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Ja, die Exegese ist eine Philosophie für sich. Weniges, das in der Bibel steht, ist wirklich eindeutig und wortwörtlich zu verstehen. Vor allem im Alten Testament gibt es Gebote, die aus heutiger Sicht so abstrus und weltfremd sind, dass sie jeden, der sie wörtlich nimmt und ausführt, im Handumdrehen lebenslänglich ins Gefängnis bringen würden.

Aber erzkonservative Fundamental-Katholiken sind sich besonders dann nicht zu schade, mit gewissen Passagen aus dem AT um sich zu schmeissen, wenn es um das Thema Sexualität geht. Nichts ist ihnen dabei zu peinlich, solange sie andere Menschen verurteilen können. Das Lieblingsthema reaktionärer Erzkatholiken ist hierbei insbesondere die Homosexualität. Bischof Vitus Huonder von Chur hat ja neulich ein weiteres Mal den Vogel abgeschossen, indem er an einem Vortrag in Fulda aus dem Buch Levitikus zitierte, wo als Strafe für den sexuellen Verkehr zwischen zwei Männern die Todesstrafe gefordert wird. Unreflektiert erklärte Huonder das Zitat zum Massstab für den Umgang mit Homosexualität. (Siehe auch hier)

Zu recht wurde der Churer Bischof von allen Seiten kritisiert und der scheinbaren Unkenntnis in der Exegese entlarvt. Wer Texte aus dem AT, und vor allem aus Levitikus, wortwörtlich auslegt und auf die heutige Gesellschaft anwendet, der handelt nicht nur fahrlässig, sondern ohne Verstand und unerhört dumm.

Ein älterer Leserbrief an die „Neue Zuger Zeitung„, eingesandt von Vertretern der dortigen reformierten Kantonskirche, legt für einmal ausführlich und unmissverständlich dar, wie die entsprechenden Stellen im Buch Levitikus aus heutiger Sicht zu interpretieren sind (und das gilt auch für die wenigen anderen Stellen im Alten UND Neuen Testament, welche homosexuelle Handlungen betreffen). Und wann immer wieder ein religiös verblendeter Fundi daherkommt und glaubt, die ganze Wahrheit für sich zu beanspruchen, indem er sich energisch auf diese „eindeutigen“ Bibelpassagen bezieht, dann möge man ihm einfach mal den besagten Leserbrief zur Lektüre unterbreiten:

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Homosexuelle Liebe verstösst gegen das Patriarchat, nicht gegen Gottes Gebote

[…] Wenn wir biblische Texte wirklich ernst nehmen, müssen wir sie aus ihrem kulturellen Umfeld zu verstehen versuchen. Sie sind in einem anderen Kontext als dem unseren geschrieben worden.
In Bezug auf (Homo-)Sexualität gilt es zu berücksichtigen, dass die biblischen Texte von der patriarchalen Ordnung geprägt sind. Der Mann ist sexuell aktiv, seine Frauen dienen als «Gefässe». Der Mann ist Subjekt, die Frau Objekt der sexuellen Aktivität. In dieser Ordnung wird ein Mann entehrt, wenn ihm von einem andern Mann die minderwertige Frauenrolle  zugeschrieben wird.
Zu gleichgeschlechtlichen, sexuellen Handlungen gibt es in der Fülle biblischer Texte nur sehr wenige Aussagen. Diese beziehen sich lediglich auf Männer und haben nicht eine gleichgeschlechtliche Liebesbeziehung zwischen zwei gleichwertigen Partnern im Blick. Die alttestamentlichen Texte (z.B. 3. Mose 18 und 20) verbieten gleichgeschlechtliche Kontakte als Ersatzhandlung, d. h. man soll nicht mit einem Mann Zusammensein, weil gerade keine Frau zur Verfügung  steht.
Eine biblizistische, wörtliche Auslegung dieser Texte isoliert den Text aus seinem kulturellen Umfeld und verbiegt so dessen Inhalt. Auch die neutestamentlichen Texte (z. B. 1. Korinther 6,9 und 1. Timotheus 1,10) sprechen nicht von einer  Liebesbeziehung zwischen zwei gleichwertigen Partnern. Vielmehr geht es da um sexuelle Kontakte in einem klaren Machtgefälle, wo Starke Schwache zu ihrer sexuellen Befriedigung benutzen. Männliche Homosexualität verletzt also die Gebote des Patriarchats, nicht die Gebote Gottes (deshalb kommt auch weibliche Homosexualität in der Bibel nie in den Blick, und unter anderem deshalb wird Homosexualität auch heute vielerorts noch geächtet). Nur wer die Gesetze des Patriarchats für die Gebote Gottes hält, wird behaupten, dass Gott grundsätzlich homosexuelle Liebe zwischen gleichwertigen Partnerinnen und Partnern verbiete.
Es gibt im Alten Testament eine Geschichte, wo eine solche gleichwertige Partnerschaft angedeutet ist: die Freundschaft zwischen David und Jonathan. Mit sinnlichen Worten wird sie beschrieben: «Und Jonathan Hess auch David bei seiner Liebe zu ihm schwören, denn er liebte ihn wie sein eigenes Leben. […] Dann küssten sie einander, und beide weinten. David hörte nicht auf zu weinen […]» (Samuel 20, 17.41). Und nach Jonathans Tod sagt David: «Weh ist mir um dich, mein Bruder Jonathan. Du warst mir sehr lieb. Wunderbarer war deine Liebe für mich als die Liebe der Frauen.» (2. Samuel 1,26).
Ausser vielleicht in dieser Geschichte von David und Jonathan finden wir in der Bibel also keine Aussagen in bezug auf eine Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen oder zwei Männern. Auch diese Liebesbeziehungen sind erfüllt vom Gebot der Liebe, wie es für jede Partnerschaft gilt. Wir können nicht unterstellen, dass Menschen, die eine Partnerin/einen Partner des gleichen Geschlechts lieben, unter ihrer Liebe leiden. Liebe ist zunächst einmal schön und wohltuend. […]
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Das umstrittene Internet-Videoportal Gloria.tv agiert mit immer abstruseren und fragwürdigen Methoden, die sich scharf an der Grenze des Legalen bewegen. Die Betreiber wollen den Eindruck erwecken, dass das Portal von Moldawien aus betrieben wird. Es wird aber immer offensichtlicher, dass die Zentrale an der Quelle des Rheins, im Bünderland, liegt.

Erst würdigt Gloria.tv einen bekennenden Antisemiten und Homohasser, dann stempelt das Portal fünf kirchliche Würdenträger, deutsche Kardinäle und Bischöfe, mit dem Hakenkreuz, weil sie die von der katholischen Kirche als tabu geltende „Pille danach“ im Falle einer Vergewaltigung als gerechtfertigt erklären. Dies sind nur zwei der jüngsten Fehltritte dieser rechtsgerichteten, konservativ-katholischen Internetseite. Von Seriosität und Glaubwürdigkeit ist bei Gloria.tv schon lange keine Rede mehr.

Die Seite ist juristisch in Moldawien angesiedelt. Offenbar aber sitzen alle Drahtzieher in ein und derselben Gemeinde in der Schweiz: das beschauliche Tujetsch am hintersten Ende des Surselva. Dorfpfarrer Reto Nay ist Seelsorger in der Gemeinde und wird als Hauptgründer von Gloria.tv angesehen. Unterstützt in der Seelsorge und ebenso im Unterhalt von Gloria.tv wird Nay von Pfarrer Markus Doppelbauer aus dem oberösterreichischen Grieskirchen. Dessen Schwester Eva Maria Doppelbauer moderiert die täglichen Neuigkeiten auf Gloria.tv. Markus Doppelbauer gibt als Anschrift Cadruvi 4 an, das Sedruner Pfarramt. Mit im Boot sitzt die Rumänin Doina Buzut, gemeldet in Lugano, gemäss Handelsregisterauszug jedoch Zeichnungsberechtigte bei Gloria.tv mit der Anschrift Bahnhofstrasse 18 in Ilanz. Dabei handelt es sich offenbar um die Adresse von Reto Nays Eltern. Somit ist davon auszugehen, dass der eigentliche Sitz von Gloria.tv in der Schweiz liegt und dass die Inhalte auch dort produziert werden.

Nun kommt der Oberhirte des Bistums Chur ins Spiel: Bischof Vitus Huonder, von den unsäglichen Misstritten bei Gloria.tv in Kenntnis gesetzt, hat sich an Reto Nay gewendet und ihn aufgefordert, er soll den Hakenkreuz-Beitrag entfernen lassen und sich schriftlich davon distanzieren, worauf letzterer behauptete, er hätte keinen Einfluss auf die Beiträge der englischen Version von Gloria.tv (dort ist das Hakenkreuz-Video aufgetaucht), da „der rechtliche Sitz in Moldawien liegt“ (Stellungnahme von Bischof Vitus Huonder).

Reto Nay behauptete demzufolge, dass er „nichts weiter unernehmen kann“… Oder wohl besser gesagt: nicht will. Zwar betont Vitus Huonder, dass er es nicht dulde, dass Mitarbeiter in seinem Bistum volksverhetzendes Gedankengut verbreiten, und am Nachmittag des 11. März 2013 forderte der Bischof laut Medienmitteilung den Gloria.tv-Sitz in Moldawien auf, „sämtliche mit seiner Person im Zusammenhang stehende Audio- und Video-Beiträge sofort zu löschen und vom Server zu nehmen. Dies gelte insbesondere für alle Beiträge, die Verantwortliche von gloria.tv produziert haben. Der Grund sei, dass Gloria.tv einige seiner bischöflichen Mitbrüder in schwerwiegender Weise verunglimpft.“

Und jetzt täte Bischof Vitus Huonder gut daran, sich den Herrn Nay und seine Kumpanen vorzuknöpfen, denn er kann nicht die Augen davor verschliessen, dass Mitarbeiter in seiner nächsten Nähe für solche Scheusslichkeiten verantwortlich sind! Es kann mir keiner weismachen, dass Pfarrer Reto Nay nicht die Inhalte von Gloria.tv beeinflussen kann. Der Tujetscher Pfarrer hat seinerzeit auch auf dem abgeschalteten Portal Kreuz.net publiziert. Zudem hat sich abgezeichnet, dass auf der rechtswidrigen Internetseite damals zahlreiche hetzerische Beiträge anderer Urheber aus dem Bistum Chur veröffentlicht worden sind. Und immer blieb der Bischof untätig und distanzierte sich bestenfalls, anstatt aktiv zu werden.

UPDATE vom 13. März 2013: Pfarrer Reto Nay ist am Abend des 13. März von der Gemeinde Tujetsch fristlos entlassen worden.

UPDATE vom 15. März 2013: Meldung des Bistums Chur: „Der Bischof von Chur, Msgr. Vitus Huonder, hat mit Datum vom 15. März 2013 den Pfarradministrator von Tujetsch (Sedrun), sur Dr. Reto Nay, des Amtes enthoben.“ Markus Doppelbauer indes muss laut Medienmitteilung das Bistum Chur verlassen. Er wird von Bischof Wolfgang Haas vom Erzbistum Vaduz, dem Doppelbauer angehört, abgezogen.

UPDATE vom 18. März 2013: Noch am Abend seiner Amtsenthebung liess Pfarrer Reto Nay auf Gloria.tv eine Stellungnahme in Form eines Interviews veröffentlichen. Darin sieht er sich als Opfer einer „deutschen Hexenjagd“, welche von „zwei homosexuellen Aktivisten“ aus Deutschland eingeleitet worden sei (was übrigens nicht zutreffend ist, denn hinter der Bewegung stehen mehrere homo- und nichthomosexuelle Personen, die gemeinsam der unchristlichen Hetzterei rechtskatholischer Fanatiker Einhalt gebieten wollen). Selbst in diesem Interview distanziert sich der ehemalige Sedruner Pfarrer in keiner Weise von der Verwendung der Hakenkreuze im genannten Beitrag der englischsprachigen Gloria.tv-Version. Im Gegenteil: Nay rechtfertigt dieses Vorgehen mit haltlosen Argumenten und meint „wer die Tötung neu-gezeugter Kinder erlaubt, darf nicht zimperlig (sic!) sein“. Reto Nay stellt somit die Entfernung einer befruchteten Eizelle mit dem Mord an Millionen in einen Kontext.

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