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Archive for the ‘Kunst’ Category


Betrachtung eines Kunstwerkes

Carl Reichert: „Futterneid“

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Ist von Tiermalerei die Rede, kommt man an ihm nicht vorbei: Carl Reichert (1836-1918) war seinerzeit einer der führenden Künstler dieses Genres. Seine Gemälde sind bis heute auf dem Markt heiss begehrt, sind Tiermotive doch zeitlos und einst wie jetzt beliebt. Vor allem, wenn sie von so frappierender Qualität sind wie diejenigen Reicherts. Von fotografischer Genauigkeit sind die Gemälde, bis ins kleinste Detail naturgetreu.

Reicherts Spezialität waren nicht Tiere in freier Natur, sondern hauptsächlich domestizierte, sprich Haustiere. Davon in erster Linie Katzen, Hunde, Pferde und Vögel. Die Sujets sind grundsätzlich von süsslicher, niedlicher Natur. Meist sind seine Tiere von Neugier und Verspieltheit erfüllt und entsprechend in einen Kontext gesetzt. Die Bilder strahlen grundsätzlich Harmonie und heile Welt aus. So auch unser hier betrachtetes Gemälde mit vier Kätzchen, einem Hund und einem Mädchen.

Die Bezeichnung des Bildes lautet „Futterneid“. Dieser Titel lässt Interpretationsspielraum offen: Wollte das Mädchen bloss die Kätzchen füttern? Immerhin befindet sich Milch in der schale, weshalb dies naheliegend ist. Ist der Hund somit der ungeladene Gast aus der Hütte dahinter, drängt sich ins Geschehen und lappt den Katzen die Milch weg? Für den Hund wäre wohl eher die grössere Schale mit Wasser gedacht. Der etwas unerfreute Blick der schwarzen Katze untermauert diese Interpretation. Auch beim Mädchen könnte man vermuten, dass es den Hund nicht an der Schale erwartet hätte. Es ist eine der eher seltenen Tierszenen, bei denen Carl Reichert Menschen integriert. Signiert hat es der Künstler mit seinem bekannten Pseudonym „J. Hartung“ (Julius Hartung).

Eine mit „C. Reichert“ signierte Version dieses Motives ist im Frühling 2019 im Wiener Dorotheum aufgetaucht. Diese ist beim genauen Betrachten nicht ganz so klar ausgeführt wie die Hartung-Version. Auch ist der gewählte Ausschnitt etwas kleiner. Die Reichert-Version trägt den Titel „Dinnerparty“. Eine weitere Möglichkeit der Interpretation.

Carl Reichert wurde 1836 als Sohn eines Historienmalers geboren. Nach seiner Ausbildung widmete er sich vorerst der Landschaftsmalerei. Nachdem er auf Wunsch von hoher adliger Stelle zwei Hundeportärts angefertigt hatte und beim Wiener Hof weiterempfohlen worden war, etablierte sich Reichert als gefragter Tiermaler. Er starbt im April 1918 in Graz.

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Betrachtung eines Kunstwerkes

Lepold Carl Müller: Fellachin, Kopfstudie

Orientmotive gehörten im 19. Jahrhundert mit zu den begehrtesten Themen in der Malerei. Einige Künstlerinnen und Künstler taten das, was der „normalen“ Bevölkerung noch weitgehend verwehrt war: Sie nahmen beschwerliche Reisen auf sich, um diese fremden Welten zu studieren und abzubilden. In Österreich tat sich insbesondere einer als Orientmaler hervor: Leopold Carl Müller (1834-1892) bewegte sich mit August von Pettenkofen, Hans Makart und anderen grossen Namen der Zeit in höchsten Künstlerkreisen. Von Müllers mehreren Orientfahrten – die meisten davon nach Ägypten – zeugen beeindruckende Ölgemälde. Sein bekanntetes ist heute im Besitze der Galerie im Belvedere. Das grossformatige Werk von 1878 zeigt einen belebten Markt in Kairo.

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Für seine Orientszenenen studierte Müller die einheimische Bevölkerung und ihre äusserlichen Merkmale sehr genau. Er fertigte eine grosse Zahl an Kopfstudien an, zu denen auch das hier gezeigte Werk gehört, eine Fellachin. Die junge Frau aus der einfachen, bäuerlichen Landbevölkerung des vorderen Orients trägt markante Gesichtszüge, welche Müller durch das von oben einfallende Sonnenlicht geschickt hervorhebt. Der Maler versteht es auf einzigartige Weise, die natürliche Schönheit der Menschen – egal, ob Mann oder Frau – zu betonen, ohne zu idealisieren oder gar zu verfälschen. Er verleiht ihnen etwas Anmutiges, etwas Stolzes, unabhängig davon, ob es sich um eine aristokratische Persönlichkeit handelt oder um jemanden vom Feld. Müller tendiert in seinen Gemälden grundsätzlich eher zu Ockertönen als zu satten Farben.

Ein Blick auf den heutigen Kunstmarkt zeigt, dass für orientalische Motive aus dem 19. Jahrhundert noch immer eine fast ungebrochene Nachfrage herrscht. Trotz der nahezu uneingeschränkten Reisemöglichkeiten heutzutage hat die Thematik nichts an Reiz und Attraktivität eingebüsst. Fremde Kulturen, das Exotische, Unbekannte – es fasziniert die Menschen bis heute, es bleibt zeitlos. Lepold Carl Müller war ein grosser, begnadeter Vorreiter und Begründer dieses im Westen gewachsenen Interesses am mittleren Orient.

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Betrachtung eines Kunstwerkes

Anders Andersen-Lundby: „Sommertag am Starbergersee“

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Bewundernswert sind insbesondere jene Künstlerinnen und Künstler, die es autodidaktisch soweit bringen, dass sie selbst besser werden als die akademisch Gebildeten. Zu diesen Naturtalenten gehört Anders Andersen-Lundby. 1841 als Anders Andersen im dänischen Dörfchen Lundby bei Aalborg geboren, versah er seinen in Dänemark zuhauf vorkommenden Allerweltsnamen mit dem Zusatz „Lundby“, um seine Identität zu untermauern. Bereits im Alter von 23 Jahren zeigte er seine Ölgemälde in namhaften Hallen der Hauptstadt Kopenhagen.

Er verliess bald seine Heimat und übersiedelte nach München, wo er sich mit seiner Malerei hauptsächlich der umgebenden Landschaft widmete und wachsende Popularität genoss. Andersen-Lundbys Schwerpunkt lag auf Winterlandschaften. Oft bildete er beschauliche, tief verschneite Gegenden ab, über denen eine wohltuende Ruhe liegt. Personenstaffagen und Pferdefuhrwerke werden selten zum Hauptbestandteil seiner Gemälde, wirken aber stets stark stimmungsbildend.

Zu Andersen-Lundbys bemerkenswertesten Gemälden, die nicht den Winter zum Thema haben, gehört das hier vorgestellte grossformatige Werk „Sommertag am Starnbergersee“ aus dem Jahre 1884. Der Künstler beweist, dass sein Gespür für jahreszeitliche Stimmungen sich nicht auf den Winter beschränkt. Man fühlt förmlich die Sommerhitze, welche über der weiten Landschaft liegt. In der Ferne die Erhebungen im Chiemgau, darüber sonnenbeschienene Wolkengebilde, im Mittelgrund der spiegelglatte Starnbergersee – die Hitze steht in der Luft, es ist vollkommen windstill.

Aus der Bewaldung im vorderen Mittelgrund ragt Schloss Possenhofen mit seinen charakteristischen Ecktürmchen. Hier hat Kaiserin Elisabeth „Sisi“ von Österreich ihre glücklichen Kindheits- und Jugendjahre verbracht. Als einziges lebendes Objekt malt Andersen-Lundby am unteren Bildrand ein Reh in Rückansicht. Dies, um den Betrachter nicht von der ungemeinen Fern- und Tiefenwirkung der Szene abzulenken. Besondere Aufmerksamkeit zollt der Maler der Ausführung der Büsche und Bäume, welche er mit fotografischer Genauigkeit abbildet.

Dem schaffenskräftigen Münchner Maler aus Dänemark gelingt hier ein Stück Landschaftsmalerei von höchster Güte und frappierender Klarheit. Und mit Sicherheit ist dieses herrliche Gemälde als eines seiner Hauptwerke aus der Reihe von Nicht-Winterbildern einzuordnen.

Anders Andersen-Lundby starb Anfang 1923 in München. Sein Oeuvre ist auf dem internationalen Kunstmarkt rege vertreten. Mehrere namhafte Museen besitzen Werke Andersen-Lundbys.

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Betrachtung eines Kunstwerkes

Robert Raschka: Stephansdom – Nordturm und Pilgramkanzel

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Es gibt eine Reihe hochkarätiger Aquarellisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die Wiener Stadtansichten festgehalten haben, welche heute als wertvolle Zeitdokumente gelten können, obschon es die Fotografie damals bereits gab. Allen voran ist natürlich Rudolf von Alt (1812-1905) anzuführen. In dessen Nachfolge traten insbesondere Namen wie Carl Wenzel Zajieck (1860-1923), August Mandlick (1860-1934), Ernst Graner (1865-1943), Friedrich Frank (1871-1945), Franz Poledne (1873-1932), Richard Moser (1874-1924), Erwin Pendl (1875-1945) oder Paul Kaspar (1891-1953) hervor.

Etwas früher als die Genannten war ein weiterer Wiener Aquarellist tätig: Robert Raschka, am 5. August 1847 in Bukarest geboren, liess er sich erst am Polytechnikum in Zürich zum Architekt ausbilden, ehe er sein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien fortsetzte, dies unter keinem Geringeren als Friedrich von Schmidt.

Raschka bewies eine aussergewöhnlich talentierte Hand, was die Architekturmalerei anging. So zeichnete er nicht nur als Architekt für eine stattliche Zahl öffentlicher und privater Gebäude in Wien und Umgebung verantwortlich, er hinterliess der Nachwelt ein ebenso reiches Oeuvre an hochfeiner Aquarellmalerei. Seine Veduten zeigen bekannte Plätze, Gebäude und Strassenzüge in Wien. Auch reich ausgestattete Interieurs und Ansichten aus der Umgebung von Wien oder anderen Städte wie Prag oder Krakau finden sich in seinem malerischen Werk. Robert Raschka starb am 19. April 1908 in Wien.

Seine Aquarelle zeichnen sich durch frappierende Feinteiligkeit aus. Raschka schien hohen Wert auf das Detail zu legen, insbesondere im Hinblick auf die abgebildete Architektur. Figurenstaffagen und „Beiwerk“ hingegen führt er meist nur angedeutet aus. Besonders eindrücklich ist Raschkas Fokus auf das Detail bei seinen in der Folge vorgestellten zwei Aquarellen des Stephansdomes aus dem Jahre 1899:

Das eine zeigt den unvollendeten Nordturm mit der Renaissancehaube. Auch den Masswerk-Chorfenstern und der Capistrankanzel mit der barocken Erweiterung schenkt er reichlich Aufmerksamkeit. Im Hintergrund unten rechts erkennt man noch das Erzbischöfliche Palais. Da, wo heute die Einfahrt zur Tiefgarage liegt, stehen Fiakerkutschen. Die Figuren bildet Raschka nur schemenhaft ab.

Im zweiten Aquarell zeichnet Raschka die Pilgramkanzel, eines der bedeutendsten Kunstwerke der Spätgotik weit und breit. Der hölzerne Schalldeckel, der hier noch über der Kanzel angebracht ist, hängt heute über dem Taufstein in der Katharinenkapelle. Raschka bildet schenkt selbst dem kleinsten Detail der aus Sandstein gehauenen Kanzel mit Treppenaufgang Aufmerksamkeit, darunter zeichet er den legendären Fenstergucker. Auch der Luster, der Pfeilerschmuck, die Gewölbe und das Fenster führt der Maler mit höchster Liebe zur Detailhaftigkeit aus.

Beide 23 x 30 Zentimeter grossen Bilder sind wunderbare Beispiele bester Wiener Aquarellmalerei der Jahrhundertwende und zeugen von einer sehr geschickten Hand und dem geschulten Auge für die detailgetreue Abbildung der Realität.

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Betrachtung eines Kunstwerkes

Johann Wilhelm Jankowski: Die Stadt Zug am Zugersee


Von einem tüchtigen, nicht näher erfassten Maler des 19. Jahrhunderts stammt eine seltene Vedute der Stadt Zug. Die detailreiche, leicht idealisierte Darstellung vermittelt eine Idee davon, wie die Altstadt in den 1860er-Jahren in etwa aussah.

Text & Bild: Andreas Faessler (Zuger Zeitung vom 17. November 2018)

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Die Zentralschweiz lieferte den Romantikern des 19. Jahrhunderts reichlich Stoff. Namhafte Maler aus dem In- und Ausland bannten die Landschaften rund um die Rigi vielfach auf Leinwand und trugen die Schönheit dieser Region so in die Welt hinaus. Allein der Münchner Maler Josef Schoyerer etwa schuf mehrere Ansichten vom Urnersee mit dem Urirotstockmassiv. Auch Grössen wie Hubert Sattler, François Diday oder Alexandre Calame würdigten dieses Panorama mit Malereien von fantastischer Qualität. Die Mythen oder die Stadt Luzern und deren Hinterland finden sich ebenso häufig in romantischen Veduten wieder – etwa bei Jakob Joseph Zelger und natürlich bei Robert Zünd. Und der grösste aller Biedermeiermaler – der Wiener Ferdinand Georg Waldmüller – hat gar eine bäuerliche Szene mit dem Zugersee und der Rigi im Hintergrund festgehalten, wovon an dieser Stelle im November 2013 zu lesen war.

Etwas arg stiefmütterlich behandelten die Künstler von damals hingegen die Stadt Zug. Qualitätvoll gemalte Ansichten von ihr sind vergleichsweise sehr selten, erst recht solche aus namhafter Hand. Eine der wenigen erwähnenswerten Zuger Veduten stammt vom Düsseldorfer Maler Franz Pauly (1837-1913): Auf einem grossformatigen Gemälde sind die alte Michaelskirche und der Zurlaubenhof vor der See- und Bergkulisse zu sehen.

Eine weitere Ansicht Zugs, welche gar die gesamte Altstadt zeigt, hat der böhmisch-österreichische Maler Johann Wilhelm Jankowski (ca. 1800-1870) geschaffen, gelegentlich wird er auch als Friedrich W. Jankowski benannt. Ob sein Gemälde – Öl auf Leinwand, 55x69cm – vor Ort entstanden ist, ob er es mittels Versatzstücken im Atelier ausgeführt oder gar nach einer Vorlage gemalt hat, ist nicht überliefert. Aber das Bild zeigt bemerkenswerte Details. Unverkennbar ist es die Ansicht Zugs von der Guggiwiese aus betrachtet. Sollte Jankowski vor Ort gemalt haben, so hätte er seine Staffelei wohl exakt an jener Stelle aufgestellt gehabt, wo heute die überdachte Holzbeige steht. In der linken unteren Hälfte des Gemäldes sind zwei Leutchen im Sonnenlicht. Etwa dort dürfte heute der kleine Platz mit der bei vielen als «Kifferbänkli» bekannten Ruhebank liegen.

Abweichungen und Idealisierungen

Der Ortskundige erkennt aber auch gleich, dass der Maler nicht in jeder Hinsicht die Realität abgebildet hat, was Perspektiven und Beschaffenheit der Gebäude betrifft: Der Zytturm in der Bildmitte erweckt mit dem überhöhten Spitzhelm eher den Eindruck, eine Kirche zu sein. Gleich links davon ist die Liebfrauenkapelle erkennbar. Der Abstand zur Oswaldskirche, welche Jankowski in ihren Dimensionen stark reduziert hat, ist geringer als in Wirklichkeit. Auch die Burg, der ebenfalls überhöhte Pulverturm und das Kapuzinerkloster sind gedrungen dargestellt. Der Kapuzinerturm versteckt sich hinter dem Baum, aber die alte Michaelskirche hingegen ist wieder sichtbar, jedoch ohne die Käsbisse, sondern hier mit einem Spitzhelm. Die Bergkulisse entspricht mehrheitlich der Realität, ausser dass die Ostflanke der Rigi etwas steil geraten ist und der Pilatus rechts von der Bildmitte eher wie ein gross geratener Hügel daherkommt.

Der spannendste Teil unserer Vedute liegt in der unteren rechten Ecke. Hell von der Nachmittagssonne erleuchtet malt Jankowski verhältnismässig realitätsgetreu das alte Baarertor, welches 1873 abgebrochen worden ist. Beim rechts anschliessenden Gebäude handelt es sich um das 1842 erbaute Stadttheater, das ab 1849 auch die Post beherbergte und später dem heutigen Verwaltungsgebäude weichen musste. Mit dem Umzug der Post vom «Hirschen» hierhin wurde der Platz in «Postplatz» umbenannt. Bis dahin hatte er «Schanzenplatz» geheissen. Im Vordergrund anhand des markanten Mansardwalmdaches schön zu erkennen ist der Vorgängerbau der im Jahre 1902 fertiggestellten Hauptpost. Es ist das sogenannte Landtwing’sche Fideikommissgebäude, ein spätbarocker Palastbau von 1762, erbaut von Franz Fidel Landtwing. Das Palais beherbergte ab 1882 bis zu seinem Abbruch kurz vor der Jahrhundertwende die Poststelle und ab 1892 zudem Büroräumlichkeiten der Zuger Kantonalbank.

Ganz aussen am rechten Bildrand malt Jankowski das Regierungsgebäude, welches von 1869 bis 1873 errichtet worden ist. Zuvor war dieser Grund unbebaut gewesen und der ehemalige Schanzenplatz zum See hin offen. Die Tatsache, dass Jankowski das Regierungsgebäude abbildet, lässt auf ein Spätwerk des Malers schliessen, da er um 1870 verstorben ist, als das Regierungsgebäude im Bau war. Dass der Maler die im Entstehen begriffene «Kantonskanzlei» als schlichten Baukörper mit Walmdach ausführt, mag einerseits dadurch zu erklären sein, dass zum damaligen Zeitpunkt erst die Grundmauern standen und er es aus der Fantasie heraus «vollendete». Andererseits könnte sich der Maler an Entwürfen aus den 1860er-Jahren orientiert haben, die tatsächlich ein Bauwerk vorsahen, welches dem hier gemalten ähnlich war. Ein interessantes Detail erkennt man beim genauen Hinsehen mitten auf dem Postplatz: Eine grosse Treppenanlage führt rechts weg auf eine scheinbar tiefer gelegene Ebene nach dahin, wo heute auf gleichem Bodenniveau die Bahnhofstrasse vom Postplatz wegführt.

Und zu guter Letzt sei noch auf ein weiteres Detail hingewiesen, was im Kontext mit dem aktuell wieder auflodernden Gezeter um die Parkplätze auf dem Postplatz nicht einer gewissen Ironie entbehrt: Schon in den 1860er-Jahren wurde auf dem unteren Postplatz parkiert, auch wenn es damals halt nur Pferdefuhrwerke waren…

Ein gemaltes Zeitdokument

Johann Wilhelm Jankowski ist biografisch kaum erfasst. Man kennt bestenfalls die ungefähren Lebensdaten, dass er böhmisch-österreichischer Abstammung und dem Anschein nach sehr viel gereist war. Seine qualitativ hochwertigen Bilder sind beliebt und recht häufig im Kunsthandel anzutreffen – er scheint fleissig gewesen zu sein. Jankowski dürfte auch wiederholt Luzern besucht haben, zumal mehrere Veduten der Stadt existieren, sogar eine von Kriens mit dem Pilatus. Häufig reicherte der Maler seine Ansichten mit fantasievollen Ergänzungen an, so dass sie zuweilen stark von der Realität abweichen. Glücklicherweise ist das bei unserem hier präsentierten Gemälde weniger der Fall, was es zu einem wunderbaren Zeitdokument macht, welches dem Betrachter vor Augen führt, wie sich Stadt und Landschaft in den 1860er-Jahren präsentiert haben – beim Blick von der Guggiwiese.

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Während der Fastenzeit 2020 wird der Stephansdom um ein etwas eigenwilliges Kunstwerk erweitert: An seiner Südseite ragt eine überdimensionale Wärmeflasche in die Höhe und reicht bis ans Dach des Anbaus. Am Mittwoch, 19. Februar, ist die riesige Installation aufgestellt worden. Die Bettflasche mit dem Namen „Big Mutter“ ist das Werk des österreichischen Künstlers Erwin Wurm (*1954), der seit Jahren immer wieder mit extravaganten Interventionen an Gebäuden und Infrastruktur von sich reden macht.

Wurms wuchtige metallene Bettflasche soll  – klar – Wärme versinnbildlichen und somit Symbol für (Mit)Menschlichkeit sein. Dadurch, dass der Künstler der Plastik zwei tapsig wirkende Füsse verpasst hat, wirkt das Ganze etwas karikaturhaft. Und doch, oder gerade deshalb zieht „Big Mutter“ viel Aufmerksamkeit auf sich und dient Besuchern fleissig als Selfie-Fotomotiv. Die Bettflasche soll bis Juni 2020 bei Dom verbleiben.

Erwin Wurm zeichnet in diesem Jahr übrigens auch als Gestalter des grossen Fastentuches im Chor des Stephansdoms verantwortlich.

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Es sind wunderschöne Landschaftsveduten aus dem 19. Jahrhundert, qualitativ hervorragend gemalt, zuweilen gar meisterhaft, häufig zeigen sie romantische Ansichten aus dem Berner Oberland, aber auch malerische Motive aus anderen Schweizer Regionen. Die Ölgemälde sind signiert mit „G. Stähly-Rychen“. Dieser Name sorgt für Verwirrung.

Internetplattformen mit Fokus Kunst wie auch namhafte Auktionshäuser pflegen es, diesen Stähly-Rychen als Pseudonym des bekannten und hoch gehandelten österreichischen Landschaftsmalers Hubert Sattler (1817-1904) anzupreisen. Wo diese Zuschreibung ihren Ursprung hat und warum man überhaupt auf diese Annahme gekommen ist, steht in den Sternen. Setzt man sich hinsichtlich Komposition und Handschrift mit den Gemälden dieses Stähly-Rychen wie auch mit denjenigen Hubert Sattlers auseinander, so kommen Zweifel auf, ob es sich tatsächlich um ein- und dieselbe Person – um Hubert Sattler – handelt. Zu unterschiedlich scheinen die Malweisen. Kommt hinzu, dass Hubert Sattler fast ausschliesslich kleinformatig gemalt hat, während von Stähly-Rychen grosse bis sehr grosse Ölgemälde existieren.

Es ist dem Anschein nach ein Gottfried Stähly-Rychen nachgewiesen, der von 1840 bis 1920 gelebt und wohl zum grossen Kreis der Thuner Vedutenmaler gehört hat. Details hierzu sind auf www.foto.ch nachzulesen. Im „Intelligenzblatt“ vom 3. Februar 1891 ist ferner folgende „Kunstnotiz“ publiziert:

Wie schon öfters, so hat gegenwärtig Hr. Stähly-Rychen in Bern (Bärenplatz, „Spar- und Betriebsverein“) eine seiner vorzüglichen Leistungen auf dem Gebiete der Thiermalerei, die ihm bereits im Auslande den Namen eins Thiermalers ersten Ranges erworben hat, ausgestellt. Wir  machen die hiesigen Kunst- und Naturfreunde auf das betreffende, vorzüglich gelungene Bild aufmerksam.

Und im Verzeichnis für literarisches und künstlerisches Schweizer Eigentum des Schweizerischen Handelsamtsblattes wird am 15. Dezember 1888 ein Ölgemälde mit dem Titel „Lehrerseminar in Münchenbuchsee“ von Gottfried Stähly-Rychen eingetragen.

Zwar kennt man von Gottfried Stähly-Rychen nicht unbedingt Tier-, sondern Landschaftsbilder, aber es ist dennoch wahrscheinlich, dass hier von „unserem“ Stähly-Rychen die Rede ist. Auf jeden Fall ist diese Annonce ein weiteres Indiz dafür, dass es sich bei Gottfried Stähly-Rychen nicht um Hubert Sattler handelt, sondern um einen eigenständigen und begnadeten Schweizer Künstler, welcher biografisch nur sehr spärlich erfasst ist. Trifft diese Annahme zu, so ist es bedenklich, wenn namhafte Auktionshäuser den Namen „Gottfried Stähly-Rychen“ weiterhin als Sattler-Pseudonym handeln und so mit potenziell falschen Angaben höhere Preise erzielen.

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Betrachtung eines Kunstwerkes

Carl Schultze: Am Stilfser Joch

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Wiederholt ist dieses Gemälde im Dorotheum in Wien angeboten worden unter dem Titel „Am Sankt Gotthard in der Schweiz“. Ein klassisches Beispiel dafür, dass selbst renommierte Auktionshäuser sich nicht immer die nötige Zeit nehmen, die Betitelung von Gemälden, die ihnen angeboten werden, seriös zu überprüfen. Jeder, der schon mal auf dem bekanntesten aller Alpenpässe war, sieht auf Anhieb, dass es sich nicht um den Gotthardpass handeln kann, der als wichtigste Nord-Süd-Verbindung der Alpen gilt.

Was Carl Schultze (1856-1926) hier gemalt hat, ist in Tat und Wahrheit das Stilfser Joch, der 2757 Meter hohe Alpenpass knapp an Schweizer Grenze, der das Veltlin mit dem Vinschgau verbindet. Wir sehen das Hotel Ferdinandshöhe. Im Vordergrund erkennt man den Kaiser-Franz-Joseph-Obelisken von 1888, der um 1925 schliesslich auf den höchsten Punkt der Passstrasse verbracht worden ist. Im Hintergrund auf der Anhöhe ist wohl der Vorgängerbau der Tibet-Hütte zu sehen.

Schultze hat hier mit Sicherheit eine historische Fotografie, respektive Postkarte als (Teil-)Vorlage für sein sehr gekonnt ausgeführtes Ölgemälde auf Holz genommen. Nicht nur wegen dem Wagen, sondern auch wegen dem Hintergrund lässt sich darauf schliessen (siehe Bild unten). Selbst die Holzstämme am Strassenrand und den nicht näher definierten Kubus beim Obelisken hat er in sein Gemälde übernommen.

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Carl Schultze ist in Düsseldorf geboren und gehörte folglich der Düsseldorfer Schule an. Nach seiner akademischen Ausbildung unternahm er mehrere Studienreisen, unter anderem auch durch die Alpen. Dabei entstanden zahlreiche Landschaftsgemälde aus Österreich, Italien und der Schweiz.

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Betrachtung eines Kunstwerkes

Franz Poledne: Barockes Schlösschen

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Die Aquarelle von Franz Poledne (1873-1932) gehören mit zu den schönsten und akkuratst ausgeführten unter der Vedutenmalerei, wie ich finde. Der weitgehend autodidakte Wiener war ausserordentlich produktiv – kaum eine Ecke in Wien und Umgebung, die er nicht abgebildet hat. Zu Polednes Abnehmer gehörten Personen aus höchten Adelskreisen, gar Kaiser Franz Joseph höchstselbst hat ein Aquarell von Poledne erworben.

Generell zeigen Franz Polednes Sujets wohlbekannte Orte und Ansichten, die zumindest mit der Provenienz überliefert worden sind. Beim hier vorliegenden Aqauarell aus dem Jahre 1909 ist es etwas anders. Das Bild ist bereits wiederholt auf dem Kunstmarkt aufgetaucht, allerdings stets ohne Ortsangabe.  Die grosse Frage also: Welches barocke Palais oder Schlösschen mit Garten und einem lustwandelnden Paar ist hier abgebildet? Vom Baustil her würde ich es – wenn nicht in Wien selbst – eher in die Region östlich der Kaiserstadt verorten. Da sämtliche heute noch existierenden Barockgebäude in Wien weitestgehend dokumentiert sind und sich dieses Gebäude hier in Wien nicht (mehr) finden lässt, vermute ich, dass es sich entweder um ein weniger bekanntes (Land-/Jagd-)Schlösschen irgendwo in ruraler Umgebung handelt, oder aber um einen Wiener Adelssitz, der so nicht mehr existent ist.

Architektonisch erinnert das Gebäude im Entferntesten an den Seitentrakt von Schloss Hunyadi in Maria Enzersdorf. Generell aber würde ich eher an ein ungarisches Landgut denken. Jedenfalls muss es sich um ein Gebäude mit einer gewissen Bedeutung handeln, sonst hätte es Franz Polende nicht abgebildet. Und zwar in seiner üblich natürlichen und fast fotografisch genauen Manier. Polednes Aquarelle vermitteln stets pure Anmut und Schönheit in Strich und Farbwahl. Wer einen Hinweis hat, um welches Gebäude es sich hier handeln könnte… – wird sehr gerne entgegengenommen.

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Betrachtung eines Kunstwerkes

Ignaz Ellminger: Weidenlandschaft mit Hüterbub

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Es ist die ländliche Idylle schlechthin: eine beschauliche Landschaft, dem Anschein nach im Vorgebirge, im Zentrum der Szene zwei friedlich weidende Kühe und am Zaun ein grosses Holzmarterl mit dem Gekreuzigten. Links leicht in den Mittelgrund gerückt steht ein Hirte mit blauem Kittel. Während der Maler die Tier- und Personenstaffage verhältnismässig gegenständlich ausführt, erinnern der Hintergrund sowie der Himmel in ihrer leichten Diffusität und in der Farbgebung eher an die Malweise eines Daubigny, denn an einen österreichischen Künstler.

Das kleine Ölgemälde auf Holz ist ein reizendes Kabinettstück des Wiener Malers Ignaz Ellminger (1843-1894). War er vorerst als Zeichenlehrer und Dichter aktiv, studierte er später an der Akademie der bildenden Künste in Wien, worauf er sich primär der Landschaftsmalerei zuwandte. Gelegentlich schuf er auch Porträtbilder. Doch in erster Linie bestimmen bäuerliche Idyllen das Werk Ellmingers. Sie zeigen romantische Bauernhofszenen, oft mit Kühen oder Pferden sowie auch Personen. Die Ellmingergasse im 23. Wiener Bezirk erinnert bis heute an den Maler, der dem Wiener Künstlerhaus angehörte.

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