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Archive for April 2020


Betrachtung eines Kunstwerkes

Lepold Carl Müller: Fellachin, Kopfstudie

Orientmotive gehörten im 19. Jahrhundert mit zu den begehrtesten Themen in der Malerei. Einige Künstlerinnen und Künstler taten das, was der „normalen“ Bevölkerung noch weitgehend verwehrt war: Sie nahmen beschwerliche Reisen auf sich, um diese fremden Welten zu studieren und abzubilden. In Österreich tat sich insbesondere einer als Orientmaler hervor: Leopold Carl Müller (1834-1892) bewegte sich mit August von Pettenkofen, Hans Makart und anderen grossen Namen der Zeit in höchsten Künstlerkreisen. Von Müllers mehreren Orientfahrten – die meisten davon nach Ägypten – zeugen beeindruckende Ölgemälde. Sein bekanntetes ist heute im Besitze der Galerie im Belvedere. Das grossformatige Werk von 1878 zeigt einen belebten Markt in Kairo.

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Für seine Orientszenenen studierte Müller die einheimische Bevölkerung und ihre äusserlichen Merkmale sehr genau. Er fertigte eine grosse Zahl an Kopfstudien an, zu denen auch das hier gezeigte Werk gehört, eine Fellachin. Die junge Frau aus der einfachen, bäuerlichen Landbevölkerung des vorderen Orients trägt markante Gesichtszüge, welche Müller durch das von oben einfallende Sonnenlicht geschickt hervorhebt. Der Maler versteht es auf einzigartige Weise, die natürliche Schönheit der Menschen – egal, ob Mann oder Frau – zu betonen, ohne zu idealisieren oder gar zu verfälschen. Er verleiht ihnen etwas Anmutiges, etwas Stolzes, unabhängig davon, ob es sich um eine aristokratische Persönlichkeit handelt oder um jemanden vom Feld. Müller tendiert in seinen Gemälden grundsätzlich eher zu Ockertönen als zu satten Farben.

Ein Blick auf den heutigen Kunstmarkt zeigt, dass für orientalische Motive aus dem 19. Jahrhundert noch immer eine fast ungebrochene Nachfrage herrscht. Trotz der nahezu uneingeschränkten Reisemöglichkeiten heutzutage hat die Thematik nichts an Reiz und Attraktivität eingebüsst. Fremde Kulturen, das Exotische, Unbekannte – es fasziniert die Menschen bis heute, es bleibt zeitlos. Lepold Carl Müller war ein grosser, begnadeter Vorreiter und Begründer dieses im Westen gewachsenen Interesses am mittleren Orient.

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Seit jeher amüsiert mich die eine Portalfigur am Haus Wasagasse 2, ein stattliches Gründerzeit-Mietshaus im Ringstrassenstil. Auf dem Sprenggiebel über dem Portal liegen zwei sehr gut gebaute bärtige Herren mit wenig an. Während sich derjenige links in einer aufmerksamen Achtungstellung mit angewinkeltem Knie präsentiert, liegt der Herr rechts entspannt da, die Beine elegant übereinander geschlagen. Den rechten Fuss streckt er dabei neckisch, was dem Ganzen etwas ausgeprägt Damenhaftes verleiht. Man kennt sowas beispielsweise aus Werbungen für Damenstrümpfe oder -schuhe. Bei so einem muskelbepackten Bartträger kriegt dies eine erheiternde Note.

lasziv

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Tief in der steinernen Konsole der linken Säule am Adlertor des Stephansdomes verankert, entdeckt der aufmerksame Passant etwas, das wie ein eiserner Griff aussieht. Das mutmassliche Griffteil jedoch ist beweglich und lässt sich drehen. Es handelt sich um ein einzigartiges Relikt aus der Bauzeit des Nordturmes: Mit Sicherheit diente das Eisenteil als Seilspule oder Umlenkrolle für eine Vorrichtung, mit welcher Bauelemente in die Höhe gezogen wurden. Es hatte also eine rein praktische Funktion.

Wie es aber so ist, provozieren so alte Kuriositäten allerlei Legenden und Mutmassungen. So ist im Falle dieser mittelalterlichen Seilspule schon vor langer Zeit die Geschichte erzählt worden, bei der Spule handle es sich um einen so genannten „Asylring“. Verfolgte, welche es schafften, diesen „Asylring“ zu berühren, standen per sofort unter kirchlichem Schutz und durften nicht mehr festgenommen und bestraft werden. Dies geht vermutlich auf einen Erlass Herzog Leopold IV. des Glorreichen (1176-1230) zurück, der es Kirchen und Klöstern erlaubte, Verbrechern Schutz zu bieten, wenn sie es bis zu deren Mauern, respektive zu deren „Lepoltring“ geschafft haben. Lokalkundige kennen für diesen Asylring deshab auch die Bezeichnung „Leo“.

 

asylring

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Betrachtung eines Kunstwerkes

Anders Andersen-Lundby: „Sommertag am Starbergersee“

andersenlundby

Bewundernswert sind insbesondere jene Künstlerinnen und Künstler, die es autodidaktisch soweit bringen, dass sie selbst besser werden als die akademisch Gebildeten. Zu diesen Naturtalenten gehört Anders Andersen-Lundby. 1841 als Anders Andersen im dänischen Dörfchen Lundby bei Aalborg geboren, versah er seinen in Dänemark zuhauf vorkommenden Allerweltsnamen mit dem Zusatz „Lundby“, um seine Identität zu untermauern. Bereits im Alter von 23 Jahren zeigte er seine Ölgemälde in namhaften Hallen der Hauptstadt Kopenhagen.

Er verliess bald seine Heimat und übersiedelte nach München, wo er sich mit seiner Malerei hauptsächlich der umgebenden Landschaft widmete und wachsende Popularität genoss. Andersen-Lundbys Schwerpunkt lag auf Winterlandschaften. Oft bildete er beschauliche, tief verschneite Gegenden ab, über denen eine wohltuende Ruhe liegt. Personenstaffagen und Pferdefuhrwerke werden selten zum Hauptbestandteil seiner Gemälde, wirken aber stets stark stimmungsbildend.

Zu Andersen-Lundbys bemerkenswertesten Gemälden, die nicht den Winter zum Thema haben, gehört das hier vorgestellte grossformatige Werk „Sommertag am Starnbergersee“ aus dem Jahre 1884. Der Künstler beweist, dass sein Gespür für jahreszeitliche Stimmungen sich nicht auf den Winter beschränkt. Man fühlt förmlich die Sommerhitze, welche über der weiten Landschaft liegt. In der Ferne die Erhebungen im Chiemgau, darüber sonnenbeschienene Wolkengebilde, im Mittelgrund der spiegelglatte Starnbergersee – die Hitze steht in der Luft, es ist vollkommen windstill.

Aus der Bewaldung im vorderen Mittelgrund ragt Schloss Possenhofen mit seinen charakteristischen Ecktürmchen. Hier hat Kaiserin Elisabeth „Sisi“ von Österreich ihre glücklichen Kindheits- und Jugendjahre verbracht. Als einziges lebendes Objekt malt Andersen-Lundby am unteren Bildrand ein Reh in Rückansicht. Dies, um den Betrachter nicht von der ungemeinen Fern- und Tiefenwirkung der Szene abzulenken. Besondere Aufmerksamkeit zollt der Maler der Ausführung der Büsche und Bäume, welche er mit fotografischer Genauigkeit abbildet.

Dem schaffenskräftigen Münchner Maler aus Dänemark gelingt hier ein Stück Landschaftsmalerei von höchster Güte und frappierender Klarheit. Und mit Sicherheit ist dieses herrliche Gemälde als eines seiner Hauptwerke aus der Reihe von Nicht-Winterbildern einzuordnen.

Anders Andersen-Lundby starb Anfang 1923 in München. Sein Oeuvre ist auf dem internationalen Kunstmarkt rege vertreten. Mehrere namhafte Museen besitzen Werke Andersen-Lundbys.

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Dass einem Schweizer in Budapest die grösste Juden-Rettungsaktion des Zweiten Weltkriegs gelang, ist noch immer nicht so bekannt, wie es eigentlich sein sollte: Der Geburtstag von Carl Lutz (1895-1975) jährt sich heuer zum 125. Mal.

Text: Andreas Faessler (Luzerner Zeitung, 3. April 2020)

 

carl_lutzDie Ehrungs- und Würdigungskultur in der Schweiz scheint grundsätzlich weniger ausgeprägt zu sein als andernorts. Es scheint zuweilen, als täte man sich schwer, die Verdienste mutiger Landsleute der jüngeren Vergangenheit gebührend ins Licht zu rücken. Allein mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg nämlich sind mehrere Personen zu nennen, denen viele ihr Leben verdanken. So etwa Louis Häfliger, welcher in zwei Aussenlagern von Mauthausen eine Massentötung von Tausenden Häftlingen verhinderte. Oder Paul Grüninger, der als Schweizer Grenzbeamter Hunderten Juden mittels manipulierter Dokumente die Flucht in die Schweiz ermöglichte und sie so vor dem sicheren Tod bewahrte.

Ein weiterer in diesem Bunde selbstloser Schweizer heisst Carl Lutz, 1895 geboren im appenzellischen Walzenhausen und gläubiger Methodist, dessen Geburtstag sich am 30. März zum 125. Mal gejährt hat. Sein innigster Berufswunsch wäre Pfarrer gewesen, doch führte ihn sein Weg schliesslich über diverse Anstellungen bei Gesandtschaften und Konsulaten zur Diplomatie. Als Schweizer Vizekonsul in Ungarn während des Zweiten Weltkrieges gelang es ihm nach der Besetzung durch die Nazis, gemäss Aufzeichnungen über 60000 Juden vor der Deportation und folglich vor der Vernichtung zu bewahren. Das war gut die Hälfte der Budapester Juden, die den Krieg überlebt haben. Als Leiter der Abteilung für fremde Interessen verfügte Lutz über hohe Kompetenzen. Dank seines Verhandlungsgeschickes und mit einem Trick erhielt er von Obersturmbannführer Adolf Eichmann ein Kontingent von 7800 Schutzbriefen zugesprochen, welche Juden ermöglichten, nach dem heutigen Israel auszuwandern. Systematisch und von den Nazis unbemerkt, vervielfachte Lutz das ihm zur Verfügung stehende Kontingent, indem er die Schutzbriefe nicht wie vorgeschrieben nur an einzelne Personen, sondern an ganze Familien vergab, was die Zahl Geretteter exponentiell erhöhte. Mit dieser grössten Rettungsaktion für die jüdische Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg riskierte der Schweizer freilich sein Leben.

Ernüchterung nach der Rückkehr

Als Carl Lutz nach Kriegsende in sein Heimatland zurückkehrte, schlug ihm alles andere als Anerkennung für seine beispiellose Zivilcourage entgegen. Vielmehr wurde ihm – wenn auch informell – vorgeworfen, er hätte in Budapest eigenmächtig seine Kompetenzen überschritten. Dass er für das Überleben zigtausender Menschen verantwortlich zeichnet, schien in seinem Vaterland keinen zu interessieren. Einzig in seinem Geburtsort Walzenhausen setzte man 1963 ein kleines Zeichen der Wertschätzung, indem die Gemeinde ihm das Ehrenbürgerrecht verlieh. Zeitlebens hoffte Lutz auf eine offizielle Anerkennung seiner Verdienste durchs Vaterland – vergebens. Vereinsamt und von dieser Zermürbung geprägt, starb Carl Lutz 1975 in Bern.

Das Gedenken wächst zaghaft

In Israel hingegen wurde der Schweizer bereits kurz nach Kriegsende für seine Leistungen für das jüdische Volk geehrt. Die 1953 gegründete Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem nahm Carl Lutz 1965 in die Ehren-Liste der «Gerechten unter den Völkern» auf. Dieses Prädikat zeichnet Nicht-Juden aus, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben aufs Spiel setzten, um dasjenige von Juden zu retten. Der Begriff «Gerechter unter den Völkern» ist dem Talmud entlehnt. Am See Genezareth existiert zudem ein Lutz-Memorial.

Eine grossflächigere Würdigung setzte erst in den 1990er-Jahren ein. In Budapest steht seit 1991 ein ihm gewidmetes Denkmal, 2004 wurde ebenda die Carl-Lutz-Stiftung gegründet. 1995 ist er von der Schweiz posthum immerhin «rehabilitiert» worden. Seit 2018 gibt es in Bern die Carl Lutz Gesellschaft. Eine treibende Kraft, ihn endlich der unverdienten Vergessenheit zu entreissen, ist seine Stieftochter Agnes Hirschi, deren jüdische Mutter Lutz kurz vor Kriegsende gerettet hatte. 1949 heiratete er sie und adoptierte deren Tochter Agnes. Diese ist bestrebt, das Andenken an ihren Stiefvater zu fördern, und verwaltet seinen Nachlass. Ende März 2019 enthüllte sie feierlich eine Gedenktafel an Carl Lutz’ Geburtshaus in Walzenhausen.

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