften beim Hauptthema der Strauss-Polka die frappierende Ähnlichkeit mit demjenigen von Waldteufels op. 203, der Polka „Retour des Champs“, erkennen. Ob der „Strauss Frankreichs“ bei Edi aus der Ferne ein bisschen abgeschaut hat? Vielleicht auch nur Zufall, da sich die Ähnlichkeit auf die ersten paar Takte beschränkt.

13. Joseph Hellmesberger II. – Heinzelmännchen; Charakterstück

Das zweite Stück Hellmesbergers in diesem Programm zitiert in seinen Harmonien zu Beginn das Thema von Strauss‘ Persischem Marsch. Es reihen sich neckische Melodien und Passagen aneinander, die fast schon Filmmusikcharakter haben und nicht mehr typisch „wienerisch“ wirken. Eine willkommende kleine Abwechslung innerhalb der konzentrierten Strauss-Fülle.

14. Josef Strauss – Nymphen-Polka; op. 50

Und nochmal landen wir bei der Mythologie. Für den Strauss-Ball im Februar 1858 in den Sofiensälen waren 13 Neuheiten angekündigt, sieben von Johann, sechs von Josef. Darunter war auch die Nymphen-Polka, doch ob sie tatsächlich an diesem Konzert uraufgeführt worden ist, bleibt zweifelhaft. Denn es gibt Presseberichte, welche die Polka bereits zu einem früheren Zeitpunkt nennen und für ein anderes Konzert an diesem Ort ankündigen. Ob Josef Strauss mit den Nymphen Bezug nimmt auf die weiblichen Naturgeister der griechischen Mythologie oder nicht doch eher auf die feschen Damen, welche im Sofienbad jeweils geschmeidig ihre Runden im Wasser drehen?

15. Josef Strauss – Sphärenklänge; Walzer op. 235

Mit wahrhaftig himmlischen Weisen geht das offizielle Programm 2022 zu Ende: Josef Strauss‘ Meisterwerk gehört zu den fantastischsten Tongedichten der Wienermusik. Mit einer träumerischen Einleitung mit ungemein geschickt arrangierten Tonartenwechseln hebt der Komponist sein Publikum sprichwörtlich in eine andere Sphäre. Seine Uraufführung erlebte der Walzer im Jänner 1868 anlässlich des Medizinerballs in den Sofiensälen. Eine heitere Nebennotiz ist die Tatsache, dass ausgerechnet an einer Veranstaltung von Wissenschaftlern, die forschungsmässig auf Mess- und Greifbares erpicht sind, ein Walzer gespielt wird, der eine Welt jenseits der erfahrbar irdischen thematisiert. Dies merkte sinngemäss eine Wiener Tageszeitung am Tag nach der Uraufführung an.

Wie immer folgen nach der ersten Zugabe und dem traditionellen Neujahrsgruss der Walzer „An der schönen blauen Donau“ sowie der Radetzky-Marsch von Johann Strauss (Vater).


Das Bäckerkreuz im 8. Bezirk.

Das Bäckergewerbe in Wien ist seit Jahrhunderten nachgewiesen. Brot und Kuchen wurden rund um die Stephanskirche bereits in der ersten Hälfte des 13. Jh. verkauft, und am Graben existierte ein Brothaus. Spätestens Mitte 15. Jh. verfügten die Wiener Bäcker über ein eigenes Zunfthaus an der Krugerstrasse. Jedoch bereits früher hatte an der Stelle der heutigen Währinger Strasse 42 eine gotische Wegsäule existiert, welche dem Wiener Bäckergewerbe gewidmet war. Sie ist mit 1506 datiert und verweist laut Inschrift auf einen Paul Lundler, Zechmeister der Bäcker. Das Gebäude, vor dem die gotische Steinsäule stand, diente als Lazarett und wurde Bäckenhäusel genannt. Die Bezeichnung ging vermutlich auf dieses Bäckerkreuz zurück. Nach dem Abbruch des Bäckenhäusels im Jahre 1907 wurde die gotische Säule in einem städtischen Depot eingelagert.

1933 überliess sie die Stadt Wien der Bäckerinnung, welche sie im Innenhof ihres Sitzes an der Florianigasse 13 im 8. Bezirk aufstellte. Dort ist sie noch immer zu betrachten, wird jedoch von der Öffentlichkeit so gut wie nicht wargenommen. Es handelt sich um das älteste plastische Kulturdenkmal in der Josefstadt.

Eine genauere Betrachtung der gotischen Gedenksäule bringt Interessantes ans Licht. Der hoch auf dem Schaft platzierte kubische, mit einem eisernen Kreuz bekrönte Aufsatz weist auf allen vier Seiten spitzbogige Kartuschen auf. Zwei von ihnen sind leer, die anderen zeigen Reliefdarstellungen vom Schmerzensmann und vom heiligen Nikolaus, dem Patron der Bäckersleute. Am oberen Ende des Schaftes ist eine Bretzel als Zunftzeichen eingemeisselt, unterhalb davon die Widmung für Paul Lundler.

Die Reliefarbeiten und die Inschriften.

Trotz ihres verwitterten Zustandes konnten die bald nicht mehr lesbaren Inschriften noch rechtzeitig entziffert werden. Im Feld unterhalb des Schmerzensmannes ist – später hinzugekommen – zu lesen: Sag Gott dem Herrn dannch dass Raab ist gechommen in der Christen Handt den 29. Marzii 1598. Die Inschrift soll auf Geheiss Kaiser Rudolfs II. angebracht worden sein. In besagtem Jahre gelang es ihm, die im Zuge der ersten Türkenbelagerung eingenommene Stadt Raab, heute Györ, zurückzuerobern. Sämtliche Wegkreuzte sollten diese Inschrift tragen. Dadurch wollte sich der Kaiser als Sieger über die Türken verewigen.

Das Haus der Bäckerinnung an der Florianigasse

Eine von vielen kleinen Besonderheiten am und im Stephansdom finden wir seitlich in einem Pfeiler des Adlertores eingelassen: ein farblich sich vom Rest abheneder, schuhschachtelgrosser Steinquader. In seiner Mitte ist eine kleiner Bronzetafel angebracht, die verrät, was es mit diesem „fremden“ Stein auf sich hat:

Demnach stammt dieser Steinquader aus dem 15. Jahrhundert vom Ulmer Münster. Zum Geschenk gemacht worden ist der Stein von der Stadt Ulm am 30. Juni 1977 anlässlich des 600. Jahrestages der Grundsteinlegung zum Ulmer Münster. Die Verbindung zwischen diesen zwei bedeutenden gotischen Kirchengebäude: An beiden haben dieselben Baumeister ihr hohes Kunsthandwerk ausgeübt.

Eine nette Geste.

Der Stein vom Ulmer Münster

Betrachtung eines Kunstwerkes

Anna Maria Barbara Abesch: Die Heilige Dreifaltigkeit

Die Luzerner Barockmalerin Anna Maria Barbara Abesch (1706-1773) hat die Kunst der Hinterglasmalerei perfektioniert wie niemand anderes zu ihrer Zeit. Ihre Gemälde zeigen zumeist biblische Szenen in barocker Opulenz und mit grossem Figurenreichtum. Eines der wohl bemerkenswertesten Gemälde unter Abeschs gesicherten Werken findet sich im Stiftsschatz von St. Leodegar im Hof in Luzern. Mit ausladenden barocken Rocaillenschnitzereien umfangen, bildet das 1741 entstandene Gemälde von stattlichem Format den Aufbau eines Reliquiars mit drei Kammern.

Der Betrachter erhält einen Blick in den Himmel auf die Heilige Dreifaltigkeit: In der Bildmitte sind drei Thronsessel platziert. Im mittleren sitzt Gottvater. Zu seiner Linken der Heilige Geist in Menschengestalt, eine Taube haltend. Der Thron zu Gottes Rechten ist noch leer. Er ist für Jesus Christus vorgesehen, der in diesem Moment noch auf Erden wirkt und erst nach seiner Himmelfahrt hier Platz nehmen wird. Am linken Rand musiziert ein vielköpfiges Engelsorchester, gegenüber ist eine ebenso grosse Schar an singenden Engeln.

Was das Gemälde erst richtig besonders macht, ist die Tatsache, dass Gottvater das einzige männliche Wesen innerhalb dieser Szenerie ist. Sämtliche Engel sind weiblich, und auch der personifizierte Heilige Geist erscheint als Frauengestalt. Erst nach Ankunft vom Gottessohn würde immerhin eine zweite Männerfigur präsent.

Abesch gibt hier den Himmel als einen von Frauen dominierten Ort wieder. Mit der weiblichen Heilig-Geist-Gestalt gibt Abesch der Trinität eine prominente weibliche Dimension. Die Künstlerin hält damit an einer in der hebräischen Bibel begründeten Tradition fest, den Heiligen Geist mit weiblich konnotierten Bildern darzustellen. Später wechselte dieser Usus vorübergehend zu einer geschlechtsneutralen Symbolik, bevor schliesslich DER – maskuline – Heilige Geist Einzug hielt, was sich bis heute hält. Und doch: Es gibt Vertreterinnen und Vertreter der Kirche, welche im Spiritus Sanctus das Element der Mutter sehen, wodurch die Dreifaltigkeit eine Art Inbild der Familie mit Vater, Mutter und Sohn wird.

Das hier beschriebene, herrliche Gemälde von Anna Maria Barbara Abesch war lange hinter Türen der alten Schatzkammer in der Hofkirche verschlossen, war angelaufen und eingestaubt. Als die Schatzkammer vor wenigen Jahren aufgeräumt und auf Vordermann gebracht worden ist, wurde auch das Abesch-Gemälde aufbereitet und ist nun im Rahmen von öffentlichen Führungen zu besichtigen. Informationen unter www.luzern-kirchenschatz.org


Die Katholische Kirche feiert am 8. Mai den 500. Geburtstag des Jesuiten Petrus Canisius (1521-1597), illustre Schlüsselfigur der Gegenreformation. Seine letzten Lebensjahre verbrachte der Heilige in der Schweiz.

Artikel aus der „Luzerner Zeitung“ vom 7. Mai 2021, Andreas Faessler

Büste von Petrus Canisius als Diözesanpatron im Innsbrucker Dom St.Jakob.

Schon sein Geburtsdatum sollte ein Omen sein: Am 8. Mai 1521 – exakt an jenem Tag, als über Marin Luther in Worms rückwirkend die Reichsacht verhängt wurde – kam Pieter Kanijs im niederländischen Nimwegen zur Welt. Später Petrus Canisius genannt, ist er als einer der ersten Jesuiten und zugleich eine der wichtigsten Figuren der Gegenreformation in die europäische Geschichte eingegangen.

Schon sein Geburtsdatum sollte ein Omen sein: Am 8. Mai 1521 – exakt an jenem Tag, als über Marin Luther in Worms rückwirkend die Reichsacht verhängt wurde – kam Pieter Kanijs im niederländischen Nimwegen zur Welt. Später Petrus Canisius genannt, ist er als einer der ersten Jesuiten und zugleich eine der wichtigsten Figuren der Gegenreformation in die europäische Geschichte eingegangen.

Ab 1555 wirkte Petrus Canisius von Augsburg aus hauptsächlich im süddeutschen Raum, 1556 wurde er Ordensprovinzial. Er war hochbejubelt von seinen Anhängern, hingegen tief verachtet von vielen Protestanten, obschon sich Canisius Letzteren gegenüber stets bewusst respektvoll äusserte. 1562 nahm Canisius am Konzil von Trient teil und instruierte anschliessend kirchliche Entscheidungsträger im Norden über die Beschlüsse. Als Vertrauter und Berater des Kaiserhauses, katholischer Fürstenhöfe und der Gesandten des Heiligen Stuhls gewann Canisius immer mehr Einfluss, sodass er zur wichtigsten Leitfigur der Gegenreformation wurde. Als solche legte er eine ausserordentliche Kampfeslust an den Tag. Er schrieb förmlich gegen die Reformation an und verfasste weitere Katechismen, um den katho­lischen Glauben zu festigen.

Allerdings liegt über Cani­sius’ Verdiensten auch Schatten: Er befürwortete die Hexenverfolgung bedingungslos und heizte die Stimmung durch seine Predigten an. Historiker sehen ihn gar als Wegbereiter für eine weitere grausame Welle des Hexenwahns in Europa.

Wirken und Tod in der Schweiz

Nach einem Zerwürfnis mit seinem Nachfolger als Provinzial im Jahre 1580 wurde Petrus Canisius nach Freiburg im Üechtland versetzt. Hier gründete er das Jesuitenkolleg St.Michael, aus welchem später die Universität hervorgegangen ist. Als Cansius’ Gesundheit ab 1590 nachliess, zog er sich allmählich aus dem öffentlichen Leben zurück. Er starb am 21. Dezember 1597 in Freiburg. Er ist in einer an die Jesuitenkirche angebauten Grabkapelle bestattet.

Petrus Canisius, der «Zweite Apostel Deutschlands» – nach Bonifatius –, ist im Jahre 1925 von Papst Pius XI. heiliggesprochen und zum Kirchenlehrer ernannt worden.


Betrachtung eines Kunstwerkes

Anton Bütler: Prozession vor der Kirche St. Oswald in Zug

(Beitrag in der „Zuger Zeitung“ vom 1. Mai 2021)

Anton Bütler, Ölgemälde von 1846: Andächtig wohnen Zugerinnen und Zuger dem feierlichen Prozessionsauszug aus der Kirche St.Oswald bei.

Es ist ein Moment höchster Andacht und frommer Demut: Geneigten Hauptes, teils kniend wenden sich die Menschen dem Auszug aus der Kirche zu, um sich wohl bald mit den Voranschreitenden zu einer Prozession zu formen. Vielleicht feiern sie Fronleichnam? Die meisten Menschen tragen ihre schönste Sonntagskleidung und halten sich an das Gebot der Geschlechtertrennung: Die Damen sammeln sich links am Gassenrand, die Herren rechts vor der Mauer.

Die Prozession wird angeführt von älteren Messdienern, Fahnenträgern und Kruziferar. Ihnen folgen ein Diakon und zwei junge Mädchen in weissen Kleidern mit Girlande in den Händen, hinter ihnen ein Trupp Ministranten, einer davon schwingt das Weihrauchfass. Unter einem blauen Baldachin folgt der Priester – es dürfte sich in diesem Fall um Johann Jakob Bossard handeln, von 1830 bis 1856 Stadtpfarrer von Zug. Er trägt die Monstranz mit dem Allerheiligsten.

Trotz der Vielfigurigkeit der hier dargestellten Szenerie liegt eine überaus sakrale Aura und Stille in diesem Winkel der Altstadt, welche jeder Ortskundige sofort als diejenige von Zug erkennt. Zu sehen ist prominent die spätgotische Kirche St.Oswald, von der gleichnamigen, bsetzisteingepflasterten Gasse aus. Rechts steht das noch heute genau so vorhandene barocke Sandsteinkreuz mit Totenschädel.

Durch die Gassenflucht fällt der Blick auf das ehemalige Stadtspital von 1517, welches 1876 zum Burgbachschulhaus in seiner heutigen Gestalt umgebaut worden ist. Betont wird der Stellenwert des tiefen Gottesglaubens in der abgebildeten Szene durch die perspektivische Überhöhung der Oswaldskirche ohne stürzende Linien sowie durch das Licht, welches direkt auf deren Schaufassade und das Zentrum des Geschehens fällt. Und selbst der Hund ganz im Vordergrund scheint von der Spiritualität ergriffen und sich respektvoll zu gebaren.

Bildung in München und Düsseldorf

Was wir hier vor uns sehen, ist ein eindrucksvolles Ölgemälde des Freiämter Historien-, Kirchen- und Landschaftsmalers Anton Bütler (1819–1874). Im nahen Dorfe Auw geboren, entstammte er einer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Künstlerfamilie – Antons Vater Nikolaus (1786–1864) und sein jüngerer Bruder Joseph Nikolaus (1822–1885) waren ebenfalls Kunstmaler. Aufgewachsen ist Anton Bütler in Küssnacht am Rigi, von wo seine Mutter Anna Maria, geborene Trutmann, herstammte. 1820 war die ganze Familie ins Schwyzer Dorf gezogen. Vater Nikolaus erteilte seinem Sohn bald den ersten Malunterricht.

Im jungen Alter von 16 Jahren ging Anton Bütler nach München und immatrikuliere an der dortigen Kunstakademie. Er erwies sich als talentierter Kopist alter Meister, weshalb der Nazarener Peter von Cornelius (1783–1867), seit 1825 Leiter der Akademie, auf den jungen Schweizer aufmerksam wurde und ihn als Berater für die Gestaltung der Universitätskirche St.Ludwig heranzog.

Zurück in seiner Heimat im Jahre 1840 – nun wohnhaft in Luzern – führte Bütler mehrere sakrale und profane Aufträge aus. 1848 begab er sich an die Düsseldorfer Akademie zur Weiterbildung und verbrachte ab 1858 ein Jahr in Rom, wo er erneut auf Peter von Cornelius traf. Wieder in Luzern, blieb er da sesshaft und nahm mit seinem nunmehr gewachsenen Ansehen als Künstler wie auch seinem geschärften Verständnis für die geschichtliche Bedeutung der Malerei Einfluss auf die allgemeine Perzeption der historischen Kunst. Es war ihm ein Anliegen, insbesondere bestehende sakrale Werke nicht einfach achtlos durch simples Übermalen dem Stil der Zeit anzupassen, sondern sie in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten und zu konservieren.

Anton Bütler strebte eine Karriere in Düsseldorf an und reiste im Jahre 1865 zu seinem dort wirkenden Bruder Joseph Nikolaus. Doch konnte er nicht richtig Fuss fassen, dennoch war er einige Jahre Mitglied des einflussreichen Düsseldorfer Künstlervereins Malkasten. Ab 1868 war Anton Bütler wieder zurück in Luzern, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1874 verblieb.

Ein religiös konnotiertes Genrebild

Bütlers künstlerisches Erbe umfasst weltliche und kirchliche Historienbilder, Altargemälde und zahlreiche Landschaftsveduten. Man weiss auch von einigen wenigen Porträts und Genrebildern. In letztere Sparte lässt sich unser hier präsentiertes Gemälde am besten einordnen, zumal es eine Szene des Alltags zeigt mit Menschen, die einer Gepflogenheit frönen – hier der Eucharistie in einer feiertäglichen Form. Geschaffen hat Anton Bütler die Szene in der Zuger Altstadt im Jahre 1846, sie ist datiert neben der Signatur. Er schenkt selbst dem kleinsten Detail volle Aufmerksamkeit: Gesichter und Kleidung der Menschen sind fein ausgearbeitet, der gotische Zierrat an der Kirchenfassade ist so feinteilig wie in natura, und selbst an den Fassaden der entfernteren Gebäude erkennt man kaum einen schnellen Pinselstrich. Hoch in der Luft ziehen einige Schwalben ihre Runden vor dem wolkendurchzogenen Himmel.

Es finden sich von Bütler Altar- und Deckenbilder unter anderem in der Luzerner Hofkirche, in den Kirchen von Vitznau, Hergiswil, Rain und Malters. Von ihm stammte auch die Ausmalung der Kapelle an der Hohlen Gasse in Küssnacht. Dieses Werk ist jedoch nicht mehr vorhanden. Ansonsten stösst man auf dem Kunstmarkt hauptsächlich auf eindrucksvolle Landschaftsgemälde, vornehmlich aus der Region Vierwaldstättersee. Diese sind im Stil der sogenannten «Paysage intime» gehalten – liebliche, weitgehend naturgetreue Ausschnitte der heimatlichen Umgebung. Obschon Anton Bütler hauptsächlich in der Zentralschweiz tätig war, scheint er im Kanton Zug vergleichsweise wenig gewirkt zu haben. Allein deshalb darf man das vorliegende Gemälde als Rarität ansehen.


Betrachtung eines Kunstwerkes

Benno Rafael Adam: Selbstbildnis

Dieses Bild von Benno Rafael Adam (1812-1892) ist eine Besonderheit in doppelter Hinsicht. Zum einen ist es eines der seltenen Beispiele in seinem Oeuvre, welches einen Menschen alleine darstellt, da von diesem Maler fast ausschliesslich Tierbilder bekannt sind.

Zum anderen ist es wohl eine der sehr sehr wenigen Abbildungen des bekannten Künstlers: Es handelt sich mit Sicherheit um ein Selbstbildnis. Ein Vergleich mit den sehr wenigen existierenden Fotografien des Malers lassen absolut keine Zweifel offen. Allein aus diesen beiden Gründen haben wir es hier mit einer Rarität zu tun.

Die malerische Feinheit dieses Gemäldes mag mit Benno Rafael Adams phänomenalen Tierdarstellungen bei weitem nicht mithalten – das Porträt ist nicht so akribisch ausgearbeitet, pastoser als seine Tiergemälde und mit recht breitem, aber sehr sicheren Pinselstrich ausgeführt. Dennoch ist es ein feines Herrenporträt in handlichem Format.


Betrachtung eines Kunstwerkes

John Watkins Chapman: The Sailor’s Story („Seemannsgarn“)

Der junge, gut gelaunte Matrose hat seiner Familie offenbar einiges zu erzählen. Die Augen der am Holztisch Sitzenden sind gespannt auf ihn gerichtet. Das Schiffsmodell, auf welches er zeigt, wird demjenigen entsprechen, mit dem er soeben von hoher See zurückgekehrt ist – der Papagei im Käfig zu seinen Füssen verrät’s nämlich: Es war unter Seeleuten verbreitet, dass sie von ihren Expetitionen in die Tropen exotische Vögel als Andenken mit nach Hause brachten. Die Hautfarbe des adretten, vollbärtigen Mannes im klassischen Matrosendress lässt den Schluss zu, dass er viel Sonne abgekriegt hat.

Das Ölgemälde auf Leinwand stammt vom englischen Maler, Zeichner und Grafiker John Watkins Chapman (1853-1903). Biografisch ist über den Künstler nur wenig bekannt. Er war insbesondere auf die Mezzotinta spezialisiert, eine besonderes Schabkunst-Druckverfahren. Zahlreiche Schab-Drucke hat er nach Gemälden berühmter englischer Meister erstellt. Seine zweite Haupttätigkeit war die Genremalerei, zu welcher das vorliegende Gemälde gehört. Von ihm sind hauptsächlich historisierende, vielfach kleinteilige Interieur- und Strandszenen bekannt. Seine Werke zeugen von einer ausgereiften Fertigkeit, vor allem in der Lichtführung, was insbesondere bei dem hier gezeigten Werk sehr deutlich hervortritt: Gekonnt taucht er den gesamten Raum – eine rustikal eingerichtete Stube – in das Licht, welches durch das Fenster im Hintergrund auf die Szene in Richtung des Betrachters fällt.

John Watkins Chapman ist in London geboren und hat hier wohl bis zu seinem Tod gelebt und gearbeitet. Seine Werke wurden im Rahmen bedeutender Kunstausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert.


Betrachtung eines Kunstwerkes

Hans Andersen Brendekilde: Betagtes Bauernpaar

Die Gemälde von Hans Andersen Brendekilde (1857-1942) geben vornehmlich ungeschönte Genreszenen aus dem ländlichen Alltag seines Heimatlandes Dänemark wieder. Das einfache Landvolk in seiner ganzen Bandbreite bannt der zeitlebens überaus produktive Künstler dabei auf Leinwand, besonders sein Frühwerk ist von diesem Thema geprägt. Was dabei auffällt: Menschliche Fröhlichkeit existiert in seinen Motiven fast nie, selbst die Kinder haben kaum je ein Lachen im Gesicht. Die positive Ausstrahlung seiner Gemälde reduziert sich meist auf die ausserordentliche Klarheit, die den oft sehr hellen, sanften Farben innewohnt. Saftige Blumenfelder und die prächtigen Farben der Natur zu allen Jahreszeiten sind in vielen seiner späteren Werke durch und durch lebensbejahend, doch von den Menschen, die er darin in Szene setzt, geht diese Wirkung nach wie vor kaum aus. Häufig findet sich der Aspekt der Vergänlichkeit, ja sogar des menschlichen Todes in konkretester Form in Brendekildes Schaffen wieder.

Unser hier vorgestelltes Bild mit einem sich unterhaltenden Bauernpaar vermittelt zwei unterschiedliche Stimmungsbilder: Es ist nicht genau erkennbar, welcher Art das Gespräch des Paares ist. Einerseits mag man denken, die beiden betagten Eheleute geniessen die Ruhe im Freien und führen eine nette Unterhaltung. Andererseits könnte man den von den Jahrzehnten gezeichneten harten Gesichtsausdruck der Frau dahingehend deuten, dass sie ihrem Mann eine Standpauke hält. Herrscht zwischen den beiden noch Harmonie, oder ist ihre Liebe schon lange Geschichte? Reizend auf jeden Fall ist der kleine Hund, der hinter der Frau sitzt und am Ende der marod gewordenen Hofscheune mit angehobenen Ohren eine Katze ins Visier nimmt. Ein subtil schalkhaftes Element, wie es sonst eher selten auszumachen ist im Werk Brendekildes. Die Farbwahl bei diesem Gemälde ist für den Dänen insofern eher ungewöhnlich, als er eher erdige, in ihrer Intensität deutlich zurückhaltendere Töne wählt als sonst.

Hans Andersen Brendekilde, selbst ein Bauernkind, wurde als Hans Andersen geboren. Da es in Dänemark jedoch tausende Männer dieses Namens gab und gibt, hat er als Namenszusatz seinen Geburtsort Brendekilde bei Odense gewählt. An der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen studierte er Bildhauerei und später Malerei. Mit seinem Künstlerkollegen Laurits Andersen Ring, neben Brendekilde der bedeutendste Genremaler Dänemarks jender Zeit, verband ihn ein Leben lang eine sehr enge Freundschaft.


Betrachtung eines Kunstwerkes

Ludwig Rösch: Treppenhaus im Palais Albert Rothschild, Wien

Es scheint lange nicht bekannt gewesen zu sein, welches prächtige Foyer diese beiden Gegenstücke darstellen. Dass das Motiv aufgrund der Biografie des Künstlers primär in der Kaiserstadt Wien zu suchen war, lag auf der Hand. Und dort wurde der Wienkenner denn tatsächlich auch fündig. Was der bekannte österreichische Maler Ludwig Rösch (1865-1936) hier gekonnt abbildet, ist die Prunktreppe im Palais Albert Rothschild, ehemals an der Adresse Prinz Eugen-Strasse 20-22 im 4. Bezirk. Von diesem einstigen Rothschild’schen Privatpalast sind nur sehr wenige Fotografien und Abbildungen mehr vorhanden. Vom Inneren, insbesondere vom Stiegenhaus, existieren maximal eine handvoll Aufnahmen. Umso kostbarer und bedeutender ist das gemalte Zeitzeugnis, welches uns Ludwig Rösch hier hinterlässt.

Nathaniel und Albert Rothschild, die beiden Söhne des in Wien zu einem grossen Vermögen gekommenen Bankiers Salomon Rothschild, liessen sich unweit des Belvedere je ein Wohnpalais erbauen. Albert Rothschild beauftragte den französischen Architekten Gabriel-Hippolyte Destailleur mit dem Entwurf eines monumentalen Wohnpalastes im Stil der für Wien ungewöhnlichen französischen Neorenaissance. Sowie innen wie auch aussen war das Palais mit verschwenderischer Pracht gestaltet, die Räume waren riesig, wenn nicht gar weit überdimensioniert. Die Weltwirtschaftkrise in den 1930er-Jahren zwang Rothschild, in ein bescheideneres Heim umzuziehen. Der Palast stand hernach leer.

Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland wurde das Palais „arisiert“. Adolf Eichmann koordinierte von hier aus die Deportationen der österreichischen Juden in die Vernichtunslager im Osten. Bombenangriffe beschädigten das Palais Rothschild 1944. Da sich nach dem Krieg kein Käufer für das Anwesen fand, wurde die Einrichtung in alle Himmelsrichtungen verscherbelt. Mit dem Abriss 1955 verschwand der Rothschild’sche Palast mitsamt seiner tragischen Geschichte von der Bildfläche.

Die beiden Aquarelle vermitteln eine Idee davon, wie verschwenderisch das Gebäude ausgestattet war. Neben einer die Raumflucht füllenden Ahnengalerie und übermannshohen Figuren am doppelläufigen Treppenaufgang waren die Wände des Obergeschosses flächendeckend freskiert.

Ludwig Rösch liess sich in Wien ausbilden, lebte in mehreren europäischen Ländern, liess sich ab 1907 in seiner Heimatstadt Wien nieder, war hier Mitglied der Secession und des Dürerbundes. Er starb am 30. März 1936 als angesehener Künstler.


Das wegen Covid-19 unter besonderen Umständen und ohne Saalpublikum stattfindende Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2021 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins wird von keinem Geringeren dirigiert als Riccardo Muti. Bereits zum sechsten Mal steht der Italiener in Wien am Pult und eröffnet mit dem Orchester das Neue Jahr. Seit 50 Jahren arbeitet Muti eng mit den Wiener Philharmonikern zusammen. Dieses Dirigat erhält somit einen gewissen Jubiläumscharakter.

Das Programm 2021 überrascht mit überdurchschnittlich vielen Trouvaillen, welche in ihrer Zahl die populären „Gassenhauer“ sogar überwiegen. Vertreten sind diesmal mit Carl Zeller und Karl Komzák zwei hochkarätige Komponisten, welchen – nach aktuellem Wissensstand – die Ehre bislang verwehrt geblieben ist.

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Am Neujahrskonzert 2021 werden gespielt:

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1. Franz von Suppé – Fatinitza-Marsch

Das Programm eröffnet opulent und zackig mit einem Marsch des Pioniers der Wiener Operette. Es ist bedauerlicherweise das einzige „Überbleibsel“ seiner gleichnamigen Operette „Fatinitza„, welche anno 1876 in Wien uraufgeführt worden ist. Heute hört man kaum mehr etwas von ihr. Der wundervolle Marsch hingegen hat sich in die Gegenwart hinüberretten können.

2. Johann Strauss (Sohn) – Schallwellen; Walzer op. 148

Op. 148 gehört zu den kaum bekannten Konzertwalzern von Strauss Junior. Er hat ihn für den Technikerball 1854 geschrieben. Dieses Strauss-Frühwerk lässt noch Einflüsse von Zeitgenossen seines Vaters und auch von diesem selbst erkennen. Erst später war Strauss Juniors persönliche Handschrift ausgereift. Musikalisch und arrangementtechnisch mögen die „Schallwellen“ einen bei weitem nicht gleichermassen mitreissen wie die bekannteren Walzer Schanis, aber dass sie im Rahmen eines Neujahrskonzerts eine „Reinkarnation“ erleben, ist Grund zur Freude.

3. Johann Strauss (Sohn) – Niko-Polka; op. 228

Fünf Jahre nach den „Schallwellen“ schrieb Strauss diese flotte Polka während eines Russland-Aufenthaltes. Er holte sich die Inspiration aus einem russischen Volkslied, eine entsprechende Note haben denn auch die darin enthaltenen Harmonien. Die Polka ist nach ihrem Widmungsträger, dem Fürsten Nikolaus Dadiani von Mingrelien, benannt.

4. Josef Strauss – Ohne Sorgen; Polka op. 271

Der erste Gassenhauer im Programm 2021 und schon oft aufgeführt an den Neujahrskonzerten. Er steht mit der vorigen Nummer in thematischem Zusammenhang: Josef Strauss komponierte diese Polka während eines Aufenthaltes mit seinem Bruder Johann im russischen Pawlowsk im Sommer 1869. Josef war zu dem Zeitpunkt jedoch von seiner Krankheit gezeichnet. Die fröhlich-übermütige Polka stand demnach stark im Gegensatz zu seinem allgemeinen Befinden.

5. Carl Zeller – Grubenlichter

Jetzt schafft es auch noch der Herr Zeller in den Goldenen Saal, das war höchste zeit. Walzerarrangements von Carl Zeller sind extrem rar, ohnehin steht alles im Schatten seiner erfolgreichsten Operette „Der Vogelhändler„. Der Walzer „Grubenlichter“ basiert auf Melodien der heute weitgehend vergessenen Operette „Der Obersteiger„. Charakteristisch sind die alpenländich-ländlerhaft anmutenten Sequenzen, die vielmehr Gemütlichkeit versprühen als das Tanzbein reizen.

6. Carl Millöcker – In Saus und Braus; Galopp

Wir bleiben bei den heute vergessenen Operetten: Diese Galoppe zitiert Melodien aus Millöckers „Der Probekuss“ aus dem Jahr 1894. Auch dieses Bühnenwerk ist schon lange in der Dunkelheit der Archive verschwunden. Umso schöner, dass es in Form dieser Nummer hier wieder ein klein wenig auflebt.

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—— PAUSE ——

Pausenfilm „Happy Birthday, Burgenland! 1921–2021“. Der Bundesstaat im Osten Österreichs ist das Thema des Pausenfilms, Joseph Haydn und Franz Liszt wird dabei besondere Aufmerksam zuteil.

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7. Franz von Suppé – Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“

Von den zahlreichen Ouvertüren aus von Suppés Hand ist diese hier neben „Eine leichte Kavallerie“ zweifelsohne die bekannteste. Bis heute hat sie sich gehalten und wird im Rahmen von Konzerten gespielt. Anno 1846 in Wien uraufgeführt, wurde das geplante Bühnenstück selbst erst über ein halbes Jahrhundert, lange nach von Suppés Tod, fertiggeschrieben. Die Ouvertüre besteht sowohl aus lieblich-ruhigen wie auch aus zackigen, flotten Themen. Eine gute Wahl für die Eröffnung des zweiten Programmteils.

8. Karl Komzák – Bad’ner Mad’ln; Walzer op. 257

Mit Karl Komzák II. kommt heuer ein weiterer Meister der Wiener Musik zum Zuge, dem das Neujahrskonzert bislang zu Unrecht „verwehrt“ war. Viele von Komzáks Walzern sind wienerischer als die Strauss’schen. Dazu zählt auch op. 257, sein bekanntester. Die Uraufführung erlebte dieser fantastische Konzertwalzer an einem Benefitzkonzert am 30. Juli 1898 im Badener Kurpark. Das Werk fand riesigen Anklang. Bereits die durchdachte Einleitung weckt alle Aufmerksamkeit, beginnend mit Trommelmusik, welche aus dem Nichts hervorzutreten scheint, immer lauter wird, vorerst in fröhliche Marschmusik übergeht und ihren Höhepunkt in einem Fortissimo findet. Es folgt der Übergang in eine leise Melodie im Walzertakt worauf nochmal die Marschmusik auflebt, bevor die Einleitung zuende ist und kraftvoll das erste Walzerthema ertönt mit seinen mächtigen Akkorden. Der Walzer dürfte an diesem Konzert grosse Aufmerksamkeit erregen. Eingespielt werden Bilder aus Baden bei Wien, auf das sich die Komposition bezieht.

9. Josef Strauss – Margherita-Polka; op. 244

Wieder eine seltene Perle: Gewidmet ist diese liebliche, aber unaufgeregte Polka Prinzessin Margherita von Genua, welche am 22. April 1868 Prinz Umberto von Italien geheiratet hat. Josef Strauss hat wohl keine Möglichkeit gefunden, dem neuen Paar seine Polka vorzuführen, weshalb er ein Konzert in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft am 13. Juni wählte, um die Polka dem Publikum zu präsentieren. Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Komposition wieder aus dem Programm fiel. Jetzt, über 150 Jahre später, kommt sie im grossen Rahmen wieder zu Ehren. Zu diesem Stück tanzen Solistinnen und Solisten des Wiener Staatsballetts in den Räumen des Looshauses.

10. Johann Strauss Vater – Venetianer-Galopp; op. 74

1833 hat Strauss Vater ein Venedig-Fest im Augarten gegeben. Der Andrang war so gross, dass er es im Sommer 1834 wiederholt und in diesem Rahmen die Venetianer-Galoppe beigesteuert hat. Das lebhafte, wenn auch arrangementmässig wenig spektakuläre Stück mit reichem Castagnetten-Einsatz kam sehr gut an. Strauss‘ Verleger Haslinger publizierte im Anschluss eine Piano- und eine Orchester-Partitur. Langanhaltende Popularität war der Venetianer-Galoppe jedoch nicht beschieden. Darum: eine weitere Trouvaille.

11. Johann Strauss (Sohn) – Frühlingsstimmen; Walzer op. 410

Der erste „Gassenhauer“ im Dreivierteltakt kommt recht spät. Die „Frühlingsstimmen“ gehören zu Recht zu den bekanntesten und meist aufgeführten Werken Strauss‘. Dieser selbst hatte das Stück ursprünglich als „Bianchi-Walzer“ betitelt, weil er es im Auftrag der Coloratur-Sopranistin Bianca Bianchi geschrieben hatte. Der Titel wurde aber noch vor Publikation geändert. Anfang März 1883 trug Bianchi die Gesangsversion vor und erntete frenetischen Applaus. Knapp eine Woche später wurden die „Frühlingsstimmen“ unter der Leitung von Eduard Strauss – welcher heuer selbst nicht im Programm vertreten ist – nach der Gesangsversion auch als Orchesterversion uraufgeführt. Das Publikum war von beidem hingerissen. Der Gesangstext stammt von keinem Geringeren als Richard Genée. Zu diesem Stück tanzen Solistinnen und Solisten des Wiener Staatsballetts in den Räumen und im Park des Gartenpalais Liechtenstein.

12. Johann Strauss (Sohn) – Im Krapfenwald’l; Polka op. 336

Das Krapfenwaldl ist eine bewaldete Anhöhe oberhalb von Döbling. Hier hatte sich der Geheime Kriegsrat Franz Joseph Krapf um 1751 ein Waldhaus bauen lassen. So ist der Wald nach ihm benannt. Wie bei den „Frühlingsstimmen“ hatte Strauss seine Polka ursprünglich anders benannt, nämlich „Im Pawlowsk-Walde“. Er hatte das Stück während seines Aufenthaltes im russischen Pawlowsk geschrieben. Nach der Wiener Aufführung des Stückes im Juni 1870 wurde die Polka nach dem Krapfenwaldl benannt. Damit war nicht der Wald selbst gemeint, sondern die gleichnamige Wirtschaft dort.

13. Johann Strauss (Sohn) – Neue Melodien; Quadrille op. 254

Die Strauss-Dynastie pflegte es, die Melodien von Opern, welche vornehmlich aus Frankreich und Italien kamen, zu Quadrillen zu verarbeiten, um dem begeisterten Opernpublikum auch abseits der Opernbühne die Neuheiten zu präsentieren – mit dem eigenen Namen darunter. Die Neue-Melodien-Quadrille beinhaltet Melodien aus den Opern La Traviata, Rigoletto, Der Troubadour, La fille du régiment, Lucia di Lammermoor und La Sonnambula. Im März 1861 fand die Uraufführung im Dianabad-Saal statt.

14. Johann Strauss (Sohn) – Kaiserwalzer; op. 437

Heroisch naht das Ende: Der Kaiserwalzer ist neben dem Donauwalzer DAS Strauss-Werk schlechthin und noch heute eines der meistaufgeführten. Interessanterweise trägt die Komposition ihren Namen ebenfalls nicht seit Anbeginn. Als „Hand in Hand“ geschrieben, war der Walzer ursprünglich der Verbundenheit der Habsburger zum Preussischen Reich gewidmet. Der Verleger ermunterte Strauss, den Walzer schliesslich umzubenennen. Die Uraufführung fand in Berlin zwei Tage nach Eröffnung des neuen Berliner Konzertsaals im Königsbau in ebendiesem statt. Unter etwas ungewöhnlichen Umständen erfolgte die Wiener Erstaufführung rund drei Wochen später: Carl Michael Ziehrer hat die Klavierpartitur orchestriert und sie im Etablissement Ronacher dem Wiener Publikum präsentiert. Johann Strauss war konsterniert darob. Zwei Wochen später dirigierte Eduard Strauss im Musikverein die originale Orchesterversion seines Bruders. Der Erfolg war riesig. Am Konzert werden Sequenzen des kaiserlichen Wiens eingeblendet.

15. Johann Strauss (Sohn) – Stürmisch in Lieb‘ und Tanz; Polka op. 393

Diese sehr attraktive Schnellpolka zitiert Melodien aus der wenig erfolgreichen Operette „Das Spitzentuch der Königin„. Uraufgeführt wurde die Polka durch Eduard Strauss am Concordia-Ball im Februar 1881 im Sofienbad-Saal.

16. Johann Strauss (Sohn) – Furioso-Polka; op. 260

Dieses Zugabe-Stück ist ebenfalls während Strauss‘ Aufenthalten in Russland entstanden, im Sommer 1861. Aufgeführt wurde es an einem Benefizkonzert des Komponisten in Pawlowsk. Das Stück ist im Strauss-Werk recht aussergewöhnlich mit vielen schnell wechselnden Tonartensprüngen. Es ist ausserordentlich virtuos und lebendig.

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Es folgen nach der ersten Zugabe und dem traditionellen Neujahrsgruss der Walzer „An der schönen blauen Donau“ sowie der Radetzky-Marsch von Johann Strauss (Vater).


Betrachtung eines Kunstwerkes

Friedrich Gauermann: „Der ruhende Ackersmann“

Auf dem Gebiet der biedermeierlichen Tiermalerei gehört Friedrich Gauermann (1807-1862) mit Abstand zu den namhaftesten Vertretern. Der aus dem niederösterreichischen Miesenbach stammende Sohn des Malers Jakob Gauermann (1772-1843) liess sich in Wien akademisch ausbilden, schulte sich jedoch eigenständig tüchtig weiter im Rahmen von Studienexkursionen, Wanderungen und Reisen, auf denen er die Natur mit Adleraugen beobachtete und ausgiebig studierte.

Friedrich Gauermann

Schon früh war Friedrich Gauermann als Landschafts- und Tiermaler bei der Wiener „High Society“ begehrt – wer etwas auf sich hielt, leistete sich einen Gauermann. Er nahm Aufträge von hoher Stelle entgegen und entfaltete im Zuge dessen eine ungeheure Schaffenskraft. Er bewegte sich in prominenten Künstler-Kreisen und zählte die seinerzeit einflussreichsten Maler zu seinen engen Freunden. Gauermann orientierte sich stilistisch an der alten niederländisch-flämischen Malerei, weshalb er aus heutiger Sicht als Gründer eines seinerzeit neuen „Wiener Landschaftsnaturalismus“ gilt. Dieser Einfluss ist auch im hier vorgestellten Gemälde erkennbar. Es ist eine aussergewöhnlich qualitätvolle Trouvaille aus Gauermanns Spätwerk.

Das 43×55 cm grosse Ölgemälde aus parkettiertem Mahagoni-Holz ist im Jahre 1854 entstanden und zeigt – von Gauermann persönlich formuliert – Folgendes: «Ein alter Mann sitzt auf dem Pflug, einen Krug in der Hand; ein Mädchen steht daneben. Ein brauner Ochs steht ausgespannt auf dem Hügel, ein Schimmel, ein Schaf und eine Ziege liegen daneben bei einem dürren Baum, links Ferne, graue Luft.» Für das Gemälde werden unterschliedliche Kurztitel angeführt, so etwa „Der alte Mann auf einem Pflug ausruhend“ oder „Der ruhende Ackersmann“. Die Szene ist im Wiener Becken angesiedelt, im Hintergrund blickt man auf die Hohe Wand.

Die Malerei ist so lupenrein, so hochvollendet, farblich so betörend, die Komposition so perfekt in Schwerpunktgebung und Tiefenwirkung, dass es einen selbst beim flüchtigsten Anblick förmlich in den Bann zieht. Selbst der renommierte Gauermann-Biograf Rupert Feuchtmüller würdigt das vorliegende Gemälde als „eine Idylle von seltener Klarheit“.

Mit jeder Betrachtung der Szene variieren die Empfindungen. Es ist denn auch weit mehr als nur ein romantisches Stück Malerei, welches eine x-beliebige bäuerliche Szene vor 170 Jahren zeigt – es steckt in Tat und Wahrheit voller Melancholie, die aber nie bedrückend wirkt. Der Ochse, der Schimmel, das Schaf und die Ziege – sie alle sind sichtlich müde und erschöpft, scharen sich um den kümmerlichen Rest eines vom Blitz zerschlagenen Baumes. Dem alten Bauern sieht man die jahrzehntelange Schwerarbeit an, er ruht sich auf dem Pflug aus und spricht mit der jungen Frau, womöglich seine Tochter. Die über der fernen Landschaft im Hintergrund bedrohlich sich formierende Gewitterstimmung führt Gauer- mann genauso meisterhaft aus wie die Hauptszene im Mittelgrund. Die Qualität seiner Malerei schlägt sich allein darin nieder, dass das Gemälde aus jeder Distanz fotografisch wirkt, ob aus 3 Metern oder 10 Zentimetern Entfernung betrachtet. Auch dem kleinsten Detail, und sei es bloss der Mist am Schenkel des Ochsen, widmet Gauermann höchste Aufmerksamkeit.

Der Österreichische Kunstverein präsentierte das Gemälde an seiner Ausstellung im April 1855 im Schönbrunner-Haus an der Tuchlauben. Es befand sich zu jenem Zeitpunkt im Besitze eines gewissen Josef Tilgner.

Wahres Mutterglück


Betrachtung eines Kunstwerkes

Franz Russ d.Ä.: „Junge Mutter mit Kind“

Er ist sowas wie die grosse Unbekannte der österreichischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Man begegnet dem Namen Franz Russ Senior nicht selten, beobachtet man den Kunstmarkt. Seine gelegentlich gehandelten Werke gehen in namhaften Auktionshäusern über den Tisch, Kunstkenner mit einem Auge für Qualität wissen die Gemälde des Malers zu schätzen. Wer aber war dieser gebürtige Böhmer, der hauptsächlich in der Kaiserstadt lebte und wirkte?

Geboren am 7. Mai 1817 in Nová Ves (Neudorf) in Böhmen scheint Franz Russ später nach Wien übersiedelt zu sein, heiratete 1849 eine Maria Anna Philipp und verstarb in der Kaiserstadt am 27. Juli 1892. Seine beiden Söhne Robert Andreas und Franz Seraph waren ebenfalls Maler. Franz Russ Vaters letzter Wohnsitz lag an der Münzgasse 3 im Bezirk Landstrasse. Franz Russ I. Werk zu erfassen, ist derzeit sehr schwierig. Vermutlich befinden sich die meisten seiner Gemälde verstreut in Privatbesitz oder Archiven. Er schien namhafte Aufträge erhalten zu haben, zumal sich unter den wenigen bekannten Werken von ihm museale Porträts von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph I. finden sowie mehrere Kinderporträts, vermutlich von aristokratischen Wiener Familien.

Franz Russ‘ Malerei ist grundsätzlich von ungemeiner Klarheit und Leuchtkraft. Seine ausdrucksstarken Porträts sind so fein und akribisch ausgeführt, dass sie sich fast der Fotorealität annähern. Ein wiederkehrendes Motiv in Franz Russ‘ Oeuvre ist dasjenige von Mutter und Kind. Findet man unter seinen bekannten Gemälden somit wiederholt auch das religiöse Sujet der Muttergottes mit dem Jesusknaben – einige davon im Nazarenerstil -, so malt Franz Russ auch mehrfach Mutter mit Kind im weltlichen Kontext.

Zu dieser Werkgruppe gehört das hier vorgestellte signierte Gemälde (Öl auf Leinwand), welches allein wegen seiner überaus opulenten und ausserordentlich qualitätvollen Ausführung vermutlich zu den Hauptwerken des Meisters gezählt werden kann. Allein der Hintergrund verdient grosse Beachtung. Es ist eine dynamische Blätterkulisse mit beeindruckender Tiefenwirkung durch gezielten Lichteinfall. Davor sitzt die junge Mutter mit aufwendiger Hochsteckfisur und Fransen, ähnlich wie sie Kaiserin Elisabeth zu haben pflegte. Sie trägt eine feine goldene Doppelperlenkette, ein aufwendiges, dem Anschein nach ausladendes Schulterkleid mit Spitzensaum und karminrotem Rock. Zärtlich und mit liebevollem Blick hält sie ihr blond gelocktes Kind in den Armen. Es ist agil und spielt mit gepfückten Blumen. Das Licht fällt auf das Kind, das Gesicht der Mutter ist bereits leicht in den schattigeren Bereich gerückt.

Die hochqualitätvolle Malerei ist sehr fein, teils lasierend, Mutter und Kind erhalten eine samtweiche helle Haut. Man ist zur Spekulation verleitet, ob Franz Russ hier womöglich Kaiserin Elisabeth in privatem Umfeld mit ihrem Sohn Rudolf portärtiert hat.

Leben und Werk von Franz Russ d.Ä. eingehend zu erforschen, wäre zweifelsohne eine hochspannende und lohnende Aufgabe für Kunsthistoriker. Damit könnte möglicherweise eine grosse Lücke in der Geschichte der österreichischen Malerei gefüllt werden.


Ein Beitrag aus der „Luzerner Zeitung“ vom 14. August 2020

Die Verbreitung des christlichen Glaubens war Maximilian Kolbes oberste Mission. In Auschwitz von den Nazis ermordet, ist der Franziskaner später heiliggesprochen worden. Seine Verehrung ist nicht ganz unumstritten. Der 14. August ist sein kirchlicher Gedenktag.

Maximilian Kolbe (1894-1941)

Märtyrer – da denkt man in erster Linie an Menschen, die vor Hunderten von Jahren für den christlichen Glauben ihr Leben geopfert haben. Das Christentum kennt aber auch Märtyrerinnen und Märtyrer des 20.Jahrhunderts. An der Westfassade der Westminster Abbey in London sind ihnen zehn Figurennischen gewidmet. Ganz links aussen steht die Figur des heiligen Maximilian Kolbe (1894–1941), dessen Gedenktag die Kirche am 14. August feiert.

Der deutschstämmige Franziskanerminorit aus Polen wird unter anderem als Schutzherr der Journalisten verehrt. Dies liegt in seiner intensiven Missionsarbeit begründet, welche er auf für damalige Zeit fortschrittliche Weise betrieb. Als tiefgläubiger Christ und Marienverehrer in Rom zum Priester ausgebildet, hob Kolbe 1917 die katholische Organisation Militia Immaculatae aus der Taufe, welche sich vordergründig der Pressearbeit widmete mit dem Auftrag, den Glauben zu verbreiten und zu festigen. Kolbe gründete mehrere christliche Verlage und Publikationsorgane, betrieb Funk- und Radiostationen. Nahe Warschau entstand durch ihn die Klostergründung Niepokalanów (Stadt Mariens), die zugleich als katholisches Pressezentrum diente. Es war also dieses breite publizistische Engagement, das ihn später – neben dem heiligen Franz von Sales – zum Schutz­patron der Journalisten und Funkleute hat werden lassen.

Maximilian Kolbe tat sich als überzeugter Gegner des Nationalsozialismus sowie des Kommunismus hervor, kämpfte aber zugleich vehement gegen die Freimaurerei und den Zionismus. Erklärtes Ziel seiner Militia Immaculatae war es unter anderem, Schismatiker und Juden zu bekehren. Laut eigener Aussage sah sich Kolbe jedoch nicht als Antisemit, er wollte aber einer «jüdischen Überfremdung» entgegenwirken. Dennoch äusserte er sich wiederholt aggressiv und hetzerisch gegenüber dem Judentum, welches sich in Polen als dessen «biologischem Hauptreservoir» wie ein «Krebs­geschwür in den Volkskörper frisst», weshalb die Juden emigrieren müssten. Diese und weitere dokumentierte Äus­serungen sorgen bis heute für Kritik und Hinterfragung.

Verhaftung durch die Gestapo…

Mit dem Einfall und der Machtübernahme Polens durch die Nazionalsozialisten stellte Kolbe – nach einer vorübergehenden Festnahme – seine Haltung in den Hintergrund und agierte im Namen der Menschlichkeit: 1941 nahm er in seinem Kloster in Niepokalanów eine grosse Anzahl Verfolgter – darunter sollen rund 2300 Juden gewesen sein – auf, um sie vor den Deutschen zu schützen. Für diese beherzte Rettungsaktion wurde Kolbe von der Gestapo erneut verhaftet und kurz darauf ins Vernichtungslager nach Auschwitz deportiert, von wo er nicht mehr zurückkehren sollte.

…und Tod im Bunker

Zwei Monate nach seinem Eintritt ins KZ Auschwitz kam es zu einer Schlüsselszene in Kolbes Biografie, welche später das Anerkennen seines Martyriums begründen wird: Als Vergeltungsschlag für die mutmassliche Flucht eines Häftlings sollten mehrere KZ-Insassen umgebracht werden. Einer der Todgeweihten – Franciszek Gajowniczek – flehte die Peiniger an, ihn zu verschonen, er habe Frau und Kinder. Maximilian Kolbe ersuchte beim Lagerkommandanten um Erlaubnis, sein Leben für den Familienvater zu opfern. Dem wurde stattgegeben.

Kolbe wurde mit den anderen neun Ausgewählten in den Todesbunker gesperrt. Nachdem sechs bereits verhungert waren und Kolbe sowie drei andere als Letzte noch Lebenszeichen von sich gegeben hatten, wurden sie schliesslich mit der Giftspritze getötet und verbrannt.

Selig- und Heiligsprechung

Papst Paul VI. sprach Maximilian Kolbe 1971 selig. 1982 verlieh ihm der polnische Staat posthum den höchsten Militärverdienstorden. Im selben Jahr erfolgte durch Papst Johannes Paul II. die Heiligsprechung. Franciszek Gajowniczek, der Kolbe sein Leben verdankte, starb 1995 im hohen Alter von 93 Jahren, nachdem er seinen Retter bis ans Lebensende in höchsten Ehren gehalten hatte. Kolbes Todeszelle in Auschwitz existiert noch und wird von Gläubigen und Verehrern als Pilgerstätte aufgesucht.

Maximilian Kolbes Wirken beschäftigt Historiker und Theologen bis heute, zumal es in Bezug auf Antisemitismus und in diesem Kontext auf seine Verehrung als Heiliger zu berechtigten Fragen – und damit jedoch auch zu differenzierter Diskussion – Anlass gibt.


Betrachtung eines Kunstwerkes

Carl Reichert: „Futterneid“

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Ist von Tiermalerei die Rede, kommt man an ihm nicht vorbei: Carl Reichert (1836-1918) war seinerzeit einer der führenden Künstler dieses Genres. Seine Gemälde sind bis heute auf dem Markt heiss begehrt, sind Tiermotive doch zeitlos und einst wie jetzt beliebt. Vor allem, wenn sie von so frappierender Qualität sind wie diejenigen Reicherts. Von fotografischer Genauigkeit sind die Gemälde, bis ins kleinste Detail naturgetreu.

Reicherts Spezialität waren nicht Tiere in freier Natur, sondern hauptsächlich domestizierte, sprich Haustiere. Davon in erster Linie Katzen, Hunde, Pferde und Vögel. Die Sujets sind grundsätzlich von süsslicher, niedlicher Natur. Meist sind seine Tiere von Neugier und Verspieltheit erfüllt und entsprechend in einen Kontext gesetzt. Die Bilder strahlen grundsätzlich Harmonie und heile Welt aus. So auch unser hier betrachtetes Gemälde mit vier Kätzchen, einem Hund und einem Mädchen.

Die Bezeichnung des Bildes lautet „Futterneid“. Dieser Titel lässt Interpretationsspielraum offen: Wollte das Mädchen bloss die Kätzchen füttern? Immerhin befindet sich Milch in der schale, weshalb dies naheliegend ist. Ist der Hund somit der ungeladene Gast aus der Hütte dahinter, drängt sich ins Geschehen und lappt den Katzen die Milch weg? Für den Hund wäre wohl eher die grössere Schale mit Wasser gedacht. Der etwas unerfreute Blick der schwarzen Katze untermauert diese Interpretation. Auch beim Mädchen könnte man vermuten, dass es den Hund nicht an der Schale erwartet hätte. Es ist eine der eher seltenen Tierszenen, bei denen Carl Reichert Menschen integriert. Signiert hat es der Künstler mit seinem bekannten Pseudonym „J. Hartung“ (Julius Hartung).

Eine mit „C. Reichert“ signierte Version dieses Motives ist im Frühling 2019 im Wiener Dorotheum aufgetaucht. Diese ist beim genauen Betrachten nicht ganz so klar ausgeführt wie die Hartung-Version. Auch ist der gewählte Ausschnitt etwas kleiner. Die Reichert-Version trägt den Titel „Dinnerparty“. Eine weitere Möglichkeit der Interpretation.

Carl Reichert wurde 1836 als Sohn eines Historienmalers geboren. Nach seiner Ausbildung widmete er sich vorerst der Landschaftsmalerei. Nachdem er auf Wunsch von hoher adliger Stelle zwei Hundeportärts angefertigt hatte und beim Wiener Hof weiterempfohlen worden war, etablierte sich Reichert als gefragter Tiermaler. Er starbt im April 1918 in Graz.


Betrachtung eines Kunstwerkes

Lepold Carl Müller: Fellachin, Kopfstudie

Orientmotive gehörten im 19. Jahrhundert mit zu den begehrtesten Themen in der Malerei. Einige Künstlerinnen und Künstler taten das, was der „normalen“ Bevölkerung noch weitgehend verwehrt war: Sie nahmen beschwerliche Reisen auf sich, um diese fremden Welten zu studieren und abzubilden. In Österreich tat sich insbesondere einer als Orientmaler hervor: Leopold Carl Müller (1834-1892) bewegte sich mit August von Pettenkofen, Hans Makart und anderen grossen Namen der Zeit in höchsten Künstlerkreisen. Von Müllers mehreren Orientfahrten – die meisten davon nach Ägypten – zeugen beeindruckende Ölgemälde. Sein bekanntetes ist heute im Besitze der Galerie im Belvedere. Das grossformatige Werk von 1878 zeigt einen belebten Markt in Kairo.

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Für seine Orientszenenen studierte Müller die einheimische Bevölkerung und ihre äusserlichen Merkmale sehr genau. Er fertigte eine grosse Zahl an Kopfstudien an, zu denen auch das hier gezeigte Werk gehört, eine Fellachin. Die junge Frau aus der einfachen, bäuerlichen Landbevölkerung des vorderen Orients trägt markante Gesichtszüge, welche Müller durch das von oben einfallende Sonnenlicht geschickt hervorhebt. Der Maler versteht es auf einzigartige Weise, die natürliche Schönheit der Menschen – egal, ob Mann oder Frau – zu betonen, ohne zu idealisieren oder gar zu verfälschen. Er verleiht ihnen etwas Anmutiges, etwas Stolzes, unabhängig davon, ob es sich um eine aristokratische Persönlichkeit handelt oder um jemanden vom Feld. Müller tendiert in seinen Gemälden grundsätzlich eher zu Ockertönen als zu satten Farben.

Ein Blick auf den heutigen Kunstmarkt zeigt, dass für orientalische Motive aus dem 19. Jahrhundert noch immer eine fast ungebrochene Nachfrage herrscht. Trotz der nahezu uneingeschränkten Reisemöglichkeiten heutzutage hat die Thematik nichts an Reiz und Attraktivität eingebüsst. Fremde Kulturen, das Exotische, Unbekannte – es fasziniert die Menschen bis heute, es bleibt zeitlos. Lepold Carl Müller war ein grosser, begnadeter Vorreiter und Begründer dieses im Westen gewachsenen Interesses am mittleren Orient.


Seit jeher amüsiert mich die eine Portalfigur am Haus Wasagasse 2, ein stattliches Gründerzeit-Mietshaus im Ringstrassenstil. Auf dem Sprenggiebel über dem Portal liegen zwei sehr gut gebaute bärtige Herren mit wenig an. Während sich derjenige links in einer aufmerksamen Achtungstellung mit angewinkeltem Knie präsentiert, liegt der Herr rechts entspannt da, die Beine elegant übereinander geschlagen. Den rechten Fuss streckt er dabei neckisch, was dem Ganzen etwas ausgeprägt Damenhaftes verleiht. Man kennt sowas beispielsweise aus Werbungen für Damenstrümpfe oder -schuhe. Bei so einem muskelbepackten Bartträger kriegt dies eine erheiternde Note.

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Tief in der steinernen Konsole der linken Säule am Adlertor des Stephansdomes verankert, entdeckt der aufmerksame Passant etwas, das wie ein eiserner Griff aussieht. Das mutmassliche Griffteil jedoch ist beweglich und lässt sich drehen. Es handelt sich um ein einzigartiges Relikt aus der Bauzeit des Nordturmes: Mit Sicherheit diente das Eisenteil als Seilspule oder Umlenkrolle für eine Vorrichtung, mit welcher Bauelemente in die Höhe gezogen wurden. Es hatte also eine rein praktische Funktion.

Wie es aber so ist, provozieren so alte Kuriositäten allerlei Legenden und Mutmassungen. So ist im Falle dieser mittelalterlichen Seilspule schon vor langer Zeit die Geschichte erzählt worden, bei der Spule handle es sich um einen so genannten „Asylring“. Verfolgte, welche es schafften, diesen „Asylring“ zu berühren, standen per sofort unter kirchlichem Schutz und durften nicht mehr festgenommen und bestraft werden. Dies geht vermutlich auf einen Erlass Herzog Leopold IV. des Glorreichen (1176-1230) zurück, der es Kirchen und Klöstern erlaubte, Verbrechern Schutz zu bieten, wenn sie es bis zu deren Mauern, respektive zu deren „Lepoltring“ geschafft haben. Lokalkundige kennen für diesen Asylring deshab auch die Bezeichnung „Leo“.

 

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Betrachtung eines Kunstwerkes

Anders Andersen-Lundby: „Sommertag am Starnbergersee“

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Bewundernswert sind insbesondere jene Künstlerinnen und Künstler, die es autodidaktisch soweit bringen, dass sie selbst besser werden als die akademisch Gebildeten. Zu diesen Naturtalenten gehört Anders Andersen-Lundby. 1841 als Anders Andersen im dänischen Dörfchen Lundby bei Aalborg geboren, versah er seinen in Dänemark zuhauf vorkommenden Allerweltsnamen mit dem Zusatz „Lundby“, um seine Identität zu untermauern. Bereits im Alter von 23 Jahren zeigte er seine Ölgemälde in namhaften Hallen der Hauptstadt Kopenhagen.

Er verliess bald seine Heimat und übersiedelte nach München, wo er sich mit seiner Malerei hauptsächlich der umgebenden Landschaft widmete und wachsende Popularität genoss. Andersen-Lundbys Schwerpunkt lag auf Winterlandschaften. Oft bildete er beschauliche, tief verschneite Gegenden ab, über denen eine wohltuende Ruhe liegt. Personenstaffagen und Pferdefuhrwerke werden selten zum Hauptbestandteil seiner Gemälde, wirken aber stets stark stimmungsbildend.

Zu Andersen-Lundbys bemerkenswertesten Gemälden, die nicht den Winter zum Thema haben, gehört das hier vorgestellte grossformatige Werk „Sommertag am Starnbergersee“ aus dem Jahre 1884. Der Künstler beweist, dass sein Gespür für jahreszeitliche Stimmungen sich nicht auf den Winter beschränkt. Man fühlt förmlich die Sommerhitze, welche über der weiten Landschaft liegt. In der Ferne die Erhebungen im Chiemgau, darüber sonnenbeschienene Wolkengebilde, im Mittelgrund der spiegelglatte Starnbergersee – die Hitze steht in der Luft, es ist vollkommen windstill.

Aus der Bewaldung im vorderen Mittelgrund ragt Schloss Possenhofen mit seinen charakteristischen Ecktürmchen. Hier hat Kaiserin Elisabeth „Sisi“ von Österreich ihre glücklichen Kindheits- und Jugendjahre verbracht. Als einziges lebendes Objekt malt Andersen-Lundby am unteren Bildrand ein Reh in Rückansicht. Dies, um den Betrachter nicht von der ungemeinen Fern- und Tiefenwirkung der Szene abzulenken. Besondere Aufmerksamkeit zollt der Maler der Ausführung der Büsche und Bäume, welche er mit fotografischer Genauigkeit abbildet.

Dem schaffenskräftigen Münchner Maler aus Dänemark gelingt hier ein Stück Landschaftsmalerei von höchster Güte und frappierender Klarheit. Und mit Sicherheit ist dieses herrliche Gemälde als eines seiner Hauptwerke aus der Reihe von Nicht-Winterbildern einzuordnen.

Anders Andersen-Lundby starb Anfang 1923 in München. Sein Oeuvre ist auf dem internationalen Kunstmarkt rege vertreten. Mehrere namhafte Museen besitzen Werke Andersen-Lundbys.


Dass einem Schweizer in Budapest die grösste Juden-Rettungsaktion des Zweiten Weltkriegs gelang, ist noch immer nicht so bekannt, wie es eigentlich sein sollte: Der Geburtstag von Carl Lutz (1895-1975) jährt sich heuer zum 125. Mal.

Text: Andreas Faessler (Luzerner Zeitung, 3. April 2020)

 

carl_lutzDie Ehrungs- und Würdigungskultur in der Schweiz scheint grundsätzlich weniger ausgeprägt zu sein als andernorts. Es scheint zuweilen, als täte man sich schwer, die Verdienste mutiger Landsleute der jüngeren Vergangenheit gebührend ins Licht zu rücken. Allein mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg nämlich sind mehrere Personen zu nennen, denen viele ihr Leben verdanken. So etwa Louis Häfliger, welcher in zwei Aussenlagern von Mauthausen eine Massentötung von Tausenden Häftlingen verhinderte. Oder Paul Grüninger, der als Schweizer Grenzbeamter Hunderten Juden mittels manipulierter Dokumente die Flucht in die Schweiz ermöglichte und sie so vor dem sicheren Tod bewahrte.

Ein weiterer in diesem Bunde selbstloser Schweizer heisst Carl Lutz, 1895 geboren im appenzellischen Walzenhausen und gläubiger Methodist, dessen Geburtstag sich am 30. März zum 125. Mal gejährt hat. Sein innigster Berufswunsch wäre Pfarrer gewesen, doch führte ihn sein Weg schliesslich über diverse Anstellungen bei Gesandtschaften und Konsulaten zur Diplomatie. Als Schweizer Vizekonsul in Ungarn während des Zweiten Weltkrieges gelang es ihm nach der Besetzung durch die Nazis, gemäss Aufzeichnungen über 60000 Juden vor der Deportation und folglich vor der Vernichtung zu bewahren. Das war gut die Hälfte der Budapester Juden, die den Krieg überlebt haben. Als Leiter der Abteilung für fremde Interessen verfügte Lutz über hohe Kompetenzen. Dank seines Verhandlungsgeschickes und mit einem Trick erhielt er von Obersturmbannführer Adolf Eichmann ein Kontingent von 7800 Schutzbriefen zugesprochen, welche Juden ermöglichten, nach dem heutigen Israel auszuwandern. Systematisch und von den Nazis unbemerkt, vervielfachte Lutz das ihm zur Verfügung stehende Kontingent, indem er die Schutzbriefe nicht wie vorgeschrieben nur an einzelne Personen, sondern an ganze Familien vergab, was die Zahl Geretteter exponentiell erhöhte. Mit dieser grössten Rettungsaktion für die jüdische Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg riskierte der Schweizer freilich sein Leben.

Ernüchterung nach der Rückkehr

Als Carl Lutz nach Kriegsende in sein Heimatland zurückkehrte, schlug ihm alles andere als Anerkennung für seine beispiellose Zivilcourage entgegen. Vielmehr wurde ihm – wenn auch informell – vorgeworfen, er hätte in Budapest eigenmächtig seine Kompetenzen überschritten. Dass er für das Überleben zigtausender Menschen verantwortlich zeichnet, schien in seinem Vaterland keinen zu interessieren. Einzig in seinem Geburtsort Walzenhausen setzte man 1963 ein kleines Zeichen der Wertschätzung, indem die Gemeinde ihm das Ehrenbürgerrecht verlieh. Zeitlebens hoffte Lutz auf eine offizielle Anerkennung seiner Verdienste durchs Vaterland – vergebens. Vereinsamt und von dieser Zermürbung geprägt, starb Carl Lutz 1975 in Bern.

Das Gedenken wächst zaghaft

In Israel hingegen wurde der Schweizer bereits kurz nach Kriegsende für seine Leistungen für das jüdische Volk geehrt. Die 1953 gegründete Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem nahm Carl Lutz 1965 in die Ehren-Liste der «Gerechten unter den Völkern» auf. Dieses Prädikat zeichnet Nicht-Juden aus, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben aufs Spiel setzten, um dasjenige von Juden zu retten. Der Begriff «Gerechter unter den Völkern» ist dem Talmud entlehnt. Am See Genezareth existiert zudem ein Lutz-Memorial.

Eine grossflächigere Würdigung setzte erst in den 1990er-Jahren ein. In Budapest steht seit 1991 ein ihm gewidmetes Denkmal, 2004 wurde ebenda die Carl-Lutz-Stiftung gegründet. 1995 ist er von der Schweiz posthum immerhin «rehabilitiert» worden. Seit 2018 gibt es in Bern die Carl Lutz Gesellschaft. Eine treibende Kraft, ihn endlich der unverdienten Vergessenheit zu entreissen, ist seine Stieftochter Agnes Hirschi, deren jüdische Mutter Lutz kurz vor Kriegsende gerettet hatte. 1949 heiratete er sie und adoptierte deren Tochter Agnes. Diese ist bestrebt, das Andenken an ihren Stiefvater zu fördern, und verwaltet seinen Nachlass. Ende März 2019 enthüllte sie feierlich eine Gedenktafel an Carl Lutz’ Geburtshaus in Walzenhausen.


Man kann es einfach nicht leugnen: Das Café Savoy im Palais Léon-Wernburg an der linken Wienzeile ist fürs Auge eines der spektakulärsten Kaffeehäuser Wiens. 2009 wurde das traditionelle Lokal umfassend aufgefrischt, nachdem es reichlich angestaubt geworden und an vielen Stellen zerschlissen war. Was die Verantwortlichen damals vollbracht haben: Das Gesicht des Cafés ist dabei völlig unverändert geblieben, während andere Traditionslokale meist einen grossen Teil ihrer Patina einbüssen, wenn sie renoviert werden.

Jüngst ist das Savoy auf Seite Wienzeile um einen ganzen Raum mit „Loge“ erweitert worden. Und auch hier ist dasselbe gelungen wie schon 2009: Es sieht aus, als wäre es schon immer so gewesen. Der zusätzliche Raum ist stilistisch dem bisherigen Café so geschickt angepasst, dass man kaum erkennt, dass alles neu ist. Und der prächtige Luster, welcher bis 2009 beim Eingang gehangen hatte, hat einen neuen Plaz gefunden. Tolle Arbeit.

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Blick aus dem erweiterten Teil hinüber ins „alte“ Café Savoy

Betrachtung eines Kunstwerkes

Robert Raschka: Stephansdom – Nordturm und Pilgramkanzel

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Es gibt eine Reihe hochkarätiger Aquarellisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die Wiener Stadtansichten festgehalten haben, welche heute als wertvolle Zeitdokumente gelten können, obschon es die Fotografie damals bereits gab. Allen voran ist natürlich Rudolf von Alt (1812-1905) anzuführen. In dessen Nachfolge traten insbesondere Namen wie Carl Wenzel Zajieck (1860-1923), August Mandlick (1860-1934), Ernst Graner (1865-1943), Friedrich Frank (1871-1945), Franz Poledne (1873-1932), Richard Moser (1874-1924), Erwin Pendl (1875-1945) oder Paul Kaspar (1891-1953) hervor.

Etwas früher als die Genannten war ein weiterer Wiener Aquarellist tätig: Robert Raschka, am 5. August 1847 in Bukarest geboren, liess er sich erst am Polytechnikum in Zürich zum Architekt ausbilden, ehe er sein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien fortsetzte, dies unter keinem Geringeren als Friedrich von Schmidt.

Raschka bewies eine aussergewöhnlich talentierte Hand, was die Architekturmalerei anging. So zeichnete er nicht nur als Architekt für eine stattliche Zahl öffentlicher und privater Gebäude in Wien und Umgebung verantwortlich, er hinterliess der Nachwelt ein ebenso reiches Oeuvre an hochfeiner Aquarellmalerei. Seine Veduten zeigen bekannte Plätze, Gebäude und Strassenzüge in Wien. Auch reich ausgestattete Interieurs und Ansichten aus der Umgebung von Wien oder anderen Städte wie Prag oder Krakau finden sich in seinem malerischen Werk. Robert Raschka starb am 19. April 1908 in Wien.

Seine Aquarelle zeichnen sich durch frappierende Feinteiligkeit aus. Raschka schien hohen Wert auf das Detail zu legen, insbesondere im Hinblick auf die abgebildete Architektur. Figurenstaffagen und „Beiwerk“ hingegen führt er meist nur angedeutet aus. Besonders eindrücklich ist Raschkas Fokus auf das Detail bei seinen in der Folge vorgestellten zwei Aquarellen des Stephansdomes aus dem Jahre 1899:

Das eine zeigt den unvollendeten Nordturm mit der Renaissancehaube. Auch den Masswerk-Chorfenstern und der Capistrankanzel mit der barocken Erweiterung schenkt er reichlich Aufmerksamkeit. Im Hintergrund unten rechts erkennt man noch das Erzbischöfliche Palais. Da, wo heute die Einfahrt zur Tiefgarage liegt, stehen Fiakerkutschen. Die Figuren bildet Raschka nur schemenhaft ab.

Im zweiten Aquarell zeichnet Raschka die Pilgramkanzel, eines der bedeutendsten Kunstwerke der Spätgotik weit und breit. Der hölzerne Schalldeckel, der hier noch über der Kanzel angebracht ist, hängt heute über dem Taufstein in der Katharinenkapelle. Raschka bildet schenkt selbst dem kleinsten Detail der aus Sandstein gehauenen Kanzel mit Treppenaufgang Aufmerksamkeit, darunter zeichet er den legendären Fenstergucker. Auch der Luster, der Pfeilerschmuck, die Gewölbe und das Fenster führt der Maler mit höchster Liebe zur Detailhaftigkeit aus.

Beide 23 x 30 Zentimeter grossen Bilder sind wunderbare Beispiele bester Wiener Aquarellmalerei der Jahrhundertwende und zeugen von einer sehr geschickten Hand und dem geschulten Auge für die detailgetreue Abbildung der Realität.


Betrachtung eines Kunstwerkes

Johann Wilhelm Jankowski: Die Stadt Zug am Zugersee


Von einem tüchtigen, nicht näher erfassten Maler des 19. Jahrhunderts stammt eine seltene Vedute der Stadt Zug. Die detailreiche, leicht idealisierte Darstellung vermittelt eine Idee davon, wie die Altstadt in den 1860er-Jahren in etwa aussah.

Text & Bild: Andreas Faessler (Zuger Zeitung vom 17. November 2018)

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Die Zentralschweiz lieferte den Romantikern des 19. Jahrhunderts reichlich Stoff. Namhafte Maler aus dem In- und Ausland bannten die Landschaften rund um die Rigi vielfach auf Leinwand und trugen die Schönheit dieser Region so in die Welt hinaus. Allein der Münchner Maler Josef Schoyerer etwa schuf mehrere Ansichten vom Urnersee mit dem Urirotstockmassiv. Auch Grössen wie Hubert Sattler, François Diday oder Alexandre Calame würdigten dieses Panorama mit Malereien von fantastischer Qualität. Die Mythen oder die Stadt Luzern und deren Hinterland finden sich ebenso häufig in romantischen Veduten wieder – etwa bei Jakob Joseph Zelger und natürlich bei Robert Zünd. Und der grösste aller Biedermeiermaler – der Wiener Ferdinand Georg Waldmüller – hat gar eine bäuerliche Szene mit dem Zugersee und der Rigi im Hintergrund festgehalten, wovon an dieser Stelle im November 2013 zu lesen war.

Etwas arg stiefmütterlich behandelten die Künstler von damals hingegen die Stadt Zug. Qualitätvoll gemalte Ansichten von ihr sind vergleichsweise sehr selten, erst recht solche aus namhafter Hand. Eine der wenigen erwähnenswerten Zuger Veduten stammt vom Düsseldorfer Maler Franz Pauly (1837-1913): Auf einem grossformatigen Gemälde sind die alte Michaelskirche und der Zurlaubenhof vor der See- und Bergkulisse zu sehen.

Eine weitere Ansicht Zugs, welche gar die gesamte Altstadt zeigt, hat der böhmisch-österreichische Maler Johann Wilhelm Jankowski (ca. 1800-1870) geschaffen, gelegentlich wird er auch als Friedrich W. Jankowski benannt. Ob sein Gemälde – Öl auf Leinwand, 55x69cm – vor Ort entstanden ist, ob er es mittels Versatzstücken im Atelier ausgeführt oder gar nach einer Vorlage gemalt hat, ist nicht überliefert. Aber das Bild zeigt bemerkenswerte Details. Unverkennbar ist es die Ansicht Zugs von der Guggiwiese aus betrachtet. Sollte Jankowski vor Ort gemalt haben, so hätte er seine Staffelei wohl exakt an jener Stelle aufgestellt gehabt, wo heute die überdachte Holzbeige steht. In der linken unteren Hälfte des Gemäldes sind zwei Leutchen im Sonnenlicht. Etwa dort dürfte heute der kleine Platz mit der bei vielen als «Kifferbänkli» bekannten Ruhebank liegen.

Abweichungen und Idealisierungen

Der Ortskundige erkennt aber auch gleich, dass der Maler nicht in jeder Hinsicht die Realität abgebildet hat, was Perspektiven und Beschaffenheit der Gebäude betrifft: Der Zytturm in der Bildmitte erweckt mit dem überhöhten Spitzhelm eher den Eindruck, eine Kirche zu sein. Gleich links davon ist die Liebfrauenkapelle erkennbar. Der Abstand zur Oswaldskirche, welche Jankowski in ihren Dimensionen stark reduziert hat, ist geringer als in Wirklichkeit. Auch die Burg, der ebenfalls überhöhte Pulverturm und das Kapuzinerkloster sind gedrungen dargestellt. Der Kapuzinerturm versteckt sich hinter dem Baum, aber die alte Michaelskirche hingegen ist wieder sichtbar, jedoch ohne die Käsbisse, sondern hier mit einem Spitzhelm. Die Bergkulisse entspricht mehrheitlich der Realität, ausser dass die Ostflanke der Rigi etwas steil geraten ist und der Pilatus rechts von der Bildmitte eher wie ein gross geratener Hügel daherkommt.

Der spannendste Teil unserer Vedute liegt in der unteren rechten Ecke. Hell von der Nachmittagssonne erleuchtet malt Jankowski verhältnismässig realitätsgetreu das alte Baarertor, welches 1873 abgebrochen worden ist. Beim rechts anschliessenden Gebäude handelt es sich um das 1842 erbaute Stadttheater, das ab 1849 auch die Post beherbergte und später dem heutigen Verwaltungsgebäude weichen musste. Mit dem Umzug der Post vom «Hirschen» hierhin wurde der Platz in «Postplatz» umbenannt. Bis dahin hatte er «Schanzenplatz» geheissen. Im Vordergrund anhand des markanten Mansardwalmdaches schön zu erkennen ist der Vorgängerbau der im Jahre 1902 fertiggestellten Hauptpost. Es ist das sogenannte Landtwing’sche Fideikommissgebäude, ein spätbarocker Palastbau von 1762, erbaut von Franz Fidel Landtwing. Das Palais beherbergte ab 1882 bis zu seinem Abbruch kurz vor der Jahrhundertwende die Poststelle und ab 1892 zudem Büroräumlichkeiten der Zuger Kantonalbank.

Ganz aussen am rechten Bildrand malt Jankowski das Regierungsgebäude, welches von 1869 bis 1873 errichtet worden ist. Zuvor war dieser Grund unbebaut gewesen und der ehemalige Schanzenplatz zum See hin offen. Die Tatsache, dass Jankowski das Regierungsgebäude abbildet, lässt auf ein Spätwerk des Malers schliessen, da er um 1870 verstorben ist, als das Regierungsgebäude im Bau war. Dass der Maler die im Entstehen begriffene «Kantonskanzlei» als schlichten Baukörper mit Walmdach ausführt, mag einerseits dadurch zu erklären sein, dass zum damaligen Zeitpunkt erst die Grundmauern standen und er es aus der Fantasie heraus «vollendete». Andererseits könnte sich der Maler an Entwürfen aus den 1860er-Jahren orientiert haben, die tatsächlich ein Bauwerk vorsahen, welches dem hier gemalten ähnlich war. Ein interessantes Detail erkennt man beim genauen Hinsehen mitten auf dem Postplatz: Eine grosse Treppenanlage führt rechts weg auf eine scheinbar tiefer gelegene Ebene nach dahin, wo heute auf gleichem Bodenniveau die Bahnhofstrasse vom Postplatz wegführt.

Und zu guter Letzt sei noch auf ein weiteres Detail hingewiesen, was im Kontext mit dem aktuell wieder auflodernden Gezeter um die Parkplätze auf dem Postplatz nicht einer gewissen Ironie entbehrt: Schon in den 1860er-Jahren wurde auf dem unteren Postplatz parkiert, auch wenn es damals halt nur Pferdefuhrwerke waren…

Ein gemaltes Zeitdokument

Johann Wilhelm Jankowski ist biografisch kaum erfasst. Man kennt bestenfalls die ungefähren Lebensdaten, dass er böhmisch-österreichischer Abstammung und dem Anschein nach sehr viel gereist war. Seine qualitativ hochwertigen Bilder sind beliebt und recht häufig im Kunsthandel anzutreffen – er scheint fleissig gewesen zu sein. Jankowski dürfte auch wiederholt Luzern besucht haben, zumal mehrere Veduten der Stadt existieren, sogar eine von Kriens mit dem Pilatus. Häufig reicherte der Maler seine Ansichten mit fantasievollen Ergänzungen an, so dass sie zuweilen stark von der Realität abweichen. Glücklicherweise ist das bei unserem hier präsentierten Gemälde weniger der Fall, was es zu einem wunderbaren Zeitdokument macht, welches dem Betrachter vor Augen führt, wie sich Stadt und Landschaft in den 1860er-Jahren präsentiert haben – beim Blick von der Guggiwiese.


Die Katholische Kirche listet eine Märtyrerin mit diesem Namen. Sie hat zwar nichts mit dem Virus zu tun, aber wenn man bedenkt, aus welchen Gründen sie angerufen wird, so kriegt ihre Verehrung neue Aktualität.

Text & Bild: Andreas Faessler, Luzerner Zeitung (20. März 2020)
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Selten war ein Begriff weltweit so dauerpräsent, medien- und alltagsbeherrschend wie zur Zeit «Corona». Bis vor wenigen Monaten brachte man den Namen bestenfalls mit prickelndem Biergenuss in Verbindung, ehe er mit Auftauchen des aggressiven Erregers schlagartig überaus negativ behaftet war.

Nur wenigen dürfte bekannt sein, dass die Bezeichnung auch im Heiligenkalender der Katholischen Kirche existiert: Tatsächlich führt diese eine Märtyrerin dieses Namens auf. Die heilige Corona – eigentlich Corona Stephana – gehört zu den wenig bekannten Patroninnen, ihre Verehrung in Westeuropa beschränkt sich heute weitgehend auf den österreichisch-bayrischen Raum und wird selbst da nur punktuell noch praktiziert.

Wie im Falle zahlreicher anderer Märtyrerinnen und Märtyrer ist Coronas Biografie hauptsächlich von Überlieferung geprägt, die sich im Laufe der Zeit verwässert haben. Gelebt hat sie vermutlich im 2. Jahrhundert. Sie soll die Frau des Viktor von Damaskus gewesen sein, ein ebenfalls mehrheitlich durch Legenden erfasster Heiliger. Die Herkunft Coronas ist nicht bekannt, genannt werden Syrien, Ägypten, die Türkei oder auch Sizilien oder Südfrankreich, je nach Schrift (griechisch oder lateinisch).

Viktor, ein römischer Soldat, weigerte sich, von seinem christlichen Glauben abzulassen, weshalb er zur Folter und schliesslich zum Tode verurteilt wurde. Dies unter dem Regime von Kaiser Marc Aurel oder dessen Adoptivvater Antonius Pius. Viktors erst 16 Jahre alte Ehefrau Corona soll ihren Mann während dessen Leiden gepflegt und ihm Mut gemacht haben, ehe er enthauptet wurde.

Da Corona ihrem Glauben ebenso treu blieb, war auch sie dem Tod geweiht. Ihre Hinrichtung war grausam: So sollen die Peiniger sie mit Stricken zwischen zwei heruntergebeugten Palmen festgebunden haben. Danach liessen sie die Bäume hochschnellen, und Coronas Körper wurde gewaltsam zerrissen. Eine der Überlieferungen erzählt, dass darauf zwei Kronen vom Himmel gefallen seien, wovon sich schliesslich auch ihr Heiligenname ableiten dürfte.

Wenig verbreitete Verehrung

Die Corona-Verehrung im heutigen Europa hat bereits im 6. Jahrhundert eingesetzt, beschränkte sich allerdings für lange Zeit auf Italien. Nördlich der Alpen kennt man das Patrozinium erst seit dem 14. Jahrhundert, obschon Corona-Reliquien bereits im 10.  Jahrhundert aus Italien nach Aachen, Bremen und Prag gelangt sind. Corona-Wallfahrtsorte gab und gibt es hauptsächlich in Nieder- und Oberbayern sowie in Niederösterreich. Die wenigen der Märtyrerin geweihten Kirchen und Kapellen beschränken sich denn auch hauptsächlich auf diesen Raum. Eine von ihnen steht abseits der Zivilisation mitten im Wald zwischen den zur Gemeinde Sauerlach gehörenden Weilern Arget und Gumpertsham südlich von München. Die schlichte, eher wenig einladende Kapelle, weist an der Chorwand einen Schriftzug auf, der da lautet: Müder Wanderer, stehe still, mach bei Sankt Corona Rast, dich im Gebet ihr fromm empfiehl, wenn du manch Kummer und Sorgen hast.

St.Corona hilft

Kummer und Sorgen haben in Zeiten wie diesen wohl einige. Und auch wenn der Name der Märtyrerin mit dem Virus freilich nicht direkt etwas zu tun hat  – ein gewisser Bezug besteht: Die hl. Corona ist nicht nur die Patronin der Fleischhauer und Schatzgräber, für Geldbelange und Glücksspiele, sie hilft auch gegen Seuchen. Wie passend…

Dargestellt wird die heilige Corona Stephana meist mit Krone und einem oder zwei Palmzweigen, gelegentlich mit einer Geldmünze, einer Schatulle oder einer Lilie. Ihr katholischer Gedenktag ist der 14. Mai.

 


Während der Fastenzeit 2020 wird der Stephansdom um ein etwas eigenwilliges Kunstwerk erweitert: An seiner Südseite ragt eine überdimensionale Wärmeflasche in die Höhe und reicht bis ans Dach des Anbaus. Am Mittwoch, 19. Februar, ist die riesige Installation aufgestellt worden. Die Bettflasche mit dem Namen „Big Mutter“ ist das Werk des österreichischen Künstlers Erwin Wurm (*1954), der seit Jahren immer wieder mit extravaganten Interventionen an Gebäuden und Infrastruktur von sich reden macht.

Wurms wuchtige metallene Bettflasche soll  – klar – Wärme versinnbildlichen und somit Symbol für (Mit)Menschlichkeit sein. Dadurch, dass der Künstler der Plastik zwei tapsig wirkende Füsse verpasst hat, wirkt das Ganze etwas karikaturhaft. Und doch, oder gerade deshalb zieht „Big Mutter“ viel Aufmerksamkeit auf sich und dient Besuchern fleissig als Selfie-Fotomotiv. Die Bettflasche soll bis Juni 2020 bei Dom verbleiben.

Erwin Wurm zeichnet in diesem Jahr übrigens auch als Gestalter des grossen Fastentuches im Chor des Stephansdoms verantwortlich.

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Viele Menschen, die in der Geschichte unter schlimmsten Bedingungen wichtige Beiträge für die Gesellschaft geleistet haben, sind heute vergessen. Sie waren seinerzeit schon kaum ge- und beachtet, ihre Leistungen wurden kaum honoriert.

Ein Denkmal für eine ganz bestimmte Gruppe solcher Menschen finden wir bei der Bushaltestelle Am Rosenhügel im Bezirk Meidling. Im Zwickel Wundtgasse / Rosenhügelstrasse stehen fünf lebensgrosse Frauenfiguren aus Kunststein. Sie tragen Kopftücher und hieven und stapeln Blöcke. Es sind die sogenannten „Ziegelschupferinnen“. Das Denkmal ist hier im Jahre 1985 errrichtet worden und erinnert an die Frauen, welche hauptsächlich im ausgehenden 19. Jahrhundert bis nach der Jahrhundertwende für die Errichtung der Gemeindebauten harte körperliche Arbeit für ein kleines Gehalt verrichtet haben.

Der Wiener Lyrker Albert Ehrenstein (1886-1950) nannte die Ziegelschupferinnen – zuweilen auch als „Mörtelweiber“ bezeichnet – als „die einzigen Huren, die keine Huren sind“. Dies, weil sie sich gemäss Ehrenstein erst dem Baustellenleiter haben hingeben müssen, um eine Anstellung mit Entlöhnung zu erhalten. So war das Schicksal dieser bettelarmen Frauen ein besonders unmenschliches. Nur recht, dass sie hiermit ein Denkmal erhalten haben, um nicht vergessen zu werden.

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Kaum ist der letzte Ton des vergangenen Neujahrskonzerts verklungen, so steht schon die nächste Ausgabe vor der Tür. Zumindest so der Eindruck – schnelllebige Zeit. Beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2020 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins steht mit Andris Nelsons (*1978) ein verhältnismässig sehr junger Dirigent am Pult. Der Lette leitet das Leipziger Gewandhausorchester und ist Direktor des Boston Symphony Orchestra.

Nelsons beweist einen recht guten Geschmack, was die Stückwahl betrifft: Mit Carl Michael Ziehrer, Hans Christian Lumbye und Franz von Suppé kommen heuer wieder drei für die U-Musik des 19. Jahrhunderts wichtige, zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene Komponisten zum Zug. Schön auch, dass Eduard Strauss gleich mit zwei Stücken vertreten ist.

Und anlässlich seines 250. Geburtstages findet diesmal Ludwig van Beethoven als „Exot“ Niederschlag im Programm. Schade, dass Joseph Lanner auch heuer wieder aussen vor bleibt. Es hat einige Novitäten im Programm, das recht ausgeglichen daherkommt.

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Am Neujahrskonzert 2020 werden gespielt:

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1. Carl Michael Ziehrer – Ouvertüre zur Operette „Die Landstreicher

Wienerischer könnte das Programm nicht beginnen, tolle Wahl! „Die Landstreicher“ war Ziehrers erfolgreichste Operette, das ganze Stück strotzt nur so von Melodienreichtum, der sich bereits in der Ouvertüre so richtig entfaltet. Die Erstaufführung der Operette erfolgte am 29. Juni 1899 im Sommertheater „Venedig in Wien“ unter persönlicher Leitung Ziehrers. Im „Extrablatt“ stand unter anderem zu lesen: „…wienerisch ist die Operette vom Anfang bis zum Ende, und sie hat schon gestern im Sturm die Sympathien und den immer mit neuer Macht losbrechenden Beifall errungen. Ziehrer hat aber auch zur Durchführung seiner flotten Musik die entsprechenden Kräfte gefunden.“

2. Josef Strauss – Liebesgrüsse; Walzer op. 56

Mit beschwingter, lebensbejahender Tonmalerei à la Pepi gehts weiter. Der vergleichsweise einfach gehaltene, aber sehr gefällige Walzer wird zum ersten Mal im Rahmen eines Neujahrskonzertes gespielt. Er wurde am 1. Juni 1858 im Volksgarten zum im Zuge eines Festes mit Feuerwerk uraufgeführt. Zeitungsberichten zufolge verlangte das Publikum nach mehrmaliger Wiederholung der „Liebesgrüsse“. Über ein Jahr lang blieb das Werk im regelmässigen Repertoire der Strauss-Kapelle. Und auch später erklang der Walzer bei Gelegenheit immer mal wieder.

3. Josef Strauss – Liechtenstein-Marsch; op. 36

Man bleibt beim selben Komponisten. Dieser lebendige Marsch aus seiner frühen Schaffensphase hat Josef Strauss anno 1857 für eine Landwirtschaftsausstellung in Ungers Casino in Hernals geschrieben. Gewidmet ist das Stück dem Prinzen August Liechtenstein, welcher der organisierenden Gesellschaft vorstand. Die Ausstellung fand anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Gesellschaft statt.

4. Johann Strauss (Sohn) – Blumenfest-Polka; op. 111

Ähnliche Hintergründe wie das vorige Stück hat auch die Blumenfest-Polka von Pepis Bruder Johann. Die kurze, neckische Polka hat er im Jahre 1852 geschrieben für ein vom Kaiserhof organisiertes Blumenfest im Glashausgarten, dem heutigen Burggarten. Die Uraufführung jedoch erfolgte bereits einige Tage zuvor an einem Frühlingsfest im Volksgarten anlässlich des Namenstages von Erzherzogin Sophie.

5. Johann Strauss (Sohn) – Wo die Citronen blüh’n; Walzer op. 364

Opus 364 gehört zweifelsohne zu den bezauberndsten und allerschönsten Geniestreichen Johanns, und er ist immer ein Höhepunkt in einem Neujahrskonzert-Programm. Komponiert anlässlich einer Italien-Reise anno 1874, nannte Strauss sein Werk vorerst „Bella Italia“ und führte es im Mai besagten Jahres in Turin zum ersten Mal auf. Später änderte Strauss den Titel. Der sagenhafte Melodienreichtum dieses Walzers ist eine wundervolle Hommage an das Land, wo die Zitronen blühen.

6. Eduard Strauss – Knall und Fall; Polka op. 132

Der Titel verspricht bereits, was die Polka beinhaltet: ein temporeiches kleines musikalisches Feuerwerk aus dem Jahre 1855. Und das ist es auch, mit viel Witz und Charme vertont Edi das „Schlagartige“, „Unverhoffte“, „Plötzliche“ und beendet damit den ersten Konzertteil.

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—— PAUSE ——

(25-minütiger Pausenfilm über Ludwig van Beethoven anlässlich dessen 250. Geburtstages)

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7. Franz von Suppé – Ouvertüre zu „Leichte Kavallerie“

Es ist ein Jammer, dass die Suppé-Operetten (fast) alle vergessen sind. Immerhin haben die meisten Ouvertüren die Zeit überdauert und werden heute noch immer gespielt. Diese hier ist mit Abstand die bekannteste von ihnen. Eine nette Wahl für dieses Programm und eine würdige Eröffnung des zweiten Konzertteils mit hellen Fanfarenstössen. 1866 wurde die Operette in Wien uraufgeführt.

8. Josef Strauss – Cupido; Polka op. 81

Diese reizende, aber unspektakuläre Polka war eine von mehreren Nummern, die Josef Strauss während der Faschingszeit 1860 komponiert hat. Sie befand sich unter den Darbietungen am Künstlerball vom 22. Februar genannten Jahres im Etablissement Sperl. Der Titel insinuiert eine Reminiszenz an die süsse Begierde, respektive an den Liebesgott Amor. Die Platzierung ist wohlgwählt, zumal die Polka zu einem anspruchvollen sinfonischen Meisterwerk von Bruder Johann überleitet.

9. Johann Strauss (Sohn) – Seid umschlungen, Millionen; Walzer op. 443

Dieser sehr melodiöse, wundervolle Konzertwalzer mit seinem ungmein verträumten Hauptthema ist allein insofern eine Besonderheit, als er dem grossen Johannes Brahms (1833-1897) gewidmet ist, einem von Strauss‘ prominentesten Bewunderern. Nach einigem Hin und Her, wo und wann der Walzer zum ersten Mal gespielt werden sollte, erklang er schliesslich am 27. März 1892 genau da, wo wir ihn jetzt hören – im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, damals interpretiert von Eduard Strauss‘ Kapelle, von dem denn auch das nächste Stück stammt.

10. Eduard Strauss – Eisblume; Mazurka op. 55

Endlich erleben wir Eduard Strauss im Rahmen eines Neujahrskonzertes einmal im Dreivierteltakt – auch wenn es nicht ein Walzer, sondern „nur“ eine gemächliche Mazurka ist. „Eisblume“ mit einem lieblichen Hauptthema in Moll hat Eduard anlässlich der Eröffnung des Wiener Musikvereins im Jänner 1870 geschrieben. Die Inbetriebnahme des neuen Gebäudes von Theophil Hansen erfolgte am 6. Jänner, der grosse Eröffnungsball mit den Widmungskompositionen stieg am 13. Jänner. Kam „Eisblume“ von Eduard Strauss, so steuerte Johann den Walzer „Freut euch des Lebens“ und Josef die Polka „Künstler-Gruss“ bei. Auf der Titelseite der Notenpartitur von „Eisblume“ ist explizit vermerkt: „zum Eröffnungsballe“.

11. Joseph Hellmesberger (Jun.) – Gavotte

Es ist mir ja ein grosses Anliegen, dass auch die weniger bekannten Wiener an den Neujahrskonzerten zum Zug kommen. Aber warum die beiden Hellmesbergers in den vergangenen Jahren einen fixen Platz im Programm gepachtet zu haben scheinen, dünkt mich nun doch etwas merkwürdig, zumal es noch viele andere vergessene Komponisten gibt, die neue Aufmerksamkeit verdienten. Wie auch immer, an der Musik der Hellmesbergers gibt’s nicht auszusetzen. Die nicht näher definierte Gavotte knüpft stimmungsmässig an die vorherige Nummer an und funktioniert als beschauliches, nicht typisch wienerisches Intermezzo.

12. Hans Christian Lumbye – Postillon-Galopp; op. 16

Wienerischer als Hellmesberger gibt sich der „Strauss des Nordens“ mit dieser rasanten Galoppe. Schön, dass der Däne erneut einen Platz im Programm findet. Nächstes Mal bitte mit einem Walzer!

13. Ludwig van Beethoven – Zwölf Contretänze“; WoO 14

Dass mit Beethoven einer der Hauptvertreter der Wiener Klassik Eingang ins Programm findet, ist stilistisch selbstverständlich absolut abwegig. Aber da der Komponist 2020 seinen 250. Geburtstag feiert, liegt der Grund für die Wahl auf der Hand. Schliesslich handelte bereits der Pausenfilm von Beethoven.

14. Johann Strauss (Sohn) – Freuet euch des Lebens; Walzer op. 340

Nach „Eisblume“ hören wir nun eine weitere der damaligen Widmungskompositionen für den Eröffnungsball des Wiener Musikvereins. Strauss geht etwas fulminanter ans Werk als Eduard, so eröffnet das Intro mit festlichen Paukenschlägen. Warum der Walzer nach seiner Uraufführung ziemlich schnell der Vergessenheit anheim geraten ist, bleibt ein Rätsel, zumal er sich qualitativ von vielen anderen Strauss-Walzern abhebt. Immerhin hört man den Walzer heutzutage immer mal wieder. Eine schöne Wahl.

15. Johann Strauss (Sohn) – Tritsch-Tratsch-Polka; op. 214

Weniger einfallsreich ist diese Nummer, obschon die Polka aus dem Jahre 1858 stets ein Gute-Laune-Garant ist und das Publikum mitreisst. Aber irgendwie ist das Stück gerade wegen seiner Popularität alles andere als eine Überraschung auf dem Programm eines Neujahrskonzerts. Hier hätte sich etwas Anderes besser gemacht.

16. Josef Strauss – Dynamiden; Walzer op. 173

Viel spannender ist dieser Walzer, mit dem das offizielle Programm seinen Schluss findet, auch wenn das Stück erst gerade noch 2014 unter Daniel Barenboim gespielt worden ist. Die Dynamiden – „geheime Anziehungskräfte“ – sind eine Anreihung bezaubernder Walzermelodien, für die Josef Strauss hörbar aus dem Vollen geschöpft hat. Es war das Widmungswerk für den Industriellenball in den Redoutensälen und wurde da am 30. Januar 1865 uraufgeführt.

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Es folgt nach der ersten Zugabe („Im Fluge“; Polka op. 230 von Josef Strauss) und dem traditionellen Neujahrsgruss der Walzer „An der schönen blauen Donau“ sowie der Radetzky-Marsch von Johann Strauss (Vater). Letzterer erfährt in diesem Jahr eine Premiere: Der Marsch wird erstmals in einem Neuarrangement gespielt. Der Grund: Die bisherige Version stammt von Leopold Weininger (1879-1940). Der deutsch-österreichische Musiker war Antisemit sowie überzeugtes Mitglied der NSDAP und bearbeitete fleissig NS-Liedgut. Nun haben sich die Wiener Philharmoniker entschieden, das Arrangement des Radetzky-Marsches mit so unrühmlich braunem Hintergrund nicht mehr zu verwenden. Ein Zug, der schon lange überfällig war…

Was schon feststeht: Das Neuhajrskonzert 2021 wird dirigiert von keinem Geringeren als Riccardo Muti.

Johann’s Citronen


Op. 364 von Johann Strauss Sohn gehört zu seinen bezauberndsten Walzerthemen. „Wo die Citronen blüh’n“ hatte ursprünglich „Bella Italia“ geheissen. Anlässlich einer Reise nach Italien hat Strauss dieses Meisterwerk geschrieben. Die Uraufführung fand denn auch noch auf dieser Reise statt, im Mai 1874 im damals prachtvollen Teatro Regio in Turin. Folgend das Hauptthema als Pianoversion:

 


Es sind wunderschöne Landschaftsveduten aus dem 19. Jahrhundert, qualitativ hervorragend gemalt, zuweilen gar meisterhaft, häufig zeigen sie romantische Ansichten aus dem Berner Oberland, aber auch malerische Motive aus anderen Schweizer Regionen. Die Ölgemälde sind signiert mit „G. Stähly-Rychen“. Dieser Name sorgt für Verwirrung.

Internetplattformen mit Fokus Kunst wie auch namhafte Auktionshäuser pflegen es, diesen Stähly-Rychen als Pseudonym des bekannten und hoch gehandelten österreichischen Landschaftsmalers Hubert Sattler (1817-1904) anzupreisen. Wo diese Zuschreibung ihren Ursprung hat und warum man überhaupt auf diese Annahme gekommen ist, steht in den Sternen. Setzt man sich hinsichtlich Komposition und Handschrift mit den Gemälden dieses Stähly-Rychen wie auch mit denjenigen Hubert Sattlers auseinander, so kommen Zweifel auf, ob es sich tatsächlich um ein- und dieselbe Person – um Hubert Sattler – handelt. Zu unterschiedlich scheinen die Malweisen. Kommt hinzu, dass Hubert Sattler fast ausschliesslich kleinformatig gemalt hat, während von Stähly-Rychen grosse bis sehr grosse Ölgemälde existieren.

Es ist dem Anschein nach ein Gottfried Stähly-Rychen nachgewiesen, der von 1840 bis 1920 gelebt und wohl zum grossen Kreis der Thuner Vedutenmaler gehört hat. Details hierzu sind auf www.foto.ch nachzulesen. Im „Intelligenzblatt“ vom 3. Februar 1891 ist ferner folgende „Kunstnotiz“ publiziert:

Wie schon öfters, so hat gegenwärtig Hr. Stähly-Rychen in Bern (Bärenplatz, „Spar- und Betriebsverein“) eine seiner vorzüglichen Leistungen auf dem Gebiete der Thiermalerei, die ihm bereits im Auslande den Namen eins Thiermalers ersten Ranges erworben hat, ausgestellt. Wir  machen die hiesigen Kunst- und Naturfreunde auf das betreffende, vorzüglich gelungene Bild aufmerksam.

Und im Verzeichnis für literarisches und künstlerisches Schweizer Eigentum des Schweizerischen Handelsamtsblattes wird am 15. Dezember 1888 ein Ölgemälde mit dem Titel „Lehrerseminar in Münchenbuchsee“ von Gottfried Stähly-Rychen eingetragen.

Zwar kennt man von Gottfried Stähly-Rychen nicht unbedingt Tier-, sondern Landschaftsbilder, aber es ist dennoch wahrscheinlich, dass hier von „unserem“ Stähly-Rychen die Rede ist. Auf jeden Fall ist diese Annonce ein weiteres Indiz dafür, dass es sich bei Gottfried Stähly-Rychen nicht um Hubert Sattler handelt, sondern um einen eigenständigen und begnadeten Schweizer Künstler, welcher biografisch nur sehr spärlich erfasst ist. Trifft diese Annahme zu, so ist es bedenklich, wenn namhafte Auktionshäuser den Namen „Gottfried Stähly-Rychen“ weiterhin als Sattler-Pseudonym handeln und so mit potenziell falschen Angaben höhere Preise erzielen.


Ein Beitrag aus der «Luzerner Zeitung»vom 29. Juli 2016. Autor: Andreas Faessler

 

Kaum einer wird heute mit dem Venedig des 18. Jahrhunderts so eng in Verbindung gebracht wie Antonio Vivaldi. Das kulturelle Geschehen in der Lagunenstadt drehte sich zu seinen Lebzeiten förmlich um den Genius – es war überdies eine Epoche, in der teils groteske gesellschaftliche Zustände herrschten. Und Vivaldi stand irgendwie immer mittendrin. Am 28. Juli 1741 starb der illustre Musiker. Allerdings nicht etwa in Venedig, sondern in Wien. Eine verhältnismässig kurze Episode in Vivaldis Leben hat zahlreiche Überlieferungen und Anekdoten hervorgebracht, welche die Biografie des Komponisten auf zuweilen amüsante Weise anreichern.

Zum Zeitpunkt von Antonio Vivaldis Geburt am 4. März 1678 trieb das ausschweifende, luxusverwöhnte Leben der reichen Venezianer ebenso eigenartige Blüten wie die  katholische Kirche in der «Serenissima». Nirgends gab es seinerzeit ein so grosses Angebot an Geistlichen wie in Venedig. Statistisch gesehen – so ist überliefert – war jeder 31. Venezianer ein Priester. Dass dies in der vergnügungssüchtigen Stadt aber kaum für eine ausserordentlich hohe Qualität des kirchlichen Lebens sprach, verwundert kaum, denn auch so manch Vertreter des oberen Klerus entsagte dem pompösen Unterhaltungsangebot in der Lagunenstadt nicht. Trotzdem bestand Antonio Vivaldis Vater darauf, dass sein Sohn die kirchliche Laufbahn einschlagen soll, obwohl der kleine Antonio für den Vater, der Berufsmusiker war, bei Auftritten oft als Vertreter  einspringen musste. Antonio hatte schon sehr früh begonnen, Violine zu spielen, und bewies dabei schnell eine aussergewöhnliche Begabung. Kurzum: Papa Vivaldi legte seinem Jungen die Musik faktisch in die Wiege.

«Il Prete Rosso»

Der Wille des geschätzten Vaters aber hatte selbstverständlich Gültigkeit: Antonio empfing bereits im Alter von 15 Jahren die ersten niederen Weihen. Mit
18 Jahren folgte die erste höhere Weihe zum Subdiakon, bald zum Diakon. Seine anschliessende Ausbildung zum Priester erfolgte primär in der Praxis an zwei venezianischen Pfarreien. 1703 wurde Vivaldi im Alter von 25 Jahren zum Priester geweiht. An Santa Maria della Pietà wirkte er als Kaplan – einer von Hunderten in Venedig. Als Priester genoss Vivaldi unter all den anderen allerdings insofern einen gewissen Bekanntheitsgrad, als er mit seinem feuerroten Haupthaar stark aus der Masse hervorstach. Stadtweit kannte man ihn als «Il Prete Rosso» – der rote Priester.
Vivaldis Biografie lässt allerdings den Rückschluss zu, dass er sein Amt als
Geistlicher mit wenig Ehrgeiz ausübte, geschweige denn eine kirchliche Karriere anstrebte. Später wird Vivaldi in einem Brief schreiben, dass es für ihn
aus gesundheitlichen Gründen jeweils ein Kraftakt gewesen sei, eine ganze
Messe abzuhalten. Zeitzeugen hielten fest, dass Vivaldi manchmal sogar mitten in der Messe den Altarraum verliess und sich in die Sakristei zurückzog oder
den Gottesdienst ganz abbrach. Schnell machten Gerüchte die Runde, dem
roten Priester sei wohl einfach die Lust am Zeremoniell vergangen, weil er
anderes im Kopf hatte.

Der Abtrünnige

Diese Mutmassungen waren alles andere als abwegig. Denn Vivaldi war am angegliederten Ospedale della Pietà, Mädchenwaisenhaus und Musikschule zugleich, Violinlehrer. Dieses Amt übte er freilich mit mehr Enthusiasmus und Energie aus. Nach weniger als zwei Jahren seit der Priesterweihe quittierte Vivaldi seine kirchliche Laufbahn und widmete sich gänzlich seinem Dasein als Musiker – Vivaldis wahrer Berufung. Er blieb am Ospedale della Pietà, um später das dortige Mädchenorchester zu leiten. Es dauerte nicht lange, verbreiteten böse Zungen böse Geschichten über Liebschaften und gar zügellose Hurerei des einstigen Priesters. Weltliche Gelüste und der Umgang mit dem anderen Geschlecht seien ihm wohl wichtiger als einst der keusche Dienst am Herrn. Es tat Vivaldis steigender Bekanntheit aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Der Komponist erwuchs schnell in einer ungeheuren Schaffenskraft, lieferte Orchesterwerke sowie Opern am Band und übte gar Einfluss auf das evangelische Bach-Imperium nördlich der Alpen aus.

Tod in Wien

Als nach Jahren intensiven musikalischen Wirkens die Nachfrage nach dem
Stil Vivaldis sank, verliess er 1740 seine italienische Heimat, um in der Kulturhochburg Wien sein Glück zu versuchen. Doch scheiterte er in der Kaiserstadt kläglich, verarmte sehr schnell und starb dort als gebrochener, vergessener Mann. Dieses Schicksal wäre dem «abtrünnigen roten Priester» vermutlich erspart geblieben, hätte er die ihm zugedachte Laufbahn gewissenhaft verfolgt. Sein Vermächtnis aber ist dafür umso wertvoller und grandioser, gilt Antonio Vivaldi seit seiner Wiederentdeckung doch als einer der beliebtesten und meistinterpretierten Komponisten des Barock.
Seit 2001 erinnert am Rooseveltplatz in Wien neben der Votivkirche ein von
Gianni Arco entworfenes Denkmal an den venezianischen Meister und einstigen ambitionslosen Pfarrer.

unbenanntMedaillon am Vivaldi-Denkmal in Wien


Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2019 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins wird zum ersten Mal von Christian Thielemann (*1959), Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dirigiert. Mit einem neuen Gesicht an der Front steigt auch immer die Hoffnung auf „neuen Wind“ im Programm. Thielemann, gebürtiger Berliner, erfüllt diese Erwartung zwar nicht unbedingt in der Varietät der gespielten Komponisten, dafür aber hinsichtlich erstmals in diesem Rahmen intonierter Raritäten, es sind deren sechs. Während Joseph Lanner und Johann Strauss Vater heuer (leider!) gänzlich fehlen im offiziellen Programm, räumt Thielemann dafür dem jüngeren Joseph Hellmesberger und Eduard Strauss je zwei Plätze ein. Warum die beiden vergleichsweise wenig bedeutenden, aber wohltalentierten Hellmesbergers Junior und Senior in den letzten Jahren so regelmässig zum Zug kommen an den Neujahrskonzerten, darüber kann man nur rätseln. Alles in allem erwartet uns aber ein recht spannendes, solides Programm mit mehreren seltenen Perlen und immerhin zwei wohlbekannten, wunderbaren Konzertwalzern, derer man nie überdrüssig werden kann.
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Am Neujahrskonzert 2019 werden gespielt:

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1. Carl Michael Ziehrer – Schönfeld Marsch; op. 422

Das Konzert startet gleich mit einer bombastischen Nummer: Der „Freiherr von Schönfeld-Marsch“, wie das Stück mit vollem Namen heisst, gehört nach Ansicht des Autors nicht nur zu den hinreissendsten Märschen, die jemals geschrieben worden sind, sondern es ist eine der berühmtesten Marschkompositionen im deutschsprachigen Raum. Seit 1920 ist es der offizielle Regimentsmarsch der österreichischen Armee. Ziehrer hat den Marsch für den österreichischen Generalstabchef Anton von Schönfeld (1827-1898)  geschrieben. Als Schönfeld nach längerem Ausbleiben der Komposition bei Ziehrer nachhakte, soll dieser erschrocken gerufen haben: „Mein Gott, das habe ich total vergessen!“ Gleich darauf soll sich Ziehrer ans Klavier gesetzt und in Windeseile, jedoch mit genialer Eingebung, den Marsch skizzenhaft komponiert und ihn sofort zur Instrumentierung gegeben haben.

2. Josef Strauss – Transactionen; Walzer op. 184

Ein exzellenter Walzer mit einer für Josef Strauss sehr typischen, wunderbar tonmalerischen Introduktion und einem recht einfachen, aber umso wirkunsvolleren Hauptthema. Woher die Namensgebung rührt, bleibt unklar, zumal die original Partitur Amor zeigt, der die Hände zweier Liebenden vereint, was nicht wirklich etwas mit Börsen-„Transactionen“ zu tun hat. Pepi Strauss schrieb diesen Walzer kurz vor seiner Abreise in einen Erholungsurlaub. Die Uraufführung erfolgte am 2. August 1865 im Volksgarten.

3. Joseph Hellmesberger (Jun.) – Elfenreigen, ein Charakterstück

Diese schön arrangierte, sehr kontrastreiche Komposition war bereits im Jahre 2007 im Programm des Neujahrskonzerts. Es vertont den leichten, beschwingten Tanz zarter Feenwesen. Eine willkommene „Erleichterung“ nach dem anspruchsvollen Walzer von Josef Strauss.

4. Johann Strauss (Sohn) – Express-Polka; op. 311

Diese nette kleine Polka, die jedoch nicht unbedingt zu den einfallreichsten Glanzstücken des Komponisten gehört, diente zur Zeit ihrer Entstehung als kleiner Aufsteller-Versuch für das Volk. Erst zuvor nämlich hatte Österreich seine verheerende Niederlage in der Schlacht bei Königgrätz erlitten mit grossen menschlichen Verlusten. Die Stimmung im Lande war denkbar getrübt. Über vier Monate nach dem Rückschlag, am 18. November 1866, spielten die Strauss-Brüder erstmals wieder auf und wagten den Versuch, das Volk mit Novitäten aus der Lethargie zu locken. Die Express-Polka war einer der Beiträge, welche an diesem Konzert im Volksgarten mit viel Begeisterung aufgenommen wurden.

5. Johann Strauss (Sohn) – Nordseebilder; Walzer op. 390

In den Jahren 1878 und 1879 weilte Johann Strauss in Norddeutschland und erholte sich an der frischen Nordseeluft, unter anderem auf der Insel Föhr. Inspiriert von der charakteristischen Landschaft, von der angenehmen Rauheit des Klimas und des Wetters schrieb Strauss ein wahres Meisterwerk nieder, ein symphonisches Tongemälde allererster Qualität, das die sanften bis wilden Wellen der kühlen Nordsee umschreibt. Dies beginnt bereits mit der bezaubernden Einleitung, die schliesslich in eines der hinreissendsten Walzerthemen Strauss‘ übergeht. Im Herbst 1879 wurde „Nordseebilder“ in Wien uraufgeführt. Das Publikum war so elektrisiert, dass Strauss den Walzer mehrmals wiederholen musste.

6. Eduard Strauss – Mit Extrapost; Galopp op. 259

Es freut, dass der „schöne Edi“ noch im ersten Teil des Konzerts zu Ehren kommt, denn er wird – oft zu Unrecht – stiefmütterlich behandelt im Vergleich zu seinen Brüdern. „Mit Extrapost“ ist eine zackige, temporeiche Galoppe mit sehr gefälligen Passagen, die nichts als gute Laune bereiten. Leider ist die Stückwahl nicht besonders einfallsreich, zumal die Galoppe schon mehrmals an einem Neujahrskonzert gespielt worden ist. Wann endlich setzt sich ein Dirigent intensiver mit Eduards Oeuvre auseinander und erkennt mit dem nötigen Sachverstand, was es hier für Juwelen zu bergen gibt? Und zwar nicht nur Galoppen und Polkas, auf die der Edi seit jeher beschränkt wird. Man vermisst seine grandiosen Walzer.

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—— PAUSE ——

(Film zu 150 Jahren Wiener Staatsoper)

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7. Johann Strauss (Sohn) – Ouvertüre zu „Der Zigeunerbaron

Mit slawisch anmutenden Takten gehts in den zweiten Teil: Das Eröffnungsstück von Strauss‘ dritterfolgreichster Operette ist ein vielschichtiges, dynamisches Meisterwerk mit viel Feuer – v.a. in der zweiten Hälfte – und ebenso ruhigen wie beschwingten Motiven, die Wohlbekanntes zitieren. Die Operette wurde im Oktober 1885 im Theater an der Wien uraufgeführt. Die Wahl der Ouverture als Einstieg in den zweiten Teil des Neujahrskonzerts ist sicher passend.

8. Josef Strauss – Die Tänzerin; Polka op. 227

Eine kleine Trouvaille, selten gehört, da lange Zeit vergessen. Josef Strauss schrieb diese liebliche Polka vermutlich für ein von Carl Schwender organisiertes Park-Konzert in der „Neuen Welt“ in Hietzing im Juni 1867. Es ist davon auszugehen, dass die relativ einfache Polka nicht der Hit des Tages war. Aufzeichnungen zufolge wurde sie nach dem Konzert nur noch einige wenige Male aufgeführt und war bald ganz vergessen. Schön, dass sie hier eine Reinkarnation in populärem Rahmen erlebt.

9. Johann Strauss (Sohn) – Künstlerleben; Wazler op. 316

Einer von Strauss‘ meistgespielten Konzertwalzern, der seine Wirkung nie verfehlt und dem auch immer wieder ein Platz im Neujahrskonzertprogramm gebührt, heuer anlässlich 150 Jahre Wiener Staatsoper. Der Walzer wird hier beschrieben. Balletteinlage, choreografiert von Andrey Kaydanovskiy.

10. Johann Strauss (Sohn) – Die Bajadere; Polka op. 351

Diese Wahl ist insofern etwas rätselhaft, als diese im Gesamtwerk von Strauss eher unbedeutende, wenn auch neckische Polka in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits dreimal Teil des Programms war. Die Polka zitiert Passagen aus Strauss‘ erster, wenig erfolgreichen Operette „Indigo und die 40 Räuber“. Die Musik hingegen, darunter auch diese Polka kamen beim Publikum gut an. Im Juni 1871 wurde sie im Volksgarten erstmals konzertant aufgeführt. Dennoch hätte man sich an dieser Stelle etwas Einfallsreicheres gewünscht.

11. Eduard Strauss – Opern-Soirée; Polka op. 162

Nun noch eine Polka von Edi, kompositorisch keine Meisterleistung (er konnte es viel besser), aber immerhin eine Neujahrskonzert-Novität. Im Dezember 1877 gaben Eduard und Johann im Rahmen einer Opern-Soirée ihr erstes gemeinsames Konzert mit den Wiener Philharmonikern. Als Eduard seine neue, entsprechend benannte Polka anstimmte, sollen der überlieferung zufolge schnurstracks alle Sessel zur Seite geräumt geworden sein, damit das begeisterte Publikum dazu tanzen konnte. Der anwesende Kaiser Franz Joseph soll darob nicht sonderlich begeistert gewesen sein.

12. Johann Strauss (Sohn) – Eva-Walzer nach Motiven aus „Ritter Pásmán“

Mit Hörnern und Fanfaren eröffnet das Stück, das keine Opus-Nummer trägt. Der Eva-Walzer ist ein musikalisches Exzerpt aus der einzigen Strauss-Oper, mit welcher der Komponist im Januar 1892 leider grandios scheiterte – der Versuch, sich „ernster Musik“ zuzuwenden, er gelang nicht. Der Eva-Walzer war eines der wenigen Stücke dieser komischen Oper, das von den Kritikern gelobt wurde. Zu recht, denn der vergleichsweise kurze Walzer überzeugt mit bezaubernden Sequenzen, die zwar so gar nicht strauss-typisch, aber dem Gemüt sehr zuträglich sind.

13. Johann Strauss (Sohn) – Csárdás aus „Ritter Pásmán“; op. 441

Auch dieser Csárdás gehört zu den wenigen erfolgreichen Musikteilen der Oper. Hier wird Strauss sehr „ungarisch“. Die erste Hälfte des Stückes ist allerdings recht langatmig, bevor es dann endlich das temperamentvolle slawische Feuer entwickelt. Balletteinlage, choreografiert von Andrey Kaydanovskiy, gefilmt in Schloss Grafenegg nahe Krems.

14. Johann Strauss (Sohn) – Egyptischer Marsch; op. 335

Als Strauss in den Sommermonaten von 1869 wieder im Russischen Pawlowsk weilte, schrieb er diesen interessanten Marsch, der vom Publikum ausserordentlich gut angenommen wurde. Strauss benannte seinen „Egyptischen Marsch“ (sic!) für das Folgekonzert in „Tscherkessen-Marsch“ um. Auch in Wien wurde das Stück erst mit diesem Namen verlegt, später dann aber wieder zum Originalnamen zurückgeführt. Grund war mit Sicherheit die Eröffnung des Suezkanals, und da die Strauss-Brüder ihre Werke ja oft mit wichtigen Ereignissen in Verbindung brachten, bot sich der Name „Egyptischer Marsch“ natürlich wieder bestens an – gescheites „Marketing“ halt.

15. Joseph Hellmesberger (Jun.) – Entr’acte Valse

Mit den Hellmesbergers haben sie’s wirklich in den letzten Jahren. Die Entr’acte-Valse ist ein weitgehend vergessenes Stück, das vermutlich seit Jahrzehnten nie mehr in einem grösseren Rahmen aufgeführt worden ist. Es taucht einizig in einigen wenigen Programmen aus dem frühen 20. Jahrhundert auf – vornehmlich in Amerika. Das Werk trägt keine Opusnummer. Man kann gespannt sein, wie die Philharmoniker diese Perle mit höchstem Seltenheitswert interpretieren.

16. Johann Strauss (Sohn) – Lob der Frauen; Mazurka op. 315

Für das „schwache Geschlecht“ hatte der Schani sehr viel übrig, was sich auch in mehreren Kompositionen niederschlug. Mit dieser Mazurka als Widmung an die Frau wollte er das Volk aus einer Lethargie holen, welche sich durch politische Unruhen und Spannungen breit gemacht hatte. Die bittere Niederlage der Donaumonarchie nach der Schlacht bei Königgrätz lag noch nicht lange zurück. Strauss schaffte die Aufheiterung erwartungsgemäss am Konzert im Volksgarten vom 17. Februar 1867. Das Publikum war  hingerissen von dieser gemütlichen Mazur.

17. Josef Strauss – Sphärenklänge; Walzer op. 235

Dieser fantastische Konzertwalzer, der einer von Pepis grössten Würfen geworden ist, war ursprünglich eine übliche Widmungskomposition – und zwar für den Medizinerball anno 1868 in den Sofiensälen, wo Strauss denn auch als Balldirektor fungierte. Zu recht gilt der Walzer als eines der grossartigsten Tongedichte der Wiener U-Musik. Die Kritiken nach der Uraufführungen waren hervorragend, was die Musik betrifft. Moniert wurde hingegen der Titel, welcher nach Auffassung der Kritiker der Güte der Musik nicht gerecht werde… Wir sehen das anders: Der Walzer ist so bezaubernd schön, dass er die Hörerschaft in andere Sphären hebt. Ein Stück, das im Programm eines Neujahrskonzertes nie eine falsche Wahl sein kann. Mit den „Sphärenklängen“ verklingt das offizielle Programm 2019.

Angekündigte Zugabe: Johann Strauss (Sohn) – Im Sturmschritt; Polka op. 348

Eine Melodie, welche vielen vertraut vorkommen dürfte: „Im Sturmschritt“ ist eine gerne aufgeführte Komposition, die durch und durch gute Laune macht. Strauss verarbeitete einiges von der Musik aus seiner Operette „Indigo und die 40 Räuber“ zu Konzertstücken. Bei dieser Polka dürfte er sich von der Rasanz von Jacques Offenbachs „Can can“ inspiriert haben lassen. Die Wiener Uraufführung erfolgte an einem Mai-Konzert im Jahre 1871 im Volksgarten.

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Wie es Tradition ist, endet auch das Neujahrskonzert 2019 mit „An der schönen blauen Donau“ und dem Radetzky-Marsch – Letzterer wie immer im Bierzelt-Modus.


Ja, die Lebensqualität in Wien ist sehr gross. Die Hauptstadt Österreichs ist (wiederholt) zur lebenswertesten Stadt weltweit erkoren worden – aus weitgehend nachvollziehbaren Gründen. Aber eben nur weitgehend, also nicht ausschliesslich.

Neulich nämlich ging ich durch den Sigmund-Freud-Park, die ausladende Grünanlage vor der Votivkirche. Viele Leute sassen an der Sonne, verbrachten ihre Mittagspause essend und sich unterhaltend. Und mitten drin auf dem Asphaltboden vor einer Parkbank lag ein verwahrloster Mann wohl um die 40. Verdreckt von oben bis unten, die speckige Hose bedeckte nur das halbe Gesäss, ein Fliegenschwarm tat sich an seinem von rotem Ausschlag übersäten Hintern gütlich. Der Mann versuchte, seinen Kopf zu heben, war dem Anschein nach aber mehr tot als lebendig. Nein, er hatte sich ganz sicher nicht einfach mal dahin gelegt, um ein wenig auszuruhen, nachdem er ein Gläschen zuviel getrunken hatte. Er war in einem jämmerlichen Zustand – ein beklagenswerter, trauriger Anblick. Niemand beachtete ihn, niemand (ausser mir?) schien sich um den armen Teufel zu sorgen… Ich mache mir seither Vorwürfe, dass ich in diesem Augenblick nicht besser war als der Rest und eine Ambulanz oder eine Polizeistreife gerufen habe und somit nicht weiss, was mit dem Mann geschehen ist.

Solche Bilder kann es in der „lebenswertesten Stadt der Welt“ schlicht und ergreifend NICHT geben. Angesichts dessen scheint dieses Label wie ein Hohn. Es ist ein Schlag ins Gesicht eben dieser armen Gestalten, um die sich weder Einwohner noch Behörden scheren. Es war tatsächlich ein Bild, wie ich es nur aus der Dritten Welt oder aus dem dunklen Osten Europas kenne. Und in Wien gibt es wahrlich viele solcher bedauernswerter Menschen, wenn man nur etwas aufmerksamer hinschaut. In Zürich beispielsweise, welches den Spitzenplatz vor einigen Jahren aus mir schleierhaften Gründen an Wien abtreten musste, sind solche Szenen undenkbar. Da wäre innert Kürze ein herbeigerufenes Careteam vor Ort oder die Polizei, die sich um den Mann gekümmert hätte. Nicht aber in Wien.

Diese Stadt soll also allen Ernstes die weltweit höchste Lebensqualität aufweisen? Garantiert nicht. Nicht, solange solche schrecklichen Szenen noch immer zum Alltag gehören. Das ist nicht mein Wien!

 


Zigtausende Touristen und Passanten strömen täglich am Stephansdom vorbei, aber wohl kaum ein einziger bemerkt je die unscheinbare kleine Laterne hinter einem der Pilaster an der Hauptfassade. Nahe an der Ecke zum erzbischöflichen Palais ist das kleine, wohl aus neuerer Zeit stammende Laternchen angebracht. Und fast immer brennt darin ein Kerzchen. Irgendjemand scheint sich regelmässig um das Armenseelenlichtlein zu kümmern. Schön.

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Betrachtung eines Kunstwerkes

Carl Schultze: Am Stilfser Joch

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Wiederholt ist dieses Gemälde im Dorotheum in Wien angeboten worden unter dem Titel „Am Sankt Gotthard in der Schweiz“. Ein klassisches Beispiel dafür, dass selbst renommierte Auktionshäuser sich nicht immer die nötige Zeit nehmen, die Betitelung von Gemälden, die ihnen angeboten werden, seriös zu überprüfen. Jeder, der schon mal auf dem bekanntesten aller Alpenpässe war, sieht auf Anhieb, dass es sich nicht um den Gotthardpass handeln kann, der als wichtigste Nord-Süd-Verbindung der Alpen gilt.

Was Carl Schultze (1856-1926) hier gemalt hat, ist in Tat und Wahrheit das Stilfser Joch, der 2757 Meter hohe Alpenpass knapp an Schweizer Grenze, der das Veltlin mit dem Vinschgau verbindet. Wir sehen das Hotel Ferdinandshöhe. Im Vordergrund erkennt man den Kaiser-Franz-Joseph-Obelisken von 1888, der um 1925 schliesslich auf den höchsten Punkt der Passstrasse verbracht worden ist. Im Hintergrund auf der Anhöhe ist wohl der Vorgängerbau der Tibet-Hütte zu sehen.

Schultze hat hier mit Sicherheit eine historische Fotografie, respektive Postkarte als (Teil-)Vorlage für sein sehr gekonnt ausgeführtes Ölgemälde auf Holz genommen. Nicht nur wegen dem Wagen, sondern auch wegen dem Hintergrund lässt sich darauf schliessen (siehe Bild unten). Selbst die Holzstämme am Strassenrand und den nicht näher definierten Kubus beim Obelisken hat er in sein Gemälde übernommen.

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Carl Schultze ist in Düsseldorf geboren und gehörte folglich der Düsseldorfer Schule an. Nach seiner akademischen Ausbildung unternahm er mehrere Studienreisen, unter anderem auch durch die Alpen. Dabei entstanden zahlreiche Landschaftsgemälde aus Österreich, Italien und der Schweiz.


Betrachtung eines Kunstwerkes

Franz Poledne: Barockes Schlösschen

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Die Aquarelle von Franz Poledne (1873-1932) gehören mit zu den schönsten und akkuratst ausgeführten unter der Vedutenmalerei, wie ich finde. Der weitgehend autodidakte Wiener war ausserordentlich produktiv – kaum eine Ecke in Wien und Umgebung, die er nicht abgebildet hat. Zu Polednes Abnehmer gehörten Personen aus höchten Adelskreisen, gar Kaiser Franz Joseph höchstselbst hat ein Aquarell von Poledne erworben.

Generell zeigen Franz Polednes Sujets wohlbekannte Orte und Ansichten, die zumindest mit der Provenienz überliefert worden sind. Beim hier vorliegenden Aqauarell aus dem Jahre 1909 ist es etwas anders. Das Bild ist bereits wiederholt auf dem Kunstmarkt aufgetaucht, allerdings stets ohne Ortsangabe.  Die grosse Frage also: Welches barocke Palais oder Schlösschen mit Garten und einem lustwandelnden Paar ist hier abgebildet? Vom Baustil her würde ich es – wenn nicht in Wien selbst – eher in die Region östlich der Kaiserstadt verorten. Da sämtliche heute noch existierenden Barockgebäude in Wien weitestgehend dokumentiert sind und sich dieses Gebäude hier in Wien nicht (mehr) finden lässt, vermute ich, dass es sich entweder um ein weniger bekanntes (Land-/Jagd-)Schlösschen irgendwo in ruraler Umgebung handelt, oder aber um einen Wiener Adelssitz, der so nicht mehr existent ist.

Architektonisch erinnert das Gebäude im Entferntesten an den Seitentrakt von Schloss Hunyadi in Maria Enzersdorf. Generell aber würde ich eher an ein ungarisches Landgut denken. Jedenfalls muss es sich um ein Gebäude mit einer gewissen Bedeutung handeln, sonst hätte es Franz Polende nicht abgebildet. Und zwar in seiner üblich natürlichen und fast fotografisch genauen Manier. Polednes Aquarelle vermitteln stets pure Anmut und Schönheit in Strich und Farbwahl. Wer einen Hinweis hat, um welches Gebäude es sich hier handeln könnte… – wird sehr gerne entgegengenommen.


Betrachtung eines Kunstwerkes

Ignaz Ellminger: Weidenlandschaft mit Hüterbub

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Es ist die ländliche Idylle schlechthin: eine beschauliche Landschaft, dem Anschein nach im Vorgebirge, im Zentrum der Szene zwei friedlich weidende Kühe und am Zaun ein grosses Holzmarterl mit dem Gekreuzigten. Links leicht in den Mittelgrund gerückt steht ein Hirte mit blauem Kittel. Während der Maler die Tier- und Personenstaffage verhältnismässig gegenständlich ausführt, erinnern der Hintergrund sowie der Himmel in ihrer leichten Diffusität und in der Farbgebung eher an die Malweise eines Daubigny, denn an einen österreichischen Künstler.

Das kleine Ölgemälde auf Holz ist ein reizendes Kabinettstück des Wiener Malers Ignaz Ellminger (1843-1894). War er vorerst als Zeichenlehrer und Dichter aktiv, studierte er später an der Akademie der bildenden Künste in Wien, worauf er sich primär der Landschaftsmalerei zuwandte. Gelegentlich schuf er auch Porträtbilder. Doch in erster Linie bestimmen bäuerliche Idyllen das Werk Ellmingers. Sie zeigen romantische Bauernhofszenen, oft mit Kühen oder Pferden sowie auch Personen. Die Ellmingergasse im 23. Wiener Bezirk erinnert bis heute an den Maler, der dem Wiener Künstlerhaus angehörte.


Eine Ziehrer-Melodie macht der Kenner sofort aus. Dieses wunderschöne Quodlibet aus dem „Fremdenführer“ trägt besonders deutlich die Handschrift des Meisters. Die Textstelle „s’Gibt kein grösseres Vergnügen, als im Walzer hinzufliegen“ ist wohl populärer mit den Worten „Wenn als Wiener du geboren, hast du Glück g’habt in der Tat…“

Eine milde Gabe…


Steht eine ältere Frau mit Kopftuch – dem Anschein nach aus Osteuropa – am Ausgang des Stephansdoms. Ihr lautstarkes Betteln hallt bis ins Schiff hinein. Wenig später ist sie nicht mehr zu hören; sie steht draussen an der Dommauer, raucht eine Zigarette und tippt auf ihrem Handy rum.

Dann kommt einem an der Herrengasse ein eher schäbig gekleideter Mann mittleren Alters entgegen, führt einen freundlich wedelnden Strassenmischling mit sich und bittet in breitem Wienerisch um Kleingeld.

Wem von beiden würden Sie etwas spenden?


Aus der „Zuger Zeitung“ vom Samstag, 9. Dezember 2017

Wer war dieser «Johann Strauss Frankreichs»? Vor 180 Jahren, am 9. Dezember 1837, wurde er im Elsass geboren. Ein Pariser oder Londoner Ball wäre im ausgehenden 19. Jahrhundert ohne die elektrisierenden Walzer Émile Waldteufels unvollkommen gewesen.

Die ganze Welt schunkelt mit, wenn Cindy und Bert ihren Megahit «Wenn die Rosen erblühen in Malaga» von 1975 aus den Lautsprechern trällern. Oder schwelgend summt man mit bei den «Schlittschuhläufern», einem der populärsten Konzertwalzer der Musikgeschichte. Welchem kreativen Geiste diese unverkennbaren Melodien entsprungen sind, vermag so gut wie keiner zu benennen. Dabei war der Urheber mit dem einpräg­samen Namen Émile Waldteufel für das Paris und das London des ausgehenden 19. Jahrhunderts das, was Johann Strauss für das Wien derselben Zeit war. Wo Waldteufel mit seinem gefeierten Orchester aufspielte, da versammelte sich die Société féodale.

Charles Émile Lévy Wald­teufel wurde am 9. Dezember 1837, exakt heute vor 180 Jahren, in Strassburg in eine angesehene Musikerfamilie hineingeboren. Sein Vater Louis führte ein beliebtes Tanzorchester, und sein fünf Jahre älterer Bruder Léon war ein begnadeter Violinist. Als dieser ans Pariser Konservatorium aufgenommen wurde, zog die gesamte Familie Waldteufel kurzentschlossen in die Hauptstadt. Der Ortswechsel legte den Grundstein für Émiles fulminante Karriere: Er selbst trat 1853 als Pianist ins Pariser Konservatorium ein, während das Orchester seines Vaters immer angesehener wurde – hauptsächlich bei der feinen Gesellschaft. Im Jahr 1865 wurde Émile Waldteufel von Eugénie, Frankreichs letzter Kaiserin, höchstpersönlich zum französischen Hofpianisten ernannt, nachdem sein Vorgänger Joseph Ascher nach London umgesiedelt war.

Internationaler Durchbruch

Bald dirigierte Émile – mittlerweile auch als Komponist aktiv – das Orchester seines Vaters, meist weiterhin in fürnehmster Umgebung wie dem Tuilerienpalast. Der internationale Durchbruch gelang Émile Waldteufel, als sich an einem Konzert im Oktober 1874 der künftige britische König Edward VII. unter dem Publikum befand. Angetan von Waldteufels Werk, verschaffte ihm der Monarch einen vielversprechenden Vertrag mit einem Londoner Verlag. Selbst an den Bällen von Queen Victoria gehörte Waldteufels beschwingte Musik bald zum guten Ton. Wohl war der Komponist zu Lebzeiten primär der besseren Gesell­schaft bekannt, sein Netzwerk zog sich durch sämtliche Adelsränge. Die klangvollen Widmungsträger seiner über 250 Walzer, Polkas und Märsche zeugen eindrücklich davon.

Im Jahre 1882 gelang Émile Waldteufel sein bedeutendster Wurf: Mit dem Walzer «Les Pâtineurs» op.183, bei uns besser bekannt als «Die Schlittschuhläufer», hat der gebürtige Elsässer Musikgeschichte geschrieben. Kein Karussell, keine Drehorgel, keine der zahllosen Kompilationen der «schönsten Walzer der Welt» kommt ohne die eingängig dahinfliessende Melodie in A-Dur aus, in einer Vielzahl an Hollywoodfilmen oder Cartoons dient sie als Tonmalerei. Am Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker vom 1. Januar 2017 waren «Die ­Schlittschuhläufer» Teil des Programms. In der fast 80-jährigen Geschichte des traditionsreichen Konzerts im Wiener Musikverein fand Émile Waldteufel zum zweiten Mal in Folge einen Platz an der Seite der Strauss-Brüder. Ein posthumer Ritterschlag.

Émile Waldteufel aber ist freilich weit mehr als nur «Die Schlittschuhläufer»: Weitere bis heute regelmässig gespielte ­Walzer sind etwa «Estudiantina» (1883) oder «España» (1886). Letzterer basiert auf Melodien der gleichnamigen Rhapsodie von Emmanuel Chabrier (1841–1894) und stand schliesslich auch Pate für den eingangs erwähnten Welthit von Cindy und Bert. Auch geniale Schöpfungen wie «Pomone», «Amour et printemps», «La Source» oder «Pluie de diamants» tauchen bis heute noch im einen oder anderen U-Musik-Konzertprogramm auf.

Der Name des Urhebers ist weitgehend in Vergessenheit geraten, erlebt aber seit einigen Jahren eine kleine Renaissance, wenn auch eine zaghafte. Ab 1998 publizierte Naxos Records unter dem Label Marco Polo ein «Best of Émile Waldteufel» auf 11 CDs. Die Staatliche Slowakische Philharmonie Košice spielte über 100 Werke ein, viele von ihnen waren nun erstmals wieder zu hören. Eine Besonderheit Waldteufels war, dass er sämtliche Kompositionen als Klavierpartitur erstellte. Erst im Nachgang liess er sie orchestrieren.

«Feminine» Kompositionsweise

Waldteufels Walzer, Polkas und Galoppe zeichnen sich aus durch eine auffällige Zartheit und einen aussergewöhnlichen Melodienreichtum, den er bis in die feinste Nuance ausreizt. Obschon einige Werke, vor allem die spanisch geprägten, geradezu elektrisierend auf das tanzwillige Publikum wirken, so lassen sie dennoch die typische «Handschrift» Waldteufels nie missen. Viele Motive tauchen in unterschiedlichen Kompositionen subtil in variierender Weise wiederholt auf. Im Gegensatz zu Johann Strauss, dessen Walzer punktuell kräftig und archaisch ausbrechen, komponierte Waldteufel viel «femininer», wie es ein Kritiker einmal treffend notierte. Selbst seinen Märschen hat Waldteufel nie die Zackigkeit der deutschen und österreichischen Pendants einverleibt.

Dieser omnipräsente Liebreiz in Waldteufels Musik kann nicht zuletzt auch auf sein Gemüt zurückgeführt werden: Es ist überliefert, dass er eine sanfte, gesellige sowie überaus gutmütige und humorvolle Natur, ein liebender Ehemann und Familienmensch war. Am 12. Februar 1915 verstarb der schaffens­kräftige «Johann Strauss Frankreichs» in Paris. Sein unauffälliges Grab mit verblichener Inschrift liegt auf dem Friedhof Père Lachaise.

Andreas Faessler

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Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2018 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins wird von Riccardo Muti dirigiert. Der 75-jährige Italiener leitet das Konzert zum fünften Mal. Die Programmwahl ist sehr klassisch: viel Strauss. Leider wieder ohne Eduard, dafür gleich zweimal mit dem Vater im offiziellen Programm. Die diesjährige Besonderheit ist ein Beitrag von Alphons Czibulka, ein heute kaum mehr bekannter Vertreter des Wiener Genres. Es ist ein solides, mittelmässig aufregendes Programm mit drei vier Paradenummern und einigen selten gehörten Perlen. Joseph Lanner und Carl Michael Ziehrer fehlen diesmal. Bedauerlich.
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Am Neujahrskonzert 2018 werden gespielt:

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1. Johann Strauss (Sohn)Einzugsmarsch (aus dem „Zigeunerbaron„)

Mit dem schneidigen Einzugsmarsch aus dem 3. Akt der Operette „Der Zigeunerbaron“ vertont Johann Strauss seine Vorstellung eines pompösen, freudigen Empfangs von heimkehrenden Soldaten aus dem Spanischen Erbfolgekrieg. Die erste konzertante Aufführung dieses Marsches fand am 6. Dezember 1885 ebenfalls im Goldenen Saal statt. Diese schwungvolle Wahl passt sehr gut zur Eröffnung eines Neujahrskonzerts.

2. Josef StraussWiener Fresken; Walzer op. 249

Weiter gehts mit einem selten gespielten Walzer von Josef – ein lebensbejahendes Tongedicht, Wiener Musik erster Güte. Geschrieben hat Josef diesen melodienreichen Walzer für das grosse Schützen-Festival in Wien im Juli 1968. „Wiener Fresken“ war vorgesehen für das Konzert im Volksgarten am 28. Juli 1868, welches Teil des Festivals war. Warum der Komponist den Titel „Fresken“ wählte, ist nicht überliefert. Ob er die internationale Gästeschar auf die allgegenwärtigen Kunstwerke in den Wiener Kirchen und Wiener Palästen aufmerksam machen wollte? Jedenfalls ein sehr schöner Beitrag für das Neujahrskonzert 2018. Der bildliche Exkurs führt u.a. in den Prunksaal der Nationalbibliothek mit seinen fantstischen Deckenfresken.

3. Johann Strauss (Sohn)Brautschau; Polka op. 417

Schon sind wir wieder beim „Zigeunerbaron„. Mit dem Titel „Brautschau“ dürften die wenigsten etwas anfangen können, umso mehr dafür aber mit der Melodie. Das neckische Hauptthema der Polka ist nichts anderes als das weltberühmte Couplet des Schweinezüchters Zsupan, dessen einziger Lebenszweck „Borstenvieh und Schweinespeck“ ist. Diese Polka hat Johann Strauss bereits einen Monat nach der Uraufführung der Operette konzertant aufführen lassen, durch seinen Bruder Edi am 29. November 1885 an einem der traditionellen Sonntagskonzerte.

4. Johann Strauss (Sohn)Leichtes Blut; Polka op. 319

Die Strauss-Brüder pflegten es, für die Wiener Karnevalsrevuen mit Novitäten aufzuwarten. Für diejenige des Jahres 1867 komponierten Johann und Josef zusammen mindestens 24 Neuheiten, darunter kamen von Johann auch „An der schönen blauen Donau“ und „Künstlerleben„. Die Uraufführung von „Leichtes Blut“ am 10. März 1867 schlug ein – die Polka musste mehrmals wiederholt werden. Bis heute gehört sie zu den populärsten Strauss-Werken im 2/4-Takt und steht am Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker regelmässig auf dem Programm. Immer wieder erfrischend.

5. Johann Strauss (Vater)Marienwalzer; op. 212

Ein Walzer von Papa Strauss, das freut! Es ist ein typisches Werk von ihm: fröhliche, zuweilen sehr einfache, aber effektive aneinandergereihte Melodienfolgen, wie sie typisch sind für die frühen Zeiten der Wiener Konzertwalzer. Dass die immer tanzbarer werdenden Lanner- und Strausswalzer vom vergnügungshungrigen Wiener Publikum mit einer enormen Begeisterung aufgenommen wurden, zeigte sich auch an der Uraufführung des Marienwalzers am 20. Juli 1847 im Volksgarten. Trotz trübem Wetter erschien das Publikum zahlreich und verlangte gleich zweimal eine Wiederholung.

6. Johann Strauss (Vater)Wilhelm Tell Galopp; op. 29b

Nachdem Rossinis Oper „Guillaume Tell“ am 3. August 1829 in Paris uraufgeführt worden war, sprach sich der beispiellose Erfolg des Werkes in ganz Europa herum. Dennoch war die berühmte Ouverture mit dem unverkennbaren Tell-Galopp-Motiv in Wien erst im März 1830 erstmals zu hören. Strauss Vater reagierte umgehend und zimmerte aus den einprägsamen Takten schnell eine Galoppe, welche er erst gegen den Schluss mit eigenen Ideen anreicherte. Diese arrangierte er jedoch so geschickt, dass man meinen könnte, sie wären ebenfalls von Rossini.

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7. Franz von SuppéOuvertüre zuBoccaccio

Mit von Suppé, dem Wegbereiter der Wiener Operette, eröffnet der zweite Teil des Konzerts. „Boccaccio“ war das erfolgreichste Bühnenwerk von Suppés, und es wird auch heute noch regelmässig aufgeführt. Die Ouvertüre beginnt mit einer Tonfolge, die den Donauwalzer zu implizieren scheint. Es folgen tonmalerische Motive mit zuweilen dramatischer Linienführung. Typisch von Suppé. Ein sehr schöner Start in den zweiten Konzertteil.

8. Johann Strauss (Sohn)Myrthenblüten; Walzer op. 395

Ein heute selten mehr gespielter Walzer, der sich für ein Neujahrskonzert-Programm jedoch hervorragend eignet. Mit blumigen Harfenklängen eröffnet das Intro, bald geht es fast nahtlos in eines der bezauberndsten Hauptthemen eines Strauss-Walzers über. Der Kenner merkt gleich: Es ist eine Melodie aus der Operette „Wiener Blut“ („Wie hab‘ auf dir ich musiziert, Armes Spinett, dich malträtiert!“). Strauss hat den Walzer anlässlich der Vermählung von Kronprinz Rudolf mit Stephanie von Belgien am 10. Mai 1881 geschrieben, ursprünglich als Chorfassung für den Wiener Männergesangsverein. In dieser Version wurde der Walzer zwei Tage vor der Hochzeit im Wiener Prater erstmals aufgeführt – vor einer hingerissenen Menge von 20’000 Menschen!

9. Alphons CzibulkaStephanie-Gavotte; op. 312

Czibulka kennen heutzutage (leider) nur noch wenige Liebhaber der leichten U-Musik. Es gibt auch nur wenige Kompositionen des gebürtigen Ungaren/Slowaken, welche die Zeit überdauert haben. Sein wohl berühmtestes Werk, das vielen vertraut klingen dürfte, ist die Stephanie-Gavotte, ein reizendes, eingängiges Kleinod feinster Wiener Salonmusik, welches – wie die „Myrthenblüthen“ – der Kronprinzessin Stephanie gewidmet ist. Es ist hocherfreulich, dass Czibulka am Neujahrskonzert gespielt wird. Das Ballett tanzt dazu im Kaiserlichen Hofpavillon der Wiener Stadtbahn, welcher Otto Wagner für den Kaiser erbaut hat. 2018 ist der 100. Todestag des Architekten.

10. Johann Strauss (Sohn)Freikugeln; Polka op. 326

Eine populäre, vor Fröhlichkeit sprudelnde Strauss-Polka, zum x-ten Male am Neujahrskonzert vertreten. Komponiert hatte Strauss die „Freikugeln“ anlässlich des grossen Bundesfestschiessens der internationalen Schützenvereine im Wiener Prater im Jahre 1868. Die Erstaufführung am 27. Juli erntete Begeisterungsstürme, genauso wie auch die Reprise am Tag darauf im Volksgarten.

11. Johann Strauss (Sohn)Geschichten aus dem Wienerwald; Walzer op. 325

Ja, hierzu gibt’s nicht viel zu sagen, ausser dass dieser Walzer – zumindest aus Sicht des Autors – das Non-Plus-Ultra aus Johann Strauss‘ Werk darstellt. Es ist einer der genialsten, wenn nicht der genialste Wurf des Komponisten, musikalische Vollkommenheit, ein unerreichtes Tongemälde. Der Walzer dürfte jedes Jahr auf dem Programm stehen. Näheres zu diesem Meisterwerk hier.

12. Johann Strauss (Sohn)Fest-Marsch; op. 452

Von Strauss Sohn sind zwei „Fest-Märsche“ überliefert. Op.49 entstand im Jahre 1847 anlässlich der Wiedner Kirchweih. Op.452 aus dem Jahre 1893 war eine Widmungskomposition. Strauss schrieb den Marsch zu Ehren der Vermählung von Prinz Ferdinand von Bulgarien mit Prinzessin Maria Luisa von Bourbon-Parma. Die Erstaufführung erfolgte am 4. Juni 1893 im Wiener Prater im Rahmen eines grossen Aufmarsches aller in Wien stationierten Regimentsmusiken. An die 10’000 Zuschauer waren anwesend.

13. Johann Strauss (Sohn)Stadt und Land; Mazurka op. 322

Im Gegensatz zu seinem Vater zog es Johann Strauss Sohn nur einmal nach England. Als er in einem Vorort Londons weilte, war er beeindruckt von dem ausgeprägten Kontrast zwischen dem ruralen Leben und der pulsierenden Metropole. Diese Faszination vertonte er mit der schwelgerisch-melodiösen Mazurka op.322, welche er in Wien am 19. Januar 1868 an einem Konzert in den Blumensälen der Wiener Gartenbaugesellschaft uraufführte. Erwartungsgemäss war der Jubel gross. Auch im Russischen Pawlowsk, wo Strauss die Mazurka im Folgejahr vortrug, wurde das Werk mit Begeisterung aufgenommen und unter dem Titel „Vilanella-Polka“ veröffentlicht.

14. Johann Strauss (Sohn)Un ballo in maschera; Quadrille op. 272

Wenn wir schon so eine Häufung an Johann Strauss-Werken in der zweiten Konzerthälfte aufgetischt erhalten, ist es nur gut, dass wir auch eine Quadrille hören. Schon der Vater, aber auch Bruder Josef haben davon mehrere geschrieben. Die Maskenball-Quadrille basiert – wie der Titel es sagt – auf Themen der gleichnamigen Verdi-Oper. Diese wurde am 17. Februar 1859 in Rom uraufgeführt. Es dauerte jedoch geschlagene fünf Jahre, bis das Bühnenwerk auch in Wien gezeigt wurde. Die Wiener hatten damals nie viel übrig für Verdi und nahmen seine Opern mit tendenziell ablehnender Haltung zur Kenntnis. Anders sah das Johann Strauss. Er schwärmte für den Italiener. Als Strauss 1861 in Russland weilte, wurde dort „Un ballo in maschera“ aufgeführt – lange bevor es das Werk nach Wien schaffte. Strauss nutzte diese Gelegenheit, griff die prägnantesten Themen der Oper auf und verarbeitete sie zu einer Quadrille. Diese präsentierte er am 21. Dezember 1862 an einem Konzert im Volksgarten. Über die Reaktionen des Publikums ist jedoch nichts Verlässliches überliefert.

15. Johann Strauss (Sohn)Rosen aus dem Süden; Walzer op. 388

Grossartig: Wie die „Geschichten aus dem Wienerwald“ gehören die „Rosen aus dem Süden“ zu den erfolgreichsten, bekanntesten und vor allem bezauberndsten Konzertwalzern von Strauss. Der Walzer zitiert die schönsten Passagen aus der hingegen nicht mehr bekannten Operette „Das Spitzentuch der Königin“. Näheres zu op.388 hier. Zu Recht steht der häufig gespielte Walzer wieder auf dem Konzertprogramm. Die Balletteinspielung wurde in Schloss Eckartsau aufgenommen.

16. Josef StraussEingesendet; Polka op. 240

Nach einer grossen Portion Johann macht also Josef den Abschluss des offiziellen Konzertprogramms. Quirlig und fröhlich sprudelt die Schnellpolka dahin. Die Strauss-Brüder komponierten auch im Jahre 1868 wieder Walzer und Polkas eigens für den traditionellen Concordiaball. Bei der Aufführung am 4. Februar besagten Jahres wurde „Eingesendet“ von allen Widmungskompositionen am besten aufgenommen. Die Polka findet sich noch heute auf Konzertprogrammen.

17. (Zugabe) Johann Strauss (Sohn)Unter Donner und Blitz; Polka op. 324

Strauss komponierte diese Polka für den Hesperus-Ball am 16. Februar 1868 im Dianabad-Saal. Hesperus bedeutet Abendstern (Planet Venus), und Strauss hat sich mit der Polka im Zusammenhang damit eine andere Himmelserscheinung zum Vorbild genommen – ein Gewitter. Mit „Unter Donner und Blitz“ vertont er die häufige meteorologische Folge von Sommerhitze. Schnell und zackig sprudelt die Polka dahin.

Und wie jedes Jahr schliesst das Konzert mit „An der schönen blauen Donau“ und dem Radetzky-Marsch.


Es ist ein Jammer, wie eine Unmenge an bezaubernder Musikliteratur in den Archiven dieser Welt auf Nimmerwiedersehen verstaubt. Von Oscar Fetrás etwa kennt man lediglich noch „Mondnacht auf der Alster“ , die „Uhlenhorster Kinder“ oder den „Hindenburg-Marsch“. Aber was ist beispielsweise mit den umwerfenden „Harvestehuder Schwalben“? Youtube liefert lediglich eine verstaubte Grammophon-Aufnahme aus alter Zeit. Anhand dieser habe ich versucht, den Walzer auf dem Klavier nachzuspielen, ohne mich dabei verbissen ans Original zu halten. Was ist daraus geworden? Sehen/hören Sie selbst:

 


Die meisten Schweizer Volklieder sind fröhlicher, beschwingter Natur. Umso mehr sticht das berühmte Guggisberg-Lied hervor, das fast so unendlich düster ist wie das Lied vom traurigen Sonntag. Das Geschichte erzählt von einem jungen Mädchen aus dem Dorfe Guggisberg im Schwarzenburger Land. Es war unsterblich in einen Jungen aus der Nachbarschaft verliebt, welcher Hals über Kopf fliehen musste, weil er in einem Streit vermeintlich einen anderen getötet hatte. Als er nach langer Zeit vernahm, dass er sich geirrt hatte und zurück nach Guggisberg gekehrt ist, war sein Vreneli an gebrochenem Herzen gestorben. Vermutlich geht diese erschütternd tragische Geschichte auf eine wahre Begebenheit zurück.

 


Zweifelsohne ist die Operette „Im Weissen Rössl“ eines der erfolgreichsten Bühnenstücke der silbernen Ära. Viel Klamauk und unsterbliche Melodien haben den Dreiakter zum heute noch vielaufgeführten Kassenschlager gemacht. Stark mit beteiligt am Erfolg war kein geringerer als Robert Stolz, der mit „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ und „Die ganze Welt ist himmelblau“ zwei der prägendsten Musiknummern in Ralph Benatzkys Operette beigesteuert hat.

Aber – wie unfair: Robert Stolz blieben die ihm zustehenden Tantiemen für seine beiden Piecen verwehrt. Stolz machte Benatzky dafür verantwortlich und soll diesen fortan despektierlich „Benutzky“ genannt haben. So ist es zumindest anekdotisch überliefert. Doch soll nicht Benatzky selbst für diese unrühmliche Begebenheit verantwortlich gewesen sein, sondern der Bühnenregisseur und „Produzent“ Erik Charell, welcher die Verträge perfiderweise so aufsetzen liess, dass er selbst als Besitzer der Rechte an der Musik notiert ist. Charell persönlich gab bei Stolz die zwei Nummern in Auftrag und spies diesen mit einem einmaligen Honorar ab. Robert Stolz ging nach eigener Aussage davon aus, dass diese beiden Stücke nur für die Aufführungen in Berlin gedacht seien. Einen Prozess gegen Charell in dieser Sache aber verlor Stolz.

Ob der Term „Benutzky“ nun tatsächlich auf Robert Stolz‘ Mist gewachsen, oder ob dies lediglich Legendenbildung ist – mit „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ hat Meister Stolz sich einmal mehr ein musikalisches Denkmal gesetzt, dass der Welt nie mehr aus den Ohren gehen wird.


Eigentlich ein Totschläger unter den Gassenhauern, aber die Melodie ist so eingängig und schön, dass seine Unsterblichkeit mehr als berechtigt ist. Nachdem Hinz und Kunz „Tulpen aus Amsterdam“ interpretiert hat, komme ich nun auch noch damit… et voilà


Es gibt nichts Schöneres, als vergessene Musik aus dem Dunkel der Archive zu holen. Vom Hamburger Komponisten Oscar Fetrás kennt man heute fast ausschliesslich noch die „Mondnacht auf der Alster“. In jüngster Zeit gab es neue Einspielungen von ein zwei weiteren Werken, beispielsweise „Uhlenhorster Kinder“. Fetrás besticht mit wahrlich bezaubernden Melodien, so süss und lieblich wie kaum ein anderer Deutscher Komponist es je hervorbrachte. Eine alte, schäbige Aufnahme von Opus 10, „Goldschmieds Töchterlein“, veranlasste mich, das Stück auf dem Piano nach Gehör nachzuspielen – wenigstens annähernd. Somit haben wir ein weiteres Werk diese begabten Musikers neu verfügbar. On es Piano-Noten davon gibt? Keine Ahnung, aber bestimmt irgendwo…

Danke, Österreich


Kurz und bündig: Danke Österreich für die Wahl. Wir brauchen in Europa nicht noch mehr rechte Kräfte. Die Gesellschaft ist schon genug vergiftet.

 


Heute Montag, 21. November 2016, jährt sich der Todestag des zweitletzten Habsburgerkaisers zum 100. Mal. Zum Gedenken an einen bewundernswerten, ausdauernden, pflichtbewussten, tragischen, aber auch umstrittenen und schicksalbeladenen Herrscher.

Biografie

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Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2017 wartet mit einer Neuheit auf – Dirigent Gustavo Dudamel gibt sein Neujahrskonzert-Debut, und er ist mit seinen 35 Jahren der jüngste, welcher am 1. Jänner im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins je den Takt angab. Man darf gespannt sein, auch wenn Eduard Strauss und Joseph Lanner dieses Jahr fehlen. Das Programm ist ungewöhnlich, wirft vor allem zu Beginn Fragen auf, enthält aber viele rare Perlen. Vielleicht für einmal sogar  zu viele… Es fehlen ein zwei Standard-Strauss-Walzer, weshalb heuer die Gefahr besteht, dass einem grossen Teil des Publikums der punktuelle Wiedererkennungswert fehlt.
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Am Neujahrskonzert 2017 werden gespielt:

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1. Franz LehàrNechledil Marsch aus „Wiener Frauen“

Bereits das letztjährige Neujahrskonzert wurde mit einem Marsch eines Vertreters der Silbernen Ära der Wiener U-Musik eröffnet. Macht das jetzt Schule? Es ist schön und gut, wenn Unbekanntes seinen Platz hat im Programm, doch mit etwas Vertrautem zu Beginn holt man das Publikum mit Sicherheit besser ab. Abgesehen davon ist der Nechledil Marsch alles andere als ein kompositorisches Meisterstück. Er passt ins Repertoire einer Dorf-Blaskapelle, aber gehört nicht an den Anfang des berühmtesten Konzerts der Welt. Dieser Marsch aus der Operette „Wiener Frauen“ ist ein Frühwerk Lehárs und verfügt bei Weitem nicht über die Qualitäten dessen späteren Schaffens.

 

2. Èmile WaldteufelLes Patineurs; Walzer op. 183

Auch die zweite Nummer im Programm erstaunt mich. Der grosse Waldteufel wurde seit Anbeginn der Neujahrskonzerte nie beachtet – bis 2016. Und jetzt ist er gleich wieder im Programm?  Selbstverständlich freut mich das riesig, er ist einer meiner Lieblingskomponisten. Es ist jedoch eine weitere unerwarete, und daher an dieser Stelle etwas befremdlich wirkende Parallele zum letztjährigen Konzert. Heuer ist Waldteufel mit den „Schlittschuhäufern“ vertreten, seiner bedeutendsten Komposition, einer der berühmtesten Walzer aller Zeiten. Er wird zigtausendfache Aha-Erlebnisse hervorrufen, denn nur wenige kennen den Meister hinter dem unverkennbaren Walzer. Waldteufels Opus 183 stammt aus dem Jahre 1882 und ist dem Schauspieler Ernest Coquelin gewidmet. Er ist ein Meisterwerk, wunscherschön, mitreissend und eingängig. Diese Wahl hätte allerdings seinen Platz später im Programm kriegen sollen. Der Überraschungseffekt wäre so viel grösser.

 

3. Johann Strauss (Sohn)S’gibt nur a Kaiserstadt, s’gibt nur a Wien; Polka op. 291

Eine der besonders beliebten und reizvollen Polkas von Strauss Sohn, oft gespielt, immer erheiternd. Vor allem der Mittelteil ist an Liebreiz kaum zu übertreffen. Im Oktober 1864 führte Johann Strauss diese Polka erstmals auf, als er im Russischen Pawlowsk weilte. Den Titel entlehnte Strauss einem Duett aus dem Singspiel „Aline“ von Adolf Bäuerle, in dem es im Refrain heisst „Ja nur ein‘ Kaiserstadt, ja nur ein Wien“. Diese Phrase wurde zu einer populären Parole im Wiener Volksmund. Strauss‘ Opus 291 existiert ferner auch als Lied unter dem Namen „Wienerwaldlerchen“.

 

4. Josef StraussWinterlust; Polka op. 121

Eine heute sehr selten gespielte, amüsante und lebendige Polka. Vermutlich wurde sie erstmals am Strauss-Ball vom 3. März 1862 im Diana-Saal aufgeführt. Die Schnellpolka imitiert in ihrem Hauptthema eine flotte Schlittenfahrt durch eine reizende Winterlandschaft. Über die Nachwirkung ist wenig bekannt, vermutlich verschwand die Polka bald in den Archiven und ging vergessen. Schön, dass sie hier in neuer Frische erklingt.

 

5. Johann Strauss (Sohn)Mephistos Höllenrufe; Walzer op. 101

Dieser anmutige, berauschende Walzer mit dem furiosen Intro war auch 1995 im Programm des Neujahrskonzerts unter Zubin Mehta. Strauss dürfte in Hochform gewesen sein, als er die Höllenrufe komponierte. Er schrieb sie für ein „Festival mit Feuerwerk und Musik“ im Volksgarten am 12. Oktober 1851. Das Konzert an diesem wundervollen Herbsttag war mit über 3000 Besuchern vollkommen ausverkauft. Der Walzer wurde begeistert aufgenommen und musste dreimal wiederholt werden. Das Spannende an diesem Walzer ist, dass er als Frühwerk von Strauss teils noch die Charakteristik der Altwiener-Musik aufweist, jedoch bereits gepaart ist mit der typischen Schani-Handschrift, was die Entwicklung des Wiener Walzers durch Strauss Sohn deutlich aufzeigt.



6. Johann Strauss (Sohn)So ängstlich sind wir nicht!; Polka op. 413

Es ist schön, dass wir hier das Konzertstück hören, das unter anderem auf dem berühmten gleichnamige Couplet aus dem 2. Akt der Operette „Eine Nacht in Venedig“ basiert, denn man kennt die Melodie an sich nur gesungen von den Frauen des Senators. Diese Polka war eines von sechs Exzerpten der Operette, welche Strauss nachträglich als Orchesterstück arrangierte. Die Polka wurde in der Karnevalszeit von 1884 vielfach aufgeführt.

 

—— PAUSE ——

 

7. Franz von SuppéOuvertüre zu „Pique Dame“

Franz, der Vater der Goldenen Wiener Operette und Meister der Ouvertüren, kommt hier zu Ehren. Sehr sympathisch. Viele seiner Ouvertüren, wie auch diejenige zur Operette „Pique Dame“, sind phänomenal aufgebaut und entfalten in ihrem Verlauf einen ungeheuren Charme. Diese Komposition wäre die bessere Wahl für den Auftakt des Konzerts gewesen, ist aber am Beginn des zweiten Teils auch gut platziert. „Pique Dame“ aus dem Jahre 1864 ist heute ein weitgehend vergessenes Bühnenwerk, aber die Ouvertüre ist umso populärer.

 

8. Carl Michael ZiehrerHerrreinspaziert!; Walzer op. 518

Die Verantwortlichen haben scheinbar begriffen, dass ein Zieher regelmässig ins Wiener Neujahrskonzert gehört. Das freut mich wahnsinnig! Mit Opus 518 kommen wir in den Genuss eines der bekanntesten Ziehrer-Walzer, der zu Recht auch heute noch immer wieder aufgeführt wird. Und wenn ihm die Wiener Philharmoniker jetzt noch zusätzliche Popularität verleihen – umso schöner. Danke! Der Walzer zitiert Motive aus der weitgehend vergessenen Operette „Der Schätzmeister“. 1904 im Wiener Carltheater uraufgeführt, haben sich immerhin einige Höhepunkte daraus erhalten und sind mittlerweile neu eingespielt und publiziert worden. Das Lied „Herrreinspaziert“, nach welchen der Walzer benannt ist, gehört dazu.

 

9. Otto Nicolai – „Mondaufgang“ aus der Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“

Der gebürtige Ostpreusse ist der „Exot“ im diesjährigen Programm. Warum er gespielt wird, liegt auf der Hand, und das hat durchaus seine Berechtigung: Nicolai ist faktisch der Gründer der Wiener Philharmoniker. Am 28. März 1842 dirigierte er in der Hofburg das erste Konzert des Orchesters, welches unter der Bezeichnung „Wiener Philharmoiker“ zum bedeutendsten Orchester der Welt werden sollte. Mit dem träumerisch-verklärenden „Mondaufgang“ aus dem 3. Akt von Niolais bekanntester Oper wirds sphärisch und besinnlich im Goldenen Saal. Es singt dazu der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

 

10. Johann Strauss (Sohn)Pepita-Polka; op. 138

Diese kleine, neckische Polka widmete Strauss der gefeierten Spanischen Tänzerin Pepita d’Oliva (1834-1868), welche im Sommer 1853 im Carltheater auftrat. Das Publikum war so verzaubert von ihr, dass es in der Folge mehrere „Olé“- und „Pepita-Feste“ in Wien gab. Strauss lässt hier spanische Harmonien einfliessen. Eine selten gehörte Komposition von Strauss Junior. Schöne Wahl.

 

11. Johann Strauss (Sohn)Rotunde-Quadrille; op. 360

Und gleich nochmal eine fast vergessene Trouvaille aus dem Oeuvre von Strauss Junior. Hinter dem Titel steckt eine Reihe an Pleiten, Pech und Pannen. Er bezieht sich auf die Weltausstellung von 1873, welche unter einem schlechten Stern stand. Wetterpech, der grosse Börsenkrach, fehlende Besucher, eine Choleraepidemie… der Grossanlass endete schliesslich in einem finanziellen Desaster. Die architektonische Hauptattrakation der Weltausstellung war die so genannte Rotunde, ein gigantischer Rundbau mit 108 Metern Durchmesser und einer Höhe von 84 Metern, ausgeführt mit der allerneusten Technik und umgeben von einer Vielzahl an Ausstellungspavillons. Strauss war nicht sehr erpicht, sich im Rahmen dieser „schwierigen“ Weltausstellung engagiert zu zeigen. Dennoch zimmerte er aus Motiven seiner Operette „Carneval in Rom“ eine Quadrille zusammen, welche er nach dem monumentalen Rundbau benannte. Im Frühling 1873 führte Strauss sie erstmals im Prater auf. Das Schicksal meinte es jedoch nicht gut mit der Rotunde: Am 17. September 1937 brannte sie vollständig nieder. Vermutlich war die Qaudrille lange vor der Rotunde aus Augen und Sinn der Menschheit verschwunden. Umso schöner, erlebt diese rare Preziose hier eine Reinkarnation.

 

12. Johann Strauss (Sohn) – Die Extravaganten; Walzer op. 205

Da wurde offenbar tief in der Kiste mit selten aufgeführten Strauss-Werken gegraben. Opus 205 hört man heutzutage kaum noch. Mit dem Titel drückt Strauss die „extravaganten“ neuen Formen in den einzelnen Walzerpartien aus, welche aus damaliger Sicht sehr fortschrittlich und noch ungewohnt anmuteten. Der Walzer kam bei seiner Uraufführung am Juristenball im Januar 1858 aber sehr gut an – trotz missbilligender Kritik von Eduard Hanslick. Strauss selbst war nachweislich stolz auf sein zukunftsweisendes Werk, das mit Fanfarenstössen festlich eröffnet und bald zum ausserordentlich lebendigen Hauptthema übergeht.

 

13. Johann Strauss (Vater)Indianer-Galopp; op. 111

Die Hintergründe zu dieser flotten Galoppe sind delikat. 1839 wurde in Wien ein indisches Tanzensemble erwartet. Kaum jemand wusste überhaupt etwas über diese exotischen Gäste, weder woher genau sie kamen, noch über ihre Kultur. Als man die „Inder“ ankündigte, verbreitete sich in der Bevölkerung wie ein Lauffeuer die Kunde, dass „Indianer“ in die Stadt kommen. Diese „Indianer“ waren flugs in aller Munde, und auch Johann Strauss Vater wusste es nicht besser und komponierte aus gegebenem Anlass die Indianer-Galoppe. Diese hat in ihrer Charakteristik aber rein gar nichts zu tun mit indischen, geschweige denn „indianischen“ Klängen, sondern erinnert eher an Musik aus der Puszta. Aber für den Reiz der Komposition ist dies völlig irrelevant. Schön, dass Strauss Vater auch heuer zum Zug kommt mit einer solchen Rarität.

 

14. Josef StraussDie Nasswalderin; Mazurka op. 267

Diese liebliche Mazurka im gemächlichen Ländler-Stil ist den damals armen Bewohnern der Nasswald-Region im Rax-Gebirge gewidmet. Um die Armut des Holzfällervolkes zu lindern, gründete der Schriftsteller August Silberstein ein Hilfswerk. Nasswalder wurden regelmässig nach Wien eingeladen. So war am 27. Februar 1869 eine Gruppe Nasswalder zu Gast im Grossen Zeisig. Da erschien Josef Strauss mit einigen Musikern und führte diese Mazurka auf. Die Gäste aus dem Rax fühlten sich geehrt. Durch den karitativen Charakter dieses Werkes hat es auch aus heutiger Sicht eine besondere Bedeutung inerhalb des Konzertprogrammes.

 

15. Johann Strauss (Sohn)Auf zum Tanze!; Polka op. 436

Eine kleine, nette Polka, wenn auch nicht besonders spektakulär. Strauss hat sie eigens für einen Ball geschrieben, den er am 3. März 1888 bei sich zu Hause in seinem Palais an der Igelgasse 4 gab. Geladen waren rund 100 Gäste mit Rang und Namen. Strauss benannte die Polka nach dem gleichnamigen Gedicht von Ludwig Ganghofer, welchem das Stück gewidmet ist. Man hört die Polka heute fast nur noch im Rahmen der posthumen Strauss-Operette „Wiener Blut„. Dort erklingt sie im dritten Akt. Schön, dass sie in diesem Rahmen hier wieder einmal als alleinstehendes Werk aufgeführt wird.

 

16. Johann Strauss (Sohn)Tausend und eine Nacht; Walzer op. 346

Es ist bemerkenswert, dass an dieser Stelle mit Opus 346 das erste und an sich einzige „Standard-Werk“ von Strauss Sohn steht. Vielen Zuhöreren dürften hier erstmals vertraute Strauss-Töne zu Ohren kommen. Wenns nur nicht zu spät ist… Es ist ein zeitlos bezaubernder Walzer mit Motiven aus der gleichnamigen Operette.

 

17. Johann Strauss (Sohn)Tik-Tak. Polka schnell, op. 365

Und zum Schluss noch ein sehr populäres Stück, die Tik-Tak Polka war 2012 zum letzten Mal Teil des Neujahrskonzerts – ebenfalls als letzte Nummer des offiziellen Programms. Strauss arrangierte einige Themen aus der Operette „Die Fledermaus“ zu dieser lebendigen Polka. Sie wurde am 11. September 1874 an einem Konzert im Volksgarten uraufgeführt.

 

18. (Zugabe) Eduard StraussMit Vergnügen. Polka schnell, op. 228

Gut, immerhin kommt der „Jubliar“ in einer Zugabe noch zu seinen verdienten Ehren. Die Polka ist eine nette kleine Perle des oft zu Unrecht vernachlässigten Strauss-Bruders.

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Wie jedes Jahr schliesst das Konzert mit „An der schönen blauen Donau“ und dem Radetzky-Marsch.

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Im siebten Himmel…


Wunderschönes Wiener Lied aus der Operette „Deutschmeister“ von Carl Michael Zieher.


Kurz, einfach und reizend ist das so genannte Geburtstagsständchen von Paul Lincke. Hier ein „Nach-Gehör-Arrangement“ für Piano.