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Kaum ist der letzte Ton des vergangenen Neujahrskonzerts verklungen, so steht schon die nächste Ausgabe vor der Tür. Zumindest so der Eindruck – schnelllebige Zeit. Beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2020 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins steht mit Andris Nelsons (*1978) ein verhältnismässig sehr junger Dirigent am Pult. Der Lette leitet das Leipziger Gewandhausorchester und ist Direktor des Boston Symphony Orchestra.

Nelsons beweist einen recht guten Geschmack, was die Stückwahl betrifft: Mit Carl Michael Ziehrer, Hans Christian Lumbye und Franz von Suppé kommen heuer wieder drei für die U-Musik des 19. Jahrhunderts wichtige, zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene Komponisten zum Zug. Schön auch, dass Eduard Strauss gleich mit zwei Stücken vertreten ist.

Und anlässlich seines 250. Geburtstages findet diesmal Ludwig van Beethoven als „Exot“ Niederschlag im Programm. Schade, dass Joseph Lanner auch heuer wieder aussen vor bleibt. Es hat einige Novitäten im Programm, das recht ausgeglichen daherkommt.

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Am Neujahrskonzert 2020 werden gespielt:

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1. Carl Michael Ziehrer – Ouvertüre zur Operette „Die Landstreicher

Wienerischer könnte das Programm nicht beginnen, tolle Wahl! „Die Landstreicher“ war Ziehrers erfolgreichste Operette, das ganze Stück strotzt nur so von Melodienreichtum, der sich bereits in der Ouvertüre so richtig entfaltet. Die Erstaufführung der Operette erfolgte am 29. Juni 1899 im Sommertheater „Venedig in Wien“ unter persönlicher Leitung Ziehrers. Im „Extrablatt“ stand unter anderem zu lesen: „…wienerisch ist die Operette vom Anfang bis zum Ende, und sie hat schon gestern im Sturm die Sympathien und den immer mit neuer Macht losbrechenden Beifall errungen. Ziehrer hat aber auch zur Durchführung seiner flotten Musik die entsprechenden Kräfte gefunden.“

2. Josef Strauss – Liebesgrüsse; Walzer op. 56

Mit beschwingter, lebensbejahender Tonmalerei à la Pepi gehts weiter. Der vergleichsweise einfach gehaltene, aber sehr gefällige Walzer wird zum ersten Mal im Rahmen eines Neujahrskonzertes gespielt. Er wurde am 1. Juni 1858 im Volksgarten zum im Zuge eines Festes mit Feuerwerk uraufgeführt. Zeitungsberichten zufolge verlangte das Publikum nach mehrmaliger Wiederholung der „Liebesgrüsse“. Über ein Jahr lang blieb das Werk im regelmässigen Repertoire der Strauss-Kapelle. Und auch später erklang der Walzer bei Gelegenheit immer mal wieder.

3. Josef Strauss – Liechtenstein-Marsch; op. 36

Man bleibt beim selben Komponisten. Dieser lebendige Marsch aus seiner frühen Schaffensphase hat Josef Strauss anno 1857 für eine Landwirtschaftsausstellung in Ungers Casino in Hernals geschrieben. Gewidmet ist das Stück dem Prinzen August Liechtenstein, welcher der organisierenden Gesellschaft vorstand. Die Ausstellung fand anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Gesellschaft statt.

4. Johann Strauss (Sohn) – Blumenfest-Polka; op. 111

Ähnliche Hintergründe wie das vorige Stück hat auch die Blumenfest-Polka von Pepis Bruder Johann. Die kurze, neckische Polka hat er im Jahre 1852 geschrieben für ein vom Kaiserhof organisiertes Blumenfest im Glashausgarten, dem heutigen Burggarten. Die Uraufführung jedoch erfolgte bereits einige Tage zuvor an einem Frühlingsfest im Volksgarten anlässlich des Namenstages von Erzherzogin Sophie.

5. Johann Strauss (Sohn) – Wo die Citronen blüh’n; Walzer op. 364

Opus 364 gehört zweifelsohne zu den bezauberndsten und allerschönsten Geniestreichen Johanns, und er ist immer ein Höhepunkt in einem Neujahrskonzert-Programm. Komponiert anlässlich einer Italien-Reise anno 1874, nannte Strauss sein Werk vorerst „Bella Italia“ und führte es im Mai besagten Jahres in Turin zum ersten Mal auf. Später änderte Strauss den Titel. Der sagenhafte Melodienreichtum dieses Walzers ist eine wundervolle Hommage an das Land, wo die Zitronen blühen.

6. Eduard Strauss – Knall und Fall; Polka op. 132

Der Titel verspricht bereits, was die Polka beinhaltet: ein temporeiches kleines musikalisches Feuerwerk aus dem Jahre 1855. Und das ist es auch, mit viel Witz und Charme vertont Edi das „Schlagartige“, „Unverhoffte“, „Plötzliche“ und beendet damit den ersten Konzertteil.

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—— PAUSE ——

(25-minütiger Pausenfilm über Ludwig van Beethoven anlässlich dessen 250. Geburtstages)

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7. Franz von Suppé – Ouvertüre zu „Leichte Kavallerie“

Es ist ein Jammer, dass die Suppé-Operetten (fast) alle vergessen sind. Immerhin haben die meisten Ouvertüren die Zeit überdauert und werden heute noch immer gespielt. Diese hier ist mit Abstand die bekannteste von ihnen. Eine nette Wahl für dieses Programm und eine würdige Eröffnung des zweiten Konzertteils mit hellen Fanfarenstössen. 1866 wurde die Operette in Wien uraufgeführt.

8. Josef Strauss – Cupido; Polka op. 81

Diese reizende, aber unspektakuläre Polka war eine von mehreren Nummern, die Josef Strauss während der Faschingszeit 1860 komponiert hat. Sie befand sich unter den Darbietungen am Künstlerball vom 22. Februar genannten Jahres im Etablissement Sperl. Der Titel insinuiert eine Reminiszenz an die süsse Begierde, respektive an den Liebesgott Amor. Die Platzierung ist wohlgwählt, zumal die Polka zu einem anspruchvollen sinfonischen Meisterwerk von Bruder Johann überleitet.

9. Johann Strauss (Sohn) – Seid umschlungen, Millionen; Walzer op. 443

Dieser sehr melodiöse, wundervolle Konzertwalzer mit seinem ungmein verträumten Hauptthema ist allein insofern eine Besonderheit, als er dem grossen Johannes Brahms (1833-1897) gewidmet ist, einem von Strauss‘ prominentesten Bewunderern. Nach einigem Hin und Her, wo und wann der Walzer zum ersten Mal gespielt werden sollte, erklang er schliesslich am 27. März 1892 genau da, wo wir ihn jetzt hören – im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, damals interpretiert von Eduard Strauss‘ Kapelle, von dem denn auch das nächste Stück stammt.

10. Eduard Strauss – Eisblume; Mazurka op. 55

Endlich erleben wir Eduard Strauss im Rahmen eines Neujahrskonzertes einmal im Dreivierteltakt – auch wenn es nicht ein Walzer, sondern „nur“ eine gemächliche Mazurka ist. „Eisblume“ mit einem lieblichen Hauptthema in Moll hat Eduard anlässlich der Eröffnung des Wiener Musikvereins im Jänner 1870 geschrieben. Die Inbetriebnahme des neuen Gebäudes von Theophil Hansen erfolgte am 6. Jänner, der grosse Eröffnungsball mit den Widmungskompositionen stieg am 13. Jänner. Kam „Eisblume“ von Eduard Strauss, so steuerte Johann den Walzer „Freut euch des Lebens“ und Josef die Polka „Künstler-Gruss“ bei. Auf der Titelseite der Notenpartitur von „Eisblume“ ist explizit vermerkt: „zum Eröffnungsballe“.

11. Joseph Hellmesberger (Jun.) – Gavotte

Es ist mir ja ein grosses Anliegen, dass auch die weniger bekannten Wiener an den Neujahrskonzerten zum Zug kommen. Aber warum die beiden Hellmesbergers in den vergangenen Jahren einen fixen Platz im Programm gepachtet zu haben scheinen, dünkt mich nun doch etwas merkwürdig, zumal es noch viele andere vergessene Komponisten gibt, die neue Aufmerksamkeit verdienten. Wie auch immer, an der Musik der Hellmesbergers gibt’s nicht auszusetzen. Die nicht näher definierte Gavotte knüpft stimmungsmässig an die vorherige Nummer an und funktioniert als beschauliches, nicht typisch wienerisches Intermezzo.

12. Hans Christian Lumbye – Postillon-Galopp; op. 16

Wienerischer als Hellmesberger gibt sich der „Strauss des Nordens“ mit dieser rasanten Galoppe. Schön, dass der Däne erneut einen Platz im Programm findet. Nächstes Mal bitte mit einem Walzer!

13. Ludwig van Beethoven – Zwölf Contretänze“; WoO 14

Dass mit Beethoven einer der Hauptvertreter der Wiener Klassik Eingang ins Programm findet, ist stilistisch selbstverständlich absolut abwegig. Aber da der Komponist 2020 seinen 250. Geburtstag feiert, liegt der Grund für die Wahl auf der Hand. Schliesslich handelte bereits der Pausenfilm von Beethoven.

14. Johann Strauss (Sohn) – Freuet euch des Lebens; Walzer op. 340

Nach „Eisblume“ hören wir nun eine weitere der damaligen Widmungskompositionen für den Eröffnungsball des Wiener Musikvereins. Strauss geht etwas fulminanter ans Werk als Eduard, so eröffnet das Intro mit festlichen Paukenschlägen. Warum der Walzer nach seiner Uraufführung ziemlich schnell der Vergessenheit anheim geraten ist, bleibt ein Rätsel, zumal er sich qualitativ von vielen anderen Strauss-Walzern abhebt. Immerhin hört man den Walzer heutzutage immer mal wieder. Eine schöne Wahl.

15. Johann Strauss (Sohn) – Tritsch-Tratsch-Polka; op. 214

Weniger einfallsreich ist diese Nummer, obschon die Polka aus dem Jahre 1858 stets ein Gute-Laune-Garant ist und das Publikum mitreisst. Aber irgendwie ist das Stück gerade wegen seiner Popularität alles andere als eine Überraschung auf dem Programm eines Neujahrskonzerts. Hier hätte sich etwas Anderes besser gemacht.

16. Josef Strauss – Dynamiden; Walzer op. 173

Viel spannender ist dieser Walzer, mit dem das offizielle Programm seinen Schluss findet, auch wenn das Stück erst gerade noch 2014 unter Daniel Barenboim gespielt worden ist. Die Dynamiden – „geheime Anziehungskräfte“ – sind eine Anreihung bezaubernder Walzermelodien, für die Josef Strauss hörbar aus dem Vollen geschöpft hat. Es war das Widmungswerk für den Industriellenball in den Redoutensälen und wurde da am 30. Januar 1865 uraufgeführt.

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Es folgt nach der ersten Zugabe („Im Fluge“; Polka op. 230 von Josef Strauss) und dem traditionellen Neujahrsgruss der Walzer „An der schönen blauen Donau“ sowie der Radetzky-Marsch von Johann Strauss (Vater). Letzterer erfährt in diesem Jahr eine Premiere: Der Marsch wird erstmals in einem Neuarrangement gespielt. Der Grund: Die bisherige Version stammt von Leopold Weininger (1879-1940). Der deutsch-österreichische Musiker war Antisemit sowie überzeugtes Mitglied der NSDAP und bearbeitete fleissig NS-Liedgut. Nun haben sich die Wiener Philharmoniker entschieden, das Arrangement des Radetzky-Marsches mit so unrühmlich braunem Hintergrund nicht mehr zu verwenden. Ein Zug, der schon lange überfällig war…

Was schon feststeht: Das Neuhajrskonzert 2021 wird dirigiert von keinem Geringeren als Riccardo Muti.

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Op. 364 von Johann Strauss Sohn gehört zu seinen bezauberndsten Walzerthemen. „Wo die Citronen blüh’n“ hatte ursprünglich „Bella Italia“ geheissen. Anlässlich einer Reise nach Italien hat Strauss dieses Meisterwerk geschrieben. Die Uraufführung fand denn auch noch auf dieser Reise statt, im Mai 1874 im damals prachtvollen Teatro Regio in Turin. Folgend das Hauptthema als Pianoversion:

 

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Es ist ein Jammer, wie eine Unmenge an bezaubernder Musikliteratur in den Archiven dieser Welt auf Nimmerwiedersehen verstaubt. Von Oscar Fetrás etwa kennt man lediglich noch „Mondnacht auf der Alster“ , die „Uhlenhorster Kinder“ oder den „Hindenburg-Marsch“. Aber was ist beispielsweise mit den umwerfenden „Harvestehuder Schwalben“? Youtube liefert lediglich eine verstaubte Grammophon-Aufnahme aus alter Zeit. Anhand dieser habe ich versucht, den Walzer auf dem Klavier nachzuspielen, ohne mich dabei verbissen ans Original zu halten. Was ist daraus geworden? Sehen/hören Sie selbst:

 

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Zweifelsohne ist die Operette „Im Weissen Rössl“ eines der erfolgreichsten Bühnenstücke der silbernen Ära. Viel Klamauk und unsterbliche Melodien haben den Dreiakter zum heute noch vielaufgeführten Kassenschlager gemacht. Stark mit beteiligt am Erfolg war kein geringerer als Robert Stolz, der mit „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ und „Die ganze Welt ist himmelblau“ zwei der prägendsten Musiknummern in Ralph Benatzkys Operette beigesteuert hat.

Aber – wie unfair: Robert Stolz blieben die ihm zustehenden Tantiemen für seine beiden Piecen verwehrt. Stolz machte Benatzky dafür verantwortlich und soll diesen fortan despektierlich „Benutzky“ genannt haben. So ist es zumindest anekdotisch überliefert. Doch soll nicht Benatzky selbst für diese unrühmliche Begebenheit verantwortlich gewesen sein, sondern der Bühnenregisseur und „Produzent“ Erik Charell, welcher die Verträge perfiderweise so aufsetzen liess, dass er selbst als Besitzer der Rechte an der Musik notiert ist. Charell persönlich gab bei Stolz die zwei Nummern in Auftrag und spies diesen mit einem einmaligen Honorar ab. Robert Stolz ging nach eigener Aussage davon aus, dass diese beiden Stücke nur für die Aufführungen in Berlin gedacht seien. Einen Prozess gegen Charell in dieser Sache aber verlor Stolz.

Ob der Term „Benutzky“ nun tatsächlich auf Robert Stolz‘ Mist gewachsen, oder ob dies lediglich Legendenbildung ist – mit „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ hat Meister Stolz sich einmal mehr ein musikalisches Denkmal gesetzt, dass der Welt nie mehr aus den Ohren gehen wird.

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Es gibt nichts Schöneres, als vergessene Musik aus dem Dunkel der Archive zu holen. Vom Hamburger Komponisten Oscar Fetrás kennt man heute fast ausschliesslich noch die „Mondnacht auf der Alster“. In jüngster Zeit gab es neue Einspielungen von ein zwei weiteren Werken, beispielsweise „Uhlenhorster Kinder“. Fetrás besticht mit wahrlich bezaubernden Melodien, so süss und lieblich wie kaum ein anderer Deutscher Komponist es je hervorbrachte. Eine alte, schäbige Aufnahme von Opus 10, „Goldschmieds Töchterlein“, veranlasste mich, das Stück auf dem Piano nach Gehör nachzuspielen – wenigstens annähernd. Somit haben wir ein weiteres Werk diese begabten Musikers neu verfügbar. On es Piano-Noten davon gibt? Keine Ahnung, aber bestimmt irgendwo…

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Die Operette Frau Luna ist die bekannteste von Paul Lincke. Der Berliner Komponist war wahrhaftig begnadet. Leider viel zuwenig kennt man heute noch von ihm. Dieses bezaubernde Walzerlied stammt aus der Szene, in der die vier Berliner Genossen in ihrem Ballon zum Mond fahren.

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Franz Lehár gehört zu meinen top Favoriten in der Sparte der leichten Unterhaltung. Der Mann war beispiellos schaffenskräftig und einfallsreich. Nur wenige Komponisten in der Geschichte haben eine vergleichbare Zahl an Melodien geschrieben, die den Status der Unsterblichkeit erlangt haben. Lehár war zudem besonders stark bei Walzern, weshalb ich hier 13 der für mich schönsten Beispiele auf Klavier gespielt und zu einem Bouquet zusammen geschustert habe.

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