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Nirgends lässt es sich unter vielen Menschen so schön alleine sein wie in einem Wiener Kaffeehaus. In einem echten. Und damit meine ich eines, welches sich den angelesenen Kenntnissen eines Touristen entzieht. Ein Café also, in dem man vorwiegend die einheimische Bevölkerung trifft. Und mich.

Ich kann mich wiederholt mit Leidenschaft in stundenlangem Kaffeehaus-Hopping üben, erst recht wenn der Himmel weint. Was ich da so beobachte, ist eh heiter genug. Köstlich, wenn sich nebenan zwei ältere Damen mit Pelzhut aus der Wiener Vorstadt auf die wunderbar abgenutzte Sitzgarnitur aus den 50er-Jahren sinken lassen und bei einem kleinen Braunen und Esterhazy-Torte mit Schlag über alles schimpfen, was sonst keinen interessiert. Die Wiener sind nämlich nur zufrieden, wenn sie was zu raunzen haben. Unweit davon ein Herr mit altmodischer Kleidung, vor ihm seit zwei Stunden dieselbe Tasse Kaffee, aus welcher er alle 15 Minuten einen kleinen Schluck nimmt, ohne dabei hinter seiner Zeitung hervorzublicken, welche fein säuberlich auf den Bugholzhalter aus dem vorigen Jahrhundert gespannt ist.

Besonders köstlich: die Szene neulich im Café Korb – eine Raucherhölle zwar, aber die Schnitzel sind ein Gedicht. Am Nachbartisch lässt sich ein jüngeres Pärchen nieder. Keine Wiener, aber Österreicher (Wiener sind keine Österreicher, sondern Wiener!). Von ihren Vorgängern steht noch sämtliches benutztes Geschirr auf dem Tisch. Beide fangen an, den Tisch freizumachen, indem sie alles auf den Nachbartisch rüberstellen. Und dann kommt der Herr Ober, siehts und herrscht die beiden an: «Des is mei Tschopp, des moch i scho söba!» Die beiden ganz perplex und hilflos, weil der Meinung, sie hätten nichts Falsches getan. Herr Ober aber beharrt darauf, dass das Abräumen des Tisches nicht in der Kompetenz der Gäste liegt und zieht grantig mit ein paar leeren Tassen ab.

Das Beispiel demonstriert auf deutliche und zumindest für mich höchst amüsante Weise, dass die alteingesessenen Ober in einem klassischen Wiener Kaffeehaus bis zum heutigen Tage eine besondere Spezies geblieben sind. Sie sagen, wo es lang geht in ihrem Reich. Der Gast wird bestenfalls geduldet, und – wenn er dem ehrwürdigen Personal aus irgendeinem Grund nicht sympathisch ist – höflichst ignoriert. Aber das war eben schon immer so, und so soll es auch bleiben. Auch wenn schon so manch Unkundiger rat- und sprachlos ob des Obers Reaktion das Weite gesucht hat mit der Überzeugung, hier bestimmt nie wieder nicht bedient werden zu wollen.

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