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Archive for November 2013


Die interessanten Hintergründe eines Waldmüller-Gemäldes

Ferdinand Georg Waldmüller - "Heimkehr von der Ernte"

Ferdinand Georg Waldmüller – „Heimkehr von der Ernte“

Da stiess ich doch rein per Zufall auf einen hochinteressanten Beitrag im Neujahrsblatt der Zentralschweizer Stadt Zug 1967. Hans Koch (1907–1987), damals Zuger Stadtbibliothekar, berichtet darin von einem Biedermeiergemälde, das eine Gruppe Leutchen in Zuger Tracht zeigt. So weit wenig aufregend, stünde dahinter nicht die recht delikate Geschichte um eine Landschaftsmissdeutung sowie die damalige Unwissenheit über den Verbleib des Gemäldes. Weiter wird das Bildnis zu einem besonders wertvollen Schatz, wenn man den Urheber kennt. Doch alles von vorne.

Hans Koch schildert in seinem Beitrag, wie einst die Fotografie eines Gemäldes in der Stadtbibliothek Zug eintraf. Absenderin war Friederike Prodinger (1913–2008), Gründerin des Volkskunde-Museums in Salzburg und Fachfrau auf dem Gebiet von Trachten und ländlichem Brauchtum. Sie vermutete, dass die Leute auf dem Gemälde wohl Innerschweizer Trachten tragen würden. In der Tat – sofort stellte der Adressat fest, dass die Gruppe zugerisch gekleidet ist. Selbstredend dazu, weil sie inmitten der prächtig erfassten Zuger Landschaft dargestellt steht. Doch wann ist das Bild entstanden? Und vor allem von wem gemalt? Man mag es als Zufall verbuchen, dass wenig später Hans Langenegger (1918–2001), emeritierter Kaplan von St.?Andreas in Cham, von einer Kunstreise nach Österreich ein Büchlein mitbrachte, in welchem genau jenes Gemälde abgebildet war. Und siehe da: Man erfuhr, dass der Schöpfer des Gemäldes aus dem Jahre 1844 kein Geringerer ist als Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865), einer der bedeutendsten Biedermeiermaler, dessen Werke von enormem monetärem Wert sind.

Was für eine Freude. Aber jetzt wirds erst richtig spannend: In Langeneggers Büchlein wurde das Gemälde vom renommierten österreichischen Kunsthistoriker Bruno Grimschitz (1892–1964) wie folgt benannt: «Heimkehr von der Ernte am Hallstättersee». Selbstverständlich erkannte man in Zug sofort, dass auf dem Bild nicht der See im Salzkammergut abgebildet ist, sondern der wohlvertraute Zugersee. Auch die umliegende Landschaft würde kaum zur zerklüfteten Umgebung des oberösterreichischen Gewässers passen. Grimschitz’ Kommentar handelt von der Faszination, die das Salzkammergut auf den grossen Meister ausgeübt haben muss, als er diese «wunderbare Landschaft» festgehalten hat.

Von wegen Salzkammergut! Bei dieser wunderbaren Landschaft handelt es sich also um die Rigi-Region. Die Biografie Waldmüllers verrät nämlich, dass der Maler just zum Entstehungszeitpunkt des Gemäldes auf der Heimfahrt von einer Sizilien-Reise war und dabei oberhalb von Blickensdorf vorbeigekommen sein muss. Angetan von der malerischen Szene hat er diese festgehalten – und zwar so meisterhaft wie man es von ihm gewohnt ist. Hans Koch bedauert in seinem Bericht, dass man nichts vom Verbleib des Gemäldes wisse. Als Schlusswort wünscht sich Koch, dass das Bild einst den Weg in seine zugerische Heimat finden wird. Dieser Wunsch ist bis heute nicht in Erfüllung gegangen.

Die österreichische Galerie Belvedere in Wien verfügt über den grössten Waldmüller-Bestand weltweit. Ein wiederholter Besuch dort im Oktober – Waldmüller gehört zu meinen bevorzugten Künstlern – und eine damit verbundene Anfrage haben mir eröffnet, dass das gut 40 mal 60 Zentimeter grosse Bild, Öl auf Holz, mit dem nunmehr korrekten Namen «Heimkehr von der Ernte (Am Zugersee)» 2009 im Rahmen einer grossen Waldmüller-Gedenkausstellung im Schloss Belvedere ausgestellt war. «Doch leider befindet sich das Bild nicht in unserem Besitz», lässt mich Sabine Grabner wissen, dortige Kuratorin der Sammlung 19. Jahrhundert. Sie weiss Bescheid, wo sich das Werk jetzt befindet. Doch sei es der Wunsch des Privatbesitzers, dass keine Informationen weitergegeben werden, wie Grabner sagt. Schade. Jedenfalls wurde das Gemälde im November 1993 bei Christie’s in London für umgerechnet rund 279’000 Franken versteigert. Bei einer weiteren Auktion zwölf Jahre später am selben Ort wurde das Gemälde auf maximal 633’000 Franken geschätzt. Es wechselte den Besitzer jedoch nicht.

Schauen Sie sich das Gemälde mal aufmerksam an, mit welcher Genauigkeit Waldmüller das malerische Szenario insbesondere im Vordergrund wiedergibt. Jedem einzelnen Detail hat der Maler höchste Aufmerksamkeit geschenkt, fast fotografisch hat er die reichen Trachtenstickereien festgehalten, den Hutschmuck, den Faltenwurf der Kleidungen. Und vor allem die Mimik der Gesichter. Darin war Waldmüller ein wahrer Meister. Die Zufriedenheit nach einem erfüllten Arbeitstag steht den Zuger Leuten ins Gesicht geschrieben – freilich war die Biedermeiermalerei generell idealisiert und vermittelte eine heile Welt. Aber dem Waldmüller kauft man das irgendwie ab. Antoinette Lusser, ehemalige Präsidentin der Zuger Trachtenkommission, kann nicht bestätigen, dass es sich auf dem Bild um typische Zuger Trachten handelt. «Trachten aus unterschiedlichen Regionen sehen sich in manchen Details oft ähnlich.» Ausserdem haben sich die Trachten im Lauf der Zeit auch verändert. Somit können wir uns anhand des Waldmüller-Gemäldes ein Bild machen, wie die traditionellen Arbeitstrachten in der Region Zug anno 1844 ausgesehen haben.

Ferdinand Georg Waldmüller - Dankmal im Wiener Rathauspark

Ferdinand Georg Waldmüller – Dankmal im Wiener Rathauspark

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Über die Lage des Hotels brauch ich keine Worte verlieren. 30 Meter Luftlinie zum Stephansdom. Besser geht nicht.

Das ganze Haus macht einen sehr gepflegten Eindruck. Das Personal ist freundlich und sehr aufmerksam. Das Zimmer hat mir sehr gut gefallen. Hoher Raum, modern, blitzblank sauber, bequemes Einzelbett mit top Schlafkomfort. Bad war geräumig mit schönen Grohe-Armaturen. Das kostenlose Wifi funktionierte tadellos und schnell. Einzig die Lage des Zimmers hat mich ein wenig enttäuscht. Es zeigte gegen den Hof, daher war es zwar sehr ruhig. Aber es lag ganz unten im Hof, weshalb es leider auch tagsüber beklemmend düster bleibt. Jetzt im trüben November hat mir das nicht viel ausgemacht. Im Sommer würde ich mich etwas eingepfercht fühlen.

Aber abgesehen davon gabs rein absolut nichts am Zimmer auszusetzen. Etwas wunderlich war der Weckruf. Ich habe am Telefon beim Bett 6.50 Uhr eingegeben. Um 6:32 Uhr (!) ging dann das Telefon im Bad (!): „Guten Morgen, es ist 6.50 Uhr. Bitte aufstehen.“ Ich nahms mit Humor.

Frühstücksbuffet ist überschaubar, aber fein und erlesen. Mir ist das lieber als eine übertriebene Auswahl. Der Blick bei Frühstück durch die grosse Glasfront direkt auf die Hauptfassade des Doms ist sehr erbauend.

Fazit: Das Hotel am Stephansplatz ist ein sympathischer, komfortabler Betrieb und hat mich begeistert. Ich war hier nicht zum letzten Mal.

Zimmertipp: Zimmer zum Hof sind in den oberen Stockwerken heller.

Hotel am Stephansplatz

Hotel am Stephansplatz

Hotel am Stephansplatz

Hotel am Stephansplatz

Hotel am Stephansplatz

Hotel am Stephansplatz

Hotel am Stephansplatz

Hotel am Stephansplatz

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Der Wiener Stephansdom ist nicht einfach eine grosse Kirche mit ihren „üblichen“ Funktionen. Er ist eine Schatztruhe voller Geheimnisse und birgt eine Vielzahl an Kuriositäten, deren Bedeutung nur Eingeweihten bekannt ist. Wer weiss denn beispielsweise schon, dass an der Hauptfassade des Doms je ein männliches und ein weibliches Geschlechtsteil dargestellt ist und zwar vollplastisch. Jawohl, unter den Heidentürmen prangen ein Penis und eine Vagina. Selbstverständlich nicht so explizit gemeisselt, dass man es als Betrachter gleich wahrnimmt.

Die Portalanlage wird von je einer Doppelsäule flankiert, die bis auf halbe Höhe unter die beiden Rundfenster reichen. Ihren Abschluss finden die beiden Säulen in einem Phallus (links) und einer Vulva (rechts). Diese Zeichen sind für eine christliche und erst recht für eine katholische Kirche höchst ungewöhnlich. Historiker deuten die beiden Doppel-Rundpilaster als die Säulen Jachin und Boas. Sie entsprechend somit den beiden das Portal flankierenden Säulen des Tempels in Jerusalem, welche von König Salomo in Auftrag gegeben worden waren. In den Dombauhütten war es bei Freimaurern Tradition, diese Symbolik aufzugreifen als Zeichen der Berufsnachfolge.

Die Genitalien am Ende der Säulen gehören allerdings nicht zu dieser salomonischen Symbolik. Die Geschlechtsdarstellungen bedeuten vielmehr das männlich-aktive und das weiblich-passive Prinzip. Die genaue Absicht des Baumeisters scheint nicht überliefert und lässt deshalb Raum für Mutmassungen und Interpretationen. Aber es ist reichlich erheiternd, an einer erzkatholischen Kirche zwei so freizügige Symbole vorzufinden.

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Salomonische Säule am Stephansdom mit Phallus-Darstellung

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Salomonische Säule am Stephansdom mit Vagina-Darstellung

 

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Erneut schaut die ganze Welt auf Wien und das Geschehen im goldenen Saal des Musikvereins: Für das Neujahrskonzert 2014 haben sich die Wiener Philharmoniker Daniel Barenboim an Land gezogen, der somit zum „Wiederholungstäter“ wird. Bereits 2009 hat der 71-jährige Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper unter den Linden und Musikdirektor der Mailänder Scala das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigert. Die Werkwahl ist erneut recht einfallsreich und sieht von Gassenhauern weitgehend ab. Das einzige, was ich vermisse, ist ein Beitrag von Carl Michael Ziehrer. Ansonsten: Man darf sich freuen.

Am Neujahrskonzert 2014 werden gespielt:

1. Eduard StraussHelenen Quadrille; op.14 … Festlich und belebt eröffnet das Konzert mit dieser selten gehörten, 1865 uraufgeführten Komposition des „schönen Edi“. Mit viel Paukenschlag und Melodienreichtum knüpft Eduard Strauss hier ein Bouquet bekannter Motive aus Jacques Offenbachs Operette „Die schöne Helena„. 1865 erfolgte im Theater an der Wien die Wiener Erstaufführung der Operette mit der legendären Marie Geistinger in der Hauptrolle. Der Erfolg war bombastisch. Die Strauss-Brüder machten sich bevorzugt angekündigte Bühnen-Aufführungen ausländischer Komponisten zunutze, um Quadrillen aus deren Motiven zu schaffen. Eine schöne Wahl für den Einstieg. Allein, weil dadurch dem Edi, der unter den Sträussen am wenigsten Beachtung erhalten hat, gebührend Ehre zuteil wird.

2. Josef StraussFriedenspalmen; Walzer op.207 … Ein weiteres Stück mit Seltenheitswert. Geheimnisvoll und überaus harmonisch erhebt sich das Intro dieses Walzers wie aus dem Nichts. Er gehört nicht unbedingt zu Josefs Geniestreichen, überzeugt aber dennoch mit hinreissenden Passagen. Dass der Walzer weitgehend frei von Festlichkeit ist, hat seine Gründe: Josef Strauss hat ihn im Herbst 1866 komponiert, kurz nachdem die Donaumonarchie einschneidende Kriegsniederlagen erlitten hatte und das Volk somit alles andere als in Festlaune war. Der Titel „Friedenspalmen“ wird also selbsterklärend. Im Rahmen eines Benefizkonzerts im Volksgarten am 18. November 1866 wurde der Walzer erstmals aufgeführt.

3. Johann Strauss VaterCarolinen Galopp; op.21a … Wir reisen zurück ins Biedermeier. Diese frühe Komposition von Strauss-Vater versprüht Frohgemüt. Ich freue mich sehr über diese heute so gut wie vergessene Perle. Ende November 1827 wurde diese Galoppe in der Wiener Zeitung angekündigt. Das genaue Datum der Uraufführung ist nicht überliefert. Es dürfte im Etablissement zu den „Zwey Tauben“ gewesen sein. Das Lokal lag am Ende der damaligen Carolinen-Brücke über den Wienfluss. Somit  erklärt sich die Bezeichnung. Die Kettenbrücke-Galoppe trägt die Opus-Nummer 21b. Sie wurde kurz später in ähnlicher Manier komponiert und ist ebenfalls ein Tribut an eine ehemalige Brücke über den Wienfluss.

4. Johann Strauss Jun.Ägyptischer Marsch; op.335 … Johann Strauss Sohn ist heuer stärker vertreten als in den vergangenen Jahren. Sein Debut an diesem Konzert gibt er mit einem wohlbekannten und originellen Charakterstück. Den „Egyptischen Marsch“ hat er 1869 während seines Aufenthalts im Russischen Pawlowsk geschrieben. Unter dem Zweit-Titel „Tscherkessen-Marsch“ gelangte das Stück nach Wien, wurde da dann aber doch mit der ursprünglichen Bezeichnung versehen. Passend eh, da am 16. November selben Jahres der Suez-Kanal eröffnet wurde.

5. Johann Strauss Jun.Seid umschlungen, Millionen; Walzer op.443 … Weiter gehts mit einem ebenfalls recht populären Walzer des Walzerkönigs mit einem atemberaubenden Hauptthema. Von Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ liess sich Strauss leiten bei der Namensgebung. Gewidmet ist der späte Strauss-Walzer keinem Geringeren als Johannes Brahms. Uraufgeführt wurde der Walzer im März 1892 im Übrigen genau da, wo er am Neujahrskonzert 2014 gespielt wird, im Musikverein.

6. Johann Strauss Jun.Stürmisch in Lieb‘ und Tanz; Polka op.393 … Sehr schnell ist diese berühmte Polka und steckt doch voller Leidenschaft. Strauss hat sie für den Concordia-Ball vom 22. Februar 1881 in den Sofiensälen geschrieben. Der Concordia-Ball war der jährliche Ball der Wiener Autoren und Journalisten. Dirigiert hat nicht der Komponist selbst, sondern sein Bruder Eduard. Die Polka beinhaltet Melodien aus der Operette „Das Spitzentuch der Königin„.

—— PAUSE ——

7. Johann Strauss Jun.Ouvertüre „Waldmeister“ … Strauss war bereits im fortgeschrittenen Alter, als er sich an die Komposition der Operette „Waldmeister“ machte. Die Operette wird heute höchst selten mehr aufgeführt, dafür die Ouvertüre umso öfter. Es ist ein vor Einfallsreichtum nur so jugendlich frisch sprudelndes Werk, wie man es dem 70-Jährigen Strauss nicht mehr zugetraut hätte. Das Hauptthema ist der Walzer „Trau, schau, wem“. Am 4. Dezember 1895 im Musikverein konzertant aufgeführt, erntete Strauss grossen Applaus für seine Ouvertüre. Ein weiteres Motiv darin ist übrigens die Polka zur Librettostelle „Klipp Klapp“, die sich auf eine sich im Gange befindende Mühle zu Beginn der Operette bezieht. Strauss erinnerte sich an eine Melodie, welche ihm in Jugendjahren zu einem ähnlichen Szenario eingefallen war. Er integrierte sie in die Ouvertüre. Im Nachhinein komponierte Strauss aus diesem Motiv ein eigenständiges Stück: Die „Klipp Klapp- Galoppe“, die jetzt gleich folgt.

8. Johann Strauss Jun. Klipp Klapp; Galopp op.466 … Am 10. Februar 1896, mitten in der Karnevalszeit, führte Strauss dieses spritzige „Waldmeister-Extrakt“ am Concordia-Ball in den Sofiensälen erstmals auf. Noch im selben Monat war die Polka Teil der berühmten Sonntagskonzerte im Musikverein.

9. Johann Strauss Jun.Geschichten aus dem Wiener Wald; Walzer op.325 … Einer der berühmtesten Konzertwalzer der Musikgeschichte und mein persönlicher Lieblings-Strauss-Walzer. Dieses Meisterwerk kann man nicht oft genug spielen und hören, weshalb ich mich riesig freue, es auf dem Programm zu sehen. Eine TV-Einspielung führt die Zuschauer in den Wienerwald und ins Stift Klosterneuburg. Näheres zu diesem überwältigenden Walzer gibt es hier.

10. Joseph Hellmesberger Jun.Vielliebchen, Polka op.1 … Hellmesberger kommt wiederholt zum Zug. Das ist schön, denn er (und ebenso sein Vater) ist einer der weniger bekannten Wiener. „Vielliebchen“ ist eine reizende kleine Polka mit durch und durch wienerischem Charakter und zarten Melodienfolgen. Ein entspanntes Intermezzo.

11. Josef StraussBouquet; Polka op.188 … Eine ziemlich unbekannte Trouvaille vom Pepi und eine schöne Wahl. Als die Gartenbaugesellschaft am Stubenring ihr eigenes Festgebäude, die Blumensäle, feierlich eröffnete, steuerte Josef Strauss für die Einweihungsfestivitäten am 26. Dezember 1864 diese liebliche Polka bei. Die Blumensäle sind Geschichte, diese Polka hingegen lebt hiermit erneut auf.

12. Richard Strauss – „Capriccio“ (Mondscheinmusik) … Dies wirkt wie ein Fremdkörper – musikalisch und konzeptuell. Wir werden spätestens am Konzert erfahren, warum die Wahl auf dieses Werk von Richard Strauss fiel. Dieser Titan ernster Musik will hier so gar nicht reinpassen. Strauss‘ Oper „Capriccio“ wurde am 28. Oktober 1942 an der Münchner Oper uraufgeführt. Die tonmalerisch ausdrucksvolle, und bewegend-dramatische „Mondscheinmusik“ ist Teil des Finales der Oper. Als Richard Strauss am 13. Juli 1949 zum letzten Mal am Pult stand, dirigierte er die Mondscheinmusik. Einfach ein Tribut an den genialen Deutschen? Ich bin gespannt.

13. Joseph LannerDie Romantiker; Walzer op.167 … Freude herrscht! Der in meinen Augen grösste aller Wiener Komponisten des 19. Jahrhunderts ist auch heuer wieder vertreten. Diesmal mit einem seiner bekanntesten Walzern – dieser ist wahrlich eine vertonte Allegorie der Schönheit. Das Wiener Staatsballett tanzt dazu in den Prunkräumen des Stadtpalais Liechtenstein. Die Uraufführung des Walzers erfolgte Aufzeichnungen zufolge am Theresien-Fest-Ball in der „Goldenen Birn“ am 14. Oktober 1840. Wenige Tage später erklang der Walzer auch im „Grossen Zeisig“. Weitere Aufführungen in den Redoutensälen und in Baden bei Wien weisen darauf hin, dass „Die Romantiker“ mit grösster Begeisterung aufgenommen worden sein muss. Der Walzer gehört auch heute noch zu den meistgespielten des Walzervaters Lanner, der meiner Meinung nach der begnadetste Wiener Komponist und Musiker der letzten 200 Jahre ist.

14. Josef StraussNeckerei; Mazurka op.262 … Gemütlich und trotzdem beschwingt fliesst diese liebliche Mazurka dahin. Sie trägt Pepis deutliche Handschrift. „Neckerei“ war eine von zahlreichen Novitäten am Strauss-Benefiz-Ball in den Blumensälen am 8. Februar 1869. In der Fülle an elektrisierenden Neuheiten an jenem Abend schien „Neckerei“ jedoch untergegangen zu sein oder einfach wenig Beachtung gefunden zu haben. Darum lebt sie hiermit umso mehr auf und erhält die Aufmerksamkeit, die ihr gebührt. Sehr schön.

15. Josef StraussSchabernack; Polka op.98 … Trotz seines von Krankheit und zuweilen Schwermut geprägten Lebens behielt Josef Strauss stets Fröhlichkeit. Dies zeigt sich mit dieser Polka, die themenmässig der Vorherigen Mazurka anschliesst. Einer Zeitungsannonce zufolge erklang die Polka an einem Volksgartenkonzert am 3. Februar 1861. Sie fand grossen Zuspruch und gehörte zu den bedeutendsten Kompositionen der Gebrüder Strauss des Jahres 1861. Heute ist sie jedoch fast vergessen. Jetzt erfährt sie ein wahres Revival.

16. Léo DelibesMusik aus dem Ballett „Sylvia ou La Nymphe de Diane“ … Hiermit kommen wir zum zweiten „Exoten“ am diesjährigen Neujahrskonzert. Ich persönlich halte Léo Delibes allerdings sehr hoch, hatte der Herr doch ein ausgeprägtes Faible für besonders hinreissende und effektvolle Melodien, die mit den Wiener Weisen zuweilen eng verwandt sind. Vor allem beim Walzer in seinen Balletten legte der Komponist einen ungeheuren Einfallsreichtum zutage. Aus „Sylvia“ hat besonders die Pizzicato grosse Berühmtheit erlangt und ist heute in zahlreichen Kontexten in Film und Werbung zu hören. Warum die Wahl auf Delibes gefallen ist, werden wir ebenfalls spätestens am Konzert erfahren. Das Wiener Staatsballett tanzt dazu erneut im Stadtpalais Liechtenstein, diesmal im Stiegenhaus.

17. Josef StraussDynamiden (Geheime Anziehungskräfte); Walzer op.173 … Der Pepi ist auch recht stark vertreten dieses Jahr. Hier haben wir eine seiner hinreissendsten und gelungendsten Walzerkompositionen. Die tondichterische Klangmalerei, die er hier zaubert, verschafft einem wahre Gänsehaut. Das beginnt beim Intro und setzt sich intensiviert beim Hauptthema fort. Getragen auf Walzerwogen wähnt man sich in einem träumerischen Klanggebilde, wie es fast nur ein Josef Strauss kreieren vermag. Physikalisch gesehen bezeichnen Dynamiden in etwa die Bausteine, aus denen ein Atom besteht. Der Zusammenhang zwischen dieser physikalischen Erklärung und dem Alternativtitel „Geheime Anziehungskräfte“ geht wohl auf eine Interpretation des Komponisten zurück. Die Atomphysik dürfte auf Josef Strauss als gelernter Ingenieur nach wie vor eine grosse Faszination ausgeübt haben. Jedenfalls ist der Dynamiden-Walzer eines der schönsten und exklusivsten Werke, die Josef Strauss geschrieben hat. Es war das Widmungswerk für den Industriellenball in den Redoutensälen der Hofburg und wurde da am 30. Januar 1865 uraufgeführt.

18. Josef StraussOhne Sorgen; Polka op.271 … Und erneut kommt die Lebenslust Josefs zum Ausdruck, obwohl diese Polka entstanden ist, als der Komponist bereits schwer mit seiner Gesundheit zu kämpfen hatte. Josef Strauss komponierte diese Polka während eines Aufenthaltes mit seinem Bruder Johann im russischen Pawlowsk im Sommer 1869. Das Stück wird auch heute noch oft gespielt.

19. Josef StraussCarrière; Polka op.200 … Und gleich nochmal der Josef. Zum Schluss mit einer weiteren seltenen Perle. Die Carrière (Karriere) bezeichnet die schnellste Gangart des Pferdes, und somit ist die Polka dementsprechend ein lebendiges Werk. Die Uraufführung fand am 4. Juli 1866 im Volksgarten statt, einen Tag nach der Niederlage der österreichischen Armee bei Königgrätz.  Denkbar gedrückt war da die Stimmung der Bevölkerung, welche sich daher kaum von der Polka mitreissen liess. So konnte sich das Werk nicht halten. Jetzt wird auch dieses wieder zum Leben erweckt.

20. Johann Strauss Jun.An der schönen blauen Donau, Walzer op.314 … traditionell zum Schluss des Neujahrskonzerts erklingt der Walzer aller Walzer. Informationen hier.

21. Johann Strauss VaterRadetzky-Marsch, op.228 … Und wie gewohnt besiegelt der zackgie Marsch das alljährliche Spektakel.

Die Balletteinlage für den Walzer „Die Romantiker“ von Joseph Lanner ist in den neu renovierten Prunkräumen des Stadtpalais Liechtenstein gedreht worden. Das Wiener Staatsballett trägt Kostüme, geschaffen von Vivienne Westwood. Deren bunte Extravaganz wird zur barocken Pracht des Palais mit Sicherheit einen eigenwilligen Kontrast schaffen. Der Pausenfilm indes verspricht, nicht mehr so ein Reinfall wie der letztjährige zu werden, der vom ganzen Österreichischen Volk voller Empörung zerrissen worden war. Diesmal gibt es einen Blick hinter die Kulissen des Neujahrskonzerts.

Am Neujahrskonzert 2015 wird übrigens wieder Zubin Metha am Dirigentenpult stehen. Bereits zum 5. Mal.

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