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Archive for März 2010


Da marschier ich über den Pariser Friedhof Père Lachaise und bin auf der Suche nach dem Grab eines meiner Lieblingskomponisten. Im Feld Nummer 90 soll er begraben liegen, mein verehrter Emile Waldteufel. Am Eingang des Friedhofes ist eine Tafel angebracht, die alle mehr oder weniger illustren Persönlichkeiten auflistet, die auf dem Père Lachaise ruhen. Emile Waldteufel ist NICHT dabei, und das finde ich erschütternd.

Irgendwann werde ich endlich fündig. Eine schlichte Tombe mit verwitterten Inschriften in der zweiten Reihe am Nordrand des Feldes 90, völlig unauffällig. Bis vor kurzem war der Sarkophag mit Moos überwuchert. Mittlerweile ist er davon befreit und sieht aus wie neu, bis auf die verwitterten Inschriften. Besonders die von Emile und seiner Frau Céléstine sind kaum lesbar. Schnell eine Rose gekauft und auf der Tombe plaziert.

Irgendwie bin ich sehr enttäuscht, dass die Stadt Paris sich keinen Deut um einen ihrer schaffensreichsten Komponisten des 19. Jh. schert. Seine Melodien gingen um die Welt. Von denen gehören einige heute noch zu den berühmtesten überhaupt. Aber wie es halt oft der Fall ist: Die genialen Schöpfer werden gern vergessen…

Grab von Emile Waldteufel

Grab von Emile Waldteufel

Grab von Emile Waldteufel

Grab von Emile Waldteufel

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Ich bin es nicht gewohnt, Eintrittsgebühren zu bezahlen, um eine Kirche anzuschauen. Die Karlskirche bleibt zum Glück die Ausnahme. Beim letzten Besuch hab ich mich beim Aufzug angestellt, um mit dem Fahrstuhl hochzufahren und das Rottmayr-Fresko mal aus der Nähe zu betrachten. Ich habe keine Höhenangst, aber auf dem wackligen Gerüst herumzuspazieren mit dem Wissen, dass der Boden 70 Meter unter meinen Füssen liegt, hat mir weiche Knie beschert, was danach drei Stunden angehalten hat. Aber es lohnt sich. Es ist unfassbar, was der Maler Johann Michael Rottmayr geschaffen hat.

Karlskirche Wien, Kuppelfresko

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Ich war wieder in Wien und sah mir zum x-ten Mal die Servitenkirche an. Als ich im Kirchenschiff stand und den Prunk aus der Barockzeit betrachtete, merkte ich, wie mich eine alte Frau mit Stock permanent im Visier hatte. Beim Verlassen der Kirche sprach sie mich an. Ob ich den heiligen Peregrin, den Kirchenpatron der Serviten, kenne, wollte sie wissen. «Nein», sagte ich. Freundlich und engagiert erzählte sie von ihm, vom Servitenorden und der Schönheit der Kirche. Unaufhörlich lobte sie den Herrn und die Wunder, die Sankt Peregrin und seine heiligen Kollegen vollbracht haben.
Dann zeigte sie mir den Kreuzgang nebenan im Klostergebäude mit all den prächtigen Fresken. Sie erzählte mir von früher und wie der liebe Gott doch immer so schön zu ihr geschaut habe. Ich fand die Frau reizend und hörte ihre gerne zu. «Wissens, junger Mann», sagte sie nach einiger Zeit, «der Alsergrund hier is ja so a schöner Stadtbezirk mit den oiten Heisern und Kiachen. Wenn da an der Rossauer Lände diese verdammten Neger nur nicht wären …!»

Weg war der Liebreiz der Dame. Ich verabschiedete mich bald von ihr und ging weiter. Was es mit diesen «verdammten Negern» auf sich hatte, wusste ich zwar nicht, aber ich fand es abscheulich, eine geschlagene Stunde fromm über den lieben Gott, Sankt Peregrin und andere heilige Instanzen zu reden und dann fast im selben Atemzug über die dunkelhäutigen Mitmenschen zu keifen. Meine Sympathie für die alte Wienerin schwand auf ein Minimum. Sowas Scheinheiliges!

Verkündigungen vom Heiligen Stuhl lassen den Schauplatz wechseln: Aus Rom vernimmt man Unsägliches. Hat doch der Papst in seiner Weihnachtsansprache (2008) Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung als Zerstörer von Gottes Werk dargestellt. So wie die Abholzung des Regenwaldes seien sie eine Gefahr für die Menschheit. Ja, hat man da noch Worte? So etwas von sich zu geben, ist unerhört! Viele verstanden die Aussagen des Papstes als Drohbotschaft und Aufforderung zur Verfolgung einer Randgruppe, die heutzutage in der westlichen Welt zum Glück keine solche mehr ist.
Es brauche eine «Ökologie des Menschen», die den von Gott gewollten Prinzipien entspreche, predigte Benedikt weiter. Und welches sind die Prinzipien Gottes? Eines davon ist doch jenes, welches besagt, dass vor ihm, dem Schöpfer, alle Menschen gleich seien. Aber vor dem Vertreter Gottes sind sie es eben nicht. Wen wundert es da noch, dass die katholische Kirche viele Austritte verzeichnet?

Den Heiligen Vater in Ehren, aber wie kann der Stellvertreter Gottes auf Erden unterschwellig und doch so deutlich zur Hetze gegen eine Menschengruppe wegen deren sexueller Orientierung aufrufen? Diese Art Scheinheiligkeit finde ich besonders verwerflich, ja, sie grenzt an Blasphemie. Welch Ironie!
Ich bin ja selber kein besonders frommer Katholik, aber die meisten von den weltweit 1,13 Milliarden sind es. Die hören auf den Papst, der dadurch Intoleranz begünstigt, und sie befolgen seinen Rat. «Liebe deinen Nächsten», heisst es in der Bibel. Aber das gilt wohl nur, wenn er die «richtige» sexuelle Orientierung hat. Sowas Scheinheiliges!

Doppelmoral geht oft mit Scheinheiligkeit einher. Dafür fällt mir ein Paradebeispiel ein: die USA. Ein Land voller Gegensätze, auch im negativen Sinne. Wer erinnert sich nicht an den Eklat mit Janet Jackson und Justin Timberlake im Jahr 2004? Bei einem Duett, das live im TV übertragen wurde, war versehentlich Jacksons rechter Busen für zwei Sekunden zu sehen. Dieser war nicht mal vollständig entblösst, denn ein Metallstern klebte brav vorne auf der «Kernzone» der Brust. Was darauf für ein Aufschrei durch Amerika schallte, war in sämtlichen Medien weltweit zu lesen. Wegen einer weiblichen Brust – wie die Sexualität etwas vom Natürlichsten auf Erden.
Und wenn bei einer Talkshowteilnehmerin bei Jerry Springer das Dekolleté etwas zu tief oder der Jupe etwas zu hoch rutscht, wird alles gleich mit dicken schwarzen Balken zugekleistert oder anderweitig unkenntlich gemacht. Aber was finden wir im kalifornischen San Fernando Valley bei Los Angeles? Die mit Abstand weltgrösste Produktionsstätte von Pornofilmen. Eine ungeheure Maschinerie ohne Tabus, die jährlich zehntausende von Sexstreifen der härtesten Art produziert und in die ganze Welt exportiert. Ein Land präsentiert sich mit Züchtigkeit und Prüderie, überschwemmt die Welt aber mit zügelloser Pornografie. Sowas Scheinheiliges!

Wir sehen: Doppelmoral und Scheinheiligkeit nehmen unterschiedliche Formen und Ausmasse an, und sie sind allgegenwärtig. Manchmal nehmen wir nicht mal Notiz davon. Dabei will doch jeder einfach nur in einem guten Licht dastehen, mehr nicht. Oder?

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