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Archive for August 2015


Ja, die Exegese ist eine Philosophie für sich. Weniges, das in der Bibel steht, ist wirklich eindeutig und wortwörtlich zu verstehen. Vor allem im Alten Testament gibt es Gebote, die aus heutiger Sicht so abstrus und weltfremd sind, dass sie jeden, der sie wörtlich nimmt und ausführt, im Handumdrehen lebenslänglich ins Gefängnis bringen würden.

Aber erzkonservative Fundamental-Katholiken sind sich besonders dann nicht zu schade, mit gewissen Passagen aus dem AT um sich zu schmeissen, wenn es um das Thema Sexualität geht. Nichts ist ihnen dabei zu peinlich, solange sie andere Menschen verurteilen können. Das Lieblingsthema reaktionärer Erzkatholiken ist hierbei insbesondere die Homosexualität. Bischof Vitus Huonder von Chur hat ja neulich ein weiteres Mal den Vogel abgeschossen, indem er an einem Vortrag in Fulda aus dem Buch Levitikus zitierte, wo als Strafe für den sexuellen Verkehr zwischen zwei Männern die Todesstrafe gefordert wird. Unreflektiert erklärte Huonder das Zitat zum Massstab für den Umgang mit Homosexualität. (Siehe auch hier)

Zu recht wurde der Churer Bischof von allen Seiten kritisiert und der scheinbaren Unkenntnis in der Exegese entlarvt. Wer Texte aus dem AT, und vor allem aus Levitikus, wortwörtlich auslegt und auf die heutige Gesellschaft anwendet, der handelt nicht nur fahrlässig, sondern ohne Verstand und unerhört dumm.

Ein älterer Leserbrief an die „Neue Zuger Zeitung„, eingesandt von Vertretern der dortigen reformierten Kantonskirche, legt für einmal ausführlich und unmissverständlich dar, wie die entsprechenden Stellen im Buch Levitikus aus heutiger Sicht zu interpretieren sind (und das gilt auch für die wenigen anderen Stellen im Alten UND Neuen Testament, welche homosexuelle Handlungen betreffen). Und wann immer wieder ein religiös verblendeter Fundi daherkommt und glaubt, die ganze Wahrheit für sich zu beanspruchen, indem er sich energisch auf diese „eindeutigen“ Bibelpassagen bezieht, dann möge man ihm einfach mal den besagten Leserbrief zur Lektüre unterbreiten:

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Homosexuelle Liebe verstösst gegen das Patriarchat, nicht gegen Gottes Gebote

[…] Wenn wir biblische Texte wirklich ernst nehmen, müssen wir sie aus ihrem kulturellen Umfeld zu verstehen versuchen. Sie sind in einem anderen Kontext als dem unseren geschrieben worden.
In Bezug auf (Homo-)Sexualität gilt es zu berücksichtigen, dass die biblischen Texte von der patriarchalen Ordnung geprägt sind. Der Mann ist sexuell aktiv, seine Frauen dienen als «Gefässe». Der Mann ist Subjekt, die Frau Objekt der sexuellen Aktivität. In dieser Ordnung wird ein Mann entehrt, wenn ihm von einem andern Mann die minderwertige Frauenrolle  zugeschrieben wird.
Zu gleichgeschlechtlichen, sexuellen Handlungen gibt es in der Fülle biblischer Texte nur sehr wenige Aussagen. Diese beziehen sich lediglich auf Männer und haben nicht eine gleichgeschlechtliche Liebesbeziehung zwischen zwei gleichwertigen Partnern im Blick. Die alttestamentlichen Texte (z.B. 3. Mose 18 und 20) verbieten gleichgeschlechtliche Kontakte als Ersatzhandlung, d. h. man soll nicht mit einem Mann Zusammensein, weil gerade keine Frau zur Verfügung  steht.
Eine biblizistische, wörtliche Auslegung dieser Texte isoliert den Text aus seinem kulturellen Umfeld und verbiegt so dessen Inhalt. Auch die neutestamentlichen Texte (z. B. 1. Korinther 6,9 und 1. Timotheus 1,10) sprechen nicht von einer  Liebesbeziehung zwischen zwei gleichwertigen Partnern. Vielmehr geht es da um sexuelle Kontakte in einem klaren Machtgefälle, wo Starke Schwache zu ihrer sexuellen Befriedigung benutzen. Männliche Homosexualität verletzt also die Gebote des Patriarchats, nicht die Gebote Gottes (deshalb kommt auch weibliche Homosexualität in der Bibel nie in den Blick, und unter anderem deshalb wird Homosexualität auch heute vielerorts noch geächtet). Nur wer die Gesetze des Patriarchats für die Gebote Gottes hält, wird behaupten, dass Gott grundsätzlich homosexuelle Liebe zwischen gleichwertigen Partnerinnen und Partnern verbiete.
Es gibt im Alten Testament eine Geschichte, wo eine solche gleichwertige Partnerschaft angedeutet ist: die Freundschaft zwischen David und Jonathan. Mit sinnlichen Worten wird sie beschrieben: «Und Jonathan Hess auch David bei seiner Liebe zu ihm schwören, denn er liebte ihn wie sein eigenes Leben. […] Dann küssten sie einander, und beide weinten. David hörte nicht auf zu weinen […]» (Samuel 20, 17.41). Und nach Jonathans Tod sagt David: «Weh ist mir um dich, mein Bruder Jonathan. Du warst mir sehr lieb. Wunderbarer war deine Liebe für mich als die Liebe der Frauen.» (2. Samuel 1,26).
Ausser vielleicht in dieser Geschichte von David und Jonathan finden wir in der Bibel also keine Aussagen in bezug auf eine Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen oder zwei Männern. Auch diese Liebesbeziehungen sind erfüllt vom Gebot der Liebe, wie es für jede Partnerschaft gilt. Wir können nicht unterstellen, dass Menschen, die eine Partnerin/einen Partner des gleichen Geschlechts lieben, unter ihrer Liebe leiden. Liebe ist zunächst einmal schön und wohltuend. […]
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