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Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2019 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins wird zum ersten Mal von Christian Thielemann (*1959), Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dirigiert. Mit einem neuen Gesicht an der Front steigt auch immer die Hoffnung auf „neuen Wind“ im Programm. Thielemann, gebürtiger Berliner, erfüllt diese Erwartung zwar nicht unbedingt in der Varietät der gespielten Komponisten, dafür aber hinsichtlich erstmals in diesem Rahmen intonierter Raritäten, es sind deren sechs. Während Joseph Lanner und Johann Strauss Vater heuer (leider!) gänzlich fehlen im offiziellen Programm, räumt Thielemann dafür dem jüngeren Joseph Hellmesberger und Eduard Strauss je zwei Plätze ein. Warum die beiden vergleichsweise wenig bedeutenden, aber wohltalentierten Hellmesbergers Junior und Senior in den letzten Jahren so regelmässig zum Zug kommen an den Neujahrskonzerten, darüber kann man nur rätseln. Alles in allem erwartet uns aber ein recht spannendes, solides Programm mit mehreren seltenen Perlen und immerhin zwei wohlbekannten, wunderbaren Konzertwalzern, derer man nie überdrüssig werden kann.
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Am Neujahrskonzert 2019 werden gespielt:

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1. Carl Michael Ziehrer – Schönfeld Marsch; op. 422

Das Konzert startet gleich mit einer bombastischen Nummer: Der „Freiherr von Schönfeld-Marsch“, wie das Stück mit vollem Namen heisst, gehört nach Ansicht des Autors nicht nur zu den hinreissendsten Märschen, die jemals geschrieben worden sind, sondern es ist eine der berühmtesten Marschkompositionen im deutschsprachigen Raum. Seit 1920 ist es der offizielle Regimentsmarsch der österreichischen Armee. Ziehrer hat den Marsch für den österreichischen Generalstabchef Anton von Schönfeld (1827-1898)  geschrieben. Als dieser nach längerem Ausbleiben der Komposition bei Ziehrer nachhakte, soll dieser erschrocken gerufen haben: „Mein Gott, das habe ich total vergessen!“ Gleich darauf soll sich Ziehrer ans Klavier gesetzt und in Windeseile, jedoch mit genialer Eingebung, den Marsch skizzenhaft komponiert und ihn sofort zur Instrumentierung gegeben haben.

2. Josef Strauss – Transactionen; Walzer op. 184

Ein exzellenter Walzer mit einer für Josef Strauss sehr typischen, wunderbar tonmalerischen Introduktion und einem recht einfachen, aber umso wirkunsvolleren Hauptthema. Woher die Namensgebung rührt, bleibt unklar, zumal die original Partitur Amor zeigt, der die Hände zweier Liebenden vereint, was nicht wirklich etwas mit Börsen-„Transactionen“ zu tun hat. Pepi Struss schrieb diesen Walzer kurz vor seiner Abreise in einen Erholungsurlaub. Die Uraufführung erfolgte am 2. August 1865 im Volksgarten.

3. Joseph Hellmesberger (Jun.) – Elfenreigen, ein Charakterstück

Diese schön arrangierte, sehr kontrasreiche Komposition war bereits im Jahre 2007 im Programm des Neujahrskonzerts. Es vertont den leichten, beschwingten Tanz zarter Feenwesen. Eine willkommene „Erleichterung“ nach dem anspruchsvollen Walzer von Josef Strauss.

4. Johann Strauss (Sohn) – Express-Polka; op. 311

Diese nette kleine Polka, die jedoch nicht unbedingt zu den einfallreichsten Glanzstücken des Komponisten gehört, diente zur Zeit ihrer Entstehung als kleiner Aufsteller-Versuch für das Volk. Erst zuvor nämlich hatte Österreich seine verheerende Niederlage in der Schlacht bei Königgrätz erlitten mit grossen menschlichen Verlusten. Die Stimmung im Lande war denkbar getrübt. Über vier Monate nach dem Rückschlag, am 18. November 1866, spielten die Strauss-Brüder erstmals wieder auf und wagten den Versuch, das Volk mit Novitäten aus der Lethargie zu locken. Die Express-Polka war einer der Beiträge, welche an diesem Konzert im Volksgarten mit viel Begeisterung aufgenommen wurden.

5. Johann Strauss (Sohn) – Nordseebilder; Walzer op. 390

In den Jahren 1878 und 1879 weilte Johann Strauss in Norddeutschland und erholte sich an der frischen Nordseeluft, unter anderem auf der Insel Föhr. Inspiriert von der charakteristischen Landschaft, von der angenehmen Rauheit des Klimas und des Wetters schrieb Strauss ein wahres Meisterwerk nieder, ein symphonisches Tongemälde allererster Qualität, das die sanften bis wilden Wellen der kühlen Nordsee umschreibt. Dies beginnt bereits mit der bezaubernden Einleitung, die schliesslich in eines der hinreissendsten Walzerthemen Strauss‘ übergeht. Im Herbst 1879 wurde „Nordseebilder“ in Wien uraufgeführt. Das Publikum war so elektrisiert, dass Strauss den Walzer mehrmals wiederholen musste.

6. Eduard Strauss – Mit Extrapost; Galopp op. 259

Es freut, dass der „schöne Edi“ noch im ersten Teil des Konzerts zu Ehren kommt, denn er wird – oft zu Unrecht – stiefmütterlich behandelt im Vergleich zu seinen Brüdern. „Mit Extrapost“ ist eine zackige, temporeiche Galoppe mit sehr gefälligen Passagen, die nichts als gute Laune bereiten. Leider ist die Stückwahl nicht besonders einfallsreich, zumal die Galoppe schon mehrmals an einem Neujahrskonzert gespielt worden ist. Wann endlich setzt sich ein Dirigent intensiver mit Eduards Oeuvre auseinander und erkennt mit dem nötigen Sachverstand, was es hier für wahre Juwelen zu bergen gibt? Und zwar nicht nur Galoppen und Polkas, auf die der Edi seit jeher beschränkt wird. Man vermisst seine grandiosen Walzer.

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—— PAUSE ——

(Film zu 150 Jahren Wiener Staatsoper)

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7. Johann Strauss (Sohn) – Ouvertüre zu „Der Zigeunerbaron

Mit slawisch anmutenden Takten gehts in den zweiten Teil: Das Eröffnungsstück von Strauss‘ dritterfolgreichster Operette ist ein vielschichtiges, dynamisches Meisterwerk mit viel Feuer – v.a. in der zweiten Hälfte – und ebenso ruhigen wie beschwingten Motiven, die Wohlbekanntes zitieren. Die Operette wurde im Oktober 1885 im Theater an der Wien uraufgeführt. Die Wahl der Ouverture als Einstig in den zweiten Teil des Neujahrskonzerts ist sicher passend.

8. Josef Strauss – Die Tänzerin; Polka op. 227

Eine kleine Trouvaille, selten gehört, da lange Zeit vergessen. Josef Strauss schrieb diese liebliche Polka vermutlich für ein von Carl Schwender organisiertes Park-Konzert in der „Neuen Welt“ in Hietzing im Juni 1867. Es ist davon auszugehen, dass die relativ einfache Polka nicht der Hit des Tages war. Aufzeichnungen zufolge wurde sie nach dem Konzert nur noch einige wenige Male aufgeführt und war bald ganz vergessen. Schön, dass sie hier eine Reinkarnation in populärem Rahmen erlebt.

9. Johann Strauss (Sohn) – Künstlerleben; Waler op. 316

Einer von Strauss‘ meistgespielten Konzertwalzern, der seine Wirkung nie verfehlt und dem auch immer wieder ein Platz im Neujahrskonzertprogramm gebührt. Der Walzer wird hier beschrieben.

10. Johann Strauss (Sohn) – Die Bajadere; Polka op. 351

Diese Wahl ist insofern etwas rätselhaft, als diese im Gesamtwerk von Strauss eher unbedeutende, wenn auch neckische Polka in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits dreimal Teil des Programms war. Die Polka zitiert Passagen aus Strauss‘ ersten, wenig erfolgreichen Operette „Indigo und die 40 Räuber“. Die Musik hingegen, darunter auch diese Polka kamen beim Publikum gut an. Im Juni 1871 wurde sie im Volksgarten erstmals konzertant aufgeführt. Dennoch hätte man sich an dieser Stelle etwas Einfallsreicheres gewünscht.

11. Eduard Strauss – Opern-Soirée; Polka op. 162

Nun noch eine Polka von Edi, kompositorisch keine Meisterleistung (er konnte es viel besser), aber immerhin eine Neujahrskonzert-Novität. Im Dezember 1877 gaben Eduard und Johann im Rahmen einer Opern-Soirée ihr erstes gemeinsames Konzert mit den Wiener Philharmonikern. Als Eduard seine neue, entsprechend benannte Polka anstimmte, sollen der überlieferung zufolge schnurstracks alle Sessel zur Seite geräumt geworden sein, damit das begeisterte Publikum dazu tanzen konnte. Der anwesende Kaiser Franz Joseph soll darob nicht sonderlich begeistert gewesen sein.

12. Johann Strauss (Sohn) – Eva-Walzer nach Motiven aus „Ritter Pásmán“

Mit Hörnern und Fanfaren eröffnet das Stück, das keine Opus-Nummer trägt. Der Eva-Walzer ist ein musikalisches Exzerpt aus der einzigen Strauss-Oper, mit welcher der Komponist im Januar 1892 leider grandios scheiterte – der Versuch, sich „ernster Musik“ zuzuwenden, er gelang nicht. Der Eva-Walzer war eines der wenigen Stücke dieser komischen Oper, das von den Kritikern gelobt wurde. Zu recht, denn der vergleichsweise kurze Walzer überzeugt mit bezaubernden Sequenzen, die zwar so gar nicht strauss-typisch, aber dem Gemüt sehr zuträglich sind.

13. Johann Strauss (Sohn) – Csárdás aus „Ritter Pásmán“; op. 441

Auch dieser Csárdás gehört zu den wenigen erfolgreichen Musikteilen der Oper. Hier wird Strauss sehr „ungarisch“. Die erste Hälfte des Stückes ist allerdings reht langatmig, bevor es dann endlich das temperamentvolle slawische Feuer entwickelt.

14. Johann Strauss (Sohn) – Egyptischer Marsch; op. 335

Als Strauss in den Sommermonaten von 1869 wieder im Russischen Pawlowsk weilte, schrieb er diesen interessanten Marsch, der vom Publikum ausserordentlich gut angenommen wurde. Strauss benannte seinen „Egyptischen Marsch“ (sic!) für das Folgekonzert in „Tscherkessen-Marsch“ um. Auch in Wien wurde das Stück erst mit diesem Namen verlegt, später dann aber wieder zum Originalnamen zurückgeführt. Grund war mit Sicherheit die Eröffnung des Suezkanals, und da die Strauss-Brüder ihre Werke ja oft mit wichtigen Ereignissen in Verbindung brachten, bot sich der Name „Egyptischer Marsch“ natürlich wieder bestens an – gscheites „Marketing“ halt.

15. Joseph Hellmesberger (Jun.) – Entr’acte Valse

Mit den Hellmesbergers haben sie’s wirklich in den letzten Jahren. Die Entr’acte-Valse ist ein weitgehend vergessenes Stück, das vermutlich seit Jahrzehnten nie mehr in einem grösseren Rahmen aufgeführt worden ist. Es taucht einizig in einigen wenigen Programmen aus dem frühen 20. Jahrhundert auf – vornehmlich in Amerika. Das Werk trägt keine Opusnummer. Man kann gespannt sein, wie die Philharmoniker diese Perle mit höchstem Seltenheitswert interpretieren.

16. Johann Strauss (Sohn) – Lob der Frauen; Mazurka op. 315

Für das „schwache Geschlecht“ hatte der Schani sehr viel übrig, was sich auch in mehreren Kompositionen niederschlug. Mit dieser Mazurka als Widmung an die Frau wollte er das Volk aus einer Lethargie holen, welche sich durch politische Unruhen und Spannungen breit gemacht hatte. Die bittere Niederlage der Donaumonarchie nach der Schlacht bei Königgrätz lag noch nicht lange zurück. Strauss schaffte die Aufheiterung erwartungsgemäss am Konzert im Volksgarten vom 17. Februar 1867. Das Publikum war  hingerissen von dieser gemütlichen Mazur.

17. Josef Strauss – Sphärenklänge; Walzer op. 235

Dieser fantastische Konzertwalzer, der einer von Pepis grössten Würfen geworden ist, war ursprünglich eine übliche Widmungskomposition – und zwar für den Medizinerball anno 1868 in den Sofiensälen, wo Strauss denn auch als Balldirektor fungierte. Zu recht gilt der Walzer als eines der grossartigsten Tongedichte der Wiener U-Musik. Die Kritiken nach der Uraufführungen waren denn auch hervorragend, was die Musik betrifft. Moniert wurde hingegen der Titel, welcher nach Auffassung der Kritiker der Güte der Musik nicht gerecht werde… Wir sehen das anders: Der Walzer ist so bezaubernd schön, dass er die Hörerschaft in andere Sphären hebt. Ein Stück, das im Programm eines Neujahrskonzertes nie eine falsche Wahl sein kann. Mit den „Sphärenklängen“ verklingt das offizielle Programm 2019.

Angekündigte Zugabe: Johann Strauss (Sohn) – Im Sturmschritt; Polka op. 348

Eine Melodie, welche vielen vertraut vorkommen dürfte: „Im Sturmschritt“ ist eine gerne aufgeführte Komposition, die durch und durch gute Laune macht. Strauss verarbeitete einiges von der Musik aus seiner Operette „Indigo und die 40 Räuber“ zu Konzertstücken. Bei dieser Polka dürfte er sich von der Rasanz von Jacques Offenbachs „Can can“ inspiriert haben lassen. Die Wiener Uraufführung erfolgte an einem Mai-Konzert im Jahre 1871 im Volksgarten.

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Wie es Tradition ist, verklingt auch das Neujahrskonzert 2019 mit „An der schönen blauen Donau“ und dem Radetzky-Marsch – Letzterer wie immer im Bierzelt-Modus.

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Eine Ziehrer-Melodie macht der Kenner sofort aus. Dieses wunderschöne Quodlibet aus dem „Fremdenführer“ trägt besonders deutlich die Handschrift des Meisters. Die Textstelle „s’Gibt kein grösseres Vergnügen, als im Walzer hinzufliegen“ ist wohl populärer mit den Worten „Wenn als Wiener du geboren, hast du Glück g’habt in der Tat…“

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Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2017 wartet mit einer Neuheit auf – Dirigent Gustavo Dudamel gibt sein Neujahrskonzert-Debut, und er ist mit seinen 35 Jahren der jüngste, welcher am 1. Jänner im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins je den Takt angab. Man darf gespannt sein, auch wenn Eduard Strauss und Joseph Lanner dieses Jahr fehlen. Das Programm ist ungewöhnlich, wirft vor allem zu Beginn Fragen auf, enthält aber viele rare Perlen. Vielleicht für einmal sogar  zu viele… Es fehlen ein zwei Standard-Strauss-Walzer, weshalb heuer die Gefahr besteht, dass einem grossen Teil des Publikums der punktuelle Wiedererkennungswert fehlt.
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Am Neujahrskonzert 2017 werden gespielt:

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1. Franz LehàrNechledil Marsch aus „Wiener Frauen“

Bereits das letztjährige Neujahrskonzert wurde mit einem Marsch eines Vertreters der Silbernen Ära der Wiener U-Musik eröffnet. Macht das jetzt Schule? Es ist schön und gut, wenn Unbekanntes seinen Platz hat im Programm, doch mit etwas Vertrautem zu Beginn holt man das Publikum mit Sicherheit besser ab. Abgesehen davon ist der Nechledil Marsch alles andere als ein kompositorisches Meisterstück. Er passt ins Repertoire einer Dorf-Blaskapelle, aber gehört nicht an den Anfang des berühmtesten Konzerts der Welt. Dieser Marsch aus der Operette „Wiener Frauen“ ist ein Frühwerk Lehárs und verfügt bei Weitem nicht über die Qualitäten dessen späteren Schaffens.

 

2. Èmile WaldteufelLes Patineurs; Walzer op. 183

Auch die zweite Nummer im Programm erstaunt mich. Der grosse Waldteufel wurde seit Anbeginn der Neujahrskonzerte nie beachtet – bis 2016. Und jetzt ist er gleich wieder im Programm?  Selbstverständlich freut mich das riesig, er ist einer meiner Lieblingskomponisten. Es ist jedoch eine weitere unerwarete, und daher an dieser Stelle etwas befremdlich wirkende Parallele zum letztjährigen Konzert. Heuer ist Waldteufel mit den „Schlittschuhäufern“ vertreten, seiner bedeutendsten Komposition, einer der berühmtesten Walzer aller Zeiten. Er wird zigtausendfache Aha-Erlebnisse hervorrufen, denn nur wenige kennen den Meister hinter dem unverkennbaren Walzer. Waldteufels Opus 183 stammt aus dem Jahre 1882 und ist dem Schauspieler Ernest Coquelin gewidmet. Er ist ein Meisterwerk, wunscherschön, mitreissend und eingängig. Diese Wahl hätte allerdings seinen Platz später im Programm kriegen sollen. Der Überraschungseffekt wäre so viel grösser.

 

3. Johann Strauss (Sohn)S’gibt nur a Kaiserstadt, s’gibt nur a Wien; Polka op. 291

Eine der besonders beliebten und reizvollen Polkas von Strauss Sohn, oft gespielt, immer erheiternd. Vor allem der Mittelteil ist an Liebreiz kaum zu übertreffen. Im Oktober 1864 führte Johann Strauss diese Polka erstmals auf, als er im Russischen Pawlowsk weilte. Den Titel entlehnte Strauss einem Duett aus dem Singspiel „Aline“ von Adolf Bäuerle, in dem es im Refrain heisst „Ja nur ein‘ Kaiserstadt, ja nur ein Wien“. Diese Phrase wurde zu einer populären Parole im Wiener Volksmund. Strauss‘ Opus 291 existiert ferner auch als Lied unter dem Namen „Wienerwaldlerchen“.

 

4. Josef StraussWinterlust; Polka op. 121

Eine heute sehr selten gespielte, amüsante und lebendige Polka. Vermutlich wurde sie erstmals am Strauss-Ball vom 3. März 1862 im Diana-Saal aufgeführt. Die Schnellpolka imitiert in ihrem Hauptthema eine flotte Schlittenfahrt durch eine reizende Winterlandschaft. Über die Nachwirkung ist wenig bekannt, vermutlich verschwand die Polka bald in den Archiven und ging vergessen. Schön, dass sie hier in neuer Frische erklingt.

 

5. Johann Strauss (Sohn)Mephistos Höllenrufe; Walzer op. 101

Dieser anmutige, berauschende Walzer mit dem furiosen Intro war auch 1995 im Programm des Neujahrskonzerts unter Zubin Mehta. Strauss dürfte in Hochform gewesen sein, als er die Höllenrufe komponierte. Er schrieb sie für ein „Festival mit Feuerwerk und Musik“ im Volksgarten am 12. Oktober 1851. Das Konzert an diesem wundervollen Herbsttag war mit über 3000 Besuchern vollkommen ausverkauft. Der Walzer wurde begeistert aufgenommen und musste dreimal wiederholt werden. Das Spannende an diesem Walzer ist, dass er als Frühwerk von Strauss teils noch die Charakteristik der Altwiener-Musik aufweist, jedoch bereits gepaart ist mit der typischen Schani-Handschrift, was die Entwicklung des Wiener Walzers durch Strauss Sohn deutlich aufzeigt.



6. Johann Strauss (Sohn)So ängstlich sind wir nicht!; Polka op. 413

Es ist schön, dass wir hier das Konzertstück hören, das unter anderem auf dem berühmten gleichnamige Couplet aus dem 2. Akt der Operette „Eine Nacht in Venedig“ basiert, denn man kennt die Melodie an sich nur gesungen von den Frauen des Senators. Diese Polka war eines von sechs Exzerpten der Operette, welche Strauss nachträglich als Orchesterstück arrangierte. Die Polka wurde in der Karnevalszeit von 1884 vielfach aufgeführt.

 

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7. Franz von SuppéOuvertüre zu „Pique Dame“

Franz, der Vater der Goldenen Wiener Operette und Meister der Ouvertüren, kommt hier zu Ehren. Sehr sympathisch. Viele seiner Ouvertüren, wie auch diejenige zur Operette „Pique Dame“, sind phänomenal aufgebaut und entfalten in ihrem Verlauf einen ungeheuren Charme. Diese Komposition wäre die bessere Wahl für den Auftakt des Konzerts gewesen, ist aber am Beginn des zweiten Teils auch gut platziert. „Pique Dame“ aus dem Jahre 1864 ist heute ein weitgehend vergessenes Bühnenwerk, aber die Ouvertüre ist umso populärer.

 

8. Carl Michael ZiehrerHerrreinspaziert!; Walzer op. 518

Die Verantwortlichen haben scheinbar begriffen, dass ein Zieher regelmässig ins Wiener Neujahrskonzert gehört. Das freut mich wahnsinnig! Mit Opus 518 kommen wir in den Genuss eines der bekanntesten Ziehrer-Walzer, der zu Recht auch heute noch immer wieder aufgeführt wird. Und wenn ihm die Wiener Philharmoniker jetzt noch zusätzliche Popularität verleihen – umso schöner. Danke! Der Walzer zitiert Motive aus der weitgehend vergessenen Operette „Der Schätzmeister“. 1904 im Wiener Carltheater uraufgeführt, haben sich immerhin einige Höhepunkte daraus erhalten und sind mittlerweile neu eingespielt und publiziert worden. Das Lied „Herrreinspaziert“, nach welchen der Walzer benannt ist, gehört dazu.

 

9. Otto Nicolai – „Mondaufgang“ aus der Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“

Der gebürtige Ostpreusse ist der „Exot“ im diesjährigen Programm. Warum er gespielt wird, liegt auf der Hand, und das hat durchaus seine Berechtigung: Nicolai ist faktisch der Gründer der Wiener Philharmoniker. Am 28. März 1842 dirigierte er in der Hofburg das erste Konzert des Orchesters, welches unter der Bezeichnung „Wiener Philharmoiker“ zum bedeutendsten Orchester der Welt werden sollte. Mit dem träumerisch-verklärenden „Mondaufgang“ aus dem 3. Akt von Niolais bekanntester Oper wirds sphärisch und besinnlich im Goldenen Saal. Es singt dazu der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

 

10. Johann Strauss (Sohn)Pepita-Polka; op. 138

Diese kleine, neckische Polka widmete Strauss der gefeierten Spanischen Tänzerin Pepita d’Oliva (1834-1868), welche im Sommer 1853 im Carltheater auftrat. Das Publikum war so verzaubert von ihr, dass es in der Folge mehrere „Olé“- und „Pepita-Feste“ in Wien gab. Strauss lässt hier spanische Harmonien einfliessen. Eine selten gehörte Komposition von Strauss Junior. Schöne Wahl.

 

11. Johann Strauss (Sohn)Rotunde-Quadrille; op. 360

Und gleich nochmal eine fast vergessene Trouvaille aus dem Oeuvre von Strauss Junior. Hinter dem Titel steckt eine Reihe an Pleiten, Pech und Pannen. Er bezieht sich auf die Weltausstellung von 1873, welche unter einem schlechten Stern stand. Wetterpech, der grosse Börsenkrach, fehlende Besucher, eine Choleraepidemie… der Grossanlass endete schliesslich in einem finanziellen Desaster. Die architektonische Hauptattrakation der Weltausstellung war die so genannte Rotunde, ein gigantischer Rundbau mit 108 Metern Durchmesser und einer Höhe von 84 Metern, ausgeführt mit der allerneusten Technik und umgeben von einer Vielzahl an Ausstellungspavillons. Strauss war nicht sehr erpicht, sich im Rahmen dieser „schwierigen“ Weltausstellung engagiert zu zeigen. Dennoch zimmerte er aus Motiven seiner Operette „Carneval in Rom“ eine Quadrille zusammen, welche er nach dem monumentalen Rundbau benannte. Im Frühling 1873 führte Strauss sie erstmals im Prater auf. Das Schicksal meinte es jedoch nicht gut mit der Rotunde: Am 17. September 1937 brannte sie vollständig nieder. Vermutlich war die Qaudrille lange vor der Rotunde aus Augen und Sinn der Menschheit verschwunden. Umso schöner, erlebt diese rare Preziose hier eine Reinkarnation.

 

12. Johann Strauss (Sohn) – Die Extravaganten; Walzer op. 205

Da wurde offenbar tief in der Kiste mit selten aufgeführten Strauss-Werken gegraben. Opus 205 hört man heutzutage kaum noch. Mit dem Titel drückt Strauss die „extravaganten“ neuen Formen in den einzelnen Walzerpartien aus, welche aus damaliger Sicht sehr fortschrittlich und noch ungewohnt anmuteten. Der Walzer kam bei seiner Uraufführung am Juristenball im Januar 1858 aber sehr gut an – trotz missbilligender Kritik von Eduard Hanslick. Strauss selbst war nachweislich stolz auf sein zukunftsweisendes Werk, das mit Fanfarenstössen festlich eröffnet und bald zum ausserordentlich lebendigen Hauptthema übergeht.

 

13. Johann Strauss (Vater)Indianer-Galopp; op. 111

Die Hintergründe zu dieser flotten Galoppe sind delikat. 1839 wurde in Wien ein indisches Tanzensemble erwartet. Kaum jemand wusste überhaupt etwas über diese exotischen Gäste, weder woher genau sie kamen, noch über ihre Kultur. Als man die „Inder“ ankündigte, verbreitete sich in der Bevölkerung wie ein Lauffeuer die Kunde, dass „Indianer“ in die Stadt kommen. Diese „Indianer“ waren flugs in aller Munde, und auch Johann Strauss Vater wusste es nicht besser und komponierte aus gegebenem Anlass die Indianer-Galoppe. Diese hat in ihrer Charakteristik aber rein gar nichts zu tun mit indischen, geschweige denn „indianischen“ Klängen, sondern erinnert eher an Musik aus der Puszta. Aber für den Reiz der Komposition ist dies völlig irrelevant. Schön, dass Strauss Vater auch heuer zum Zug kommt mit einer solchen Rarität.

 

14. Josef StraussDie Nasswalderin; Mazurka op. 267

Diese liebliche Mazurka im gemächlichen Ländler-Stil ist den damals armen Bewohnern der Nasswald-Region im Rax-Gebirge gewidmet. Um die Armut des Holzfällervolkes zu lindern, gründete der Schriftsteller August Silberstein ein Hilfswerk. Nasswalder wurden regelmässig nach Wien eingeladen. So war am 27. Februar 1869 eine Gruppe Nasswalder zu Gast im Grossen Zeisig. Da erschien Josef Strauss mit einigen Musikern und führte diese Mazurka auf. Die Gäste aus dem Rax fühlten sich geehrt. Durch den karitativen Charakter dieses Werkes hat es auch aus heutiger Sicht eine besondere Bedeutung inerhalb des Konzertprogrammes.

 

15. Johann Strauss (Sohn)Auf zum Tanze!; Polka op. 436

Eine kleine, nette Polka, wenn auch nicht besonders spektakulär. Strauss hat sie eigens für einen Ball geschrieben, den er am 3. März 1888 bei sich zu Hause in seinem Palais an der Igelgasse 4 gab. Geladen waren rund 100 Gäste mit Rang und Namen. Strauss benannte die Polka nach dem gleichnamigen Gedicht von Ludwig Ganghofer, welchem das Stück gewidmet ist. Man hört die Polka heute fast nur noch im Rahmen der posthumen Strauss-Operette „Wiener Blut„. Dort erklingt sie im dritten Akt. Schön, dass sie in diesem Rahmen hier wieder einmal als alleinstehendes Werk aufgeführt wird.

 

16. Johann Strauss (Sohn)Tausend und eine Nacht; Walzer op. 346

Es ist bemerkenswert, dass an dieser Stelle mit Opus 346 das erste und an sich einzige „Standard-Werk“ von Strauss Sohn steht. Vielen Zuhöreren dürften hier erstmals vertraute Strauss-Töne zu Ohren kommen. Wenns nur nicht zu spät ist… Es ist ein zeitlos bezaubernder Walzer mit Motiven aus der gleichnamigen Operette.

 

17. Johann Strauss (Sohn)Tik-Tak. Polka schnell, op. 365

Und zum Schluss noch ein sehr populäres Stück, die Tik-Tak Polka war 2012 zum letzten Mal Teil des Neujahrskonzerts – ebenfalls als letzte Nummer des offiziellen Programms. Strauss arrangierte einige Themen aus der Operette „Die Fledermaus“ zu dieser lebendigen Polka. Sie wurde am 11. September 1874 an einem Konzert im Volksgarten uraufgeführt.

 

18. (Zugabe) Eduard StraussMit Vergnügen. Polka schnell, op. 228

Gut, immerhin kommt der „Jubliar“ in einer Zugabe noch zu seinen verdienten Ehren. Die Polka ist eine nette kleine Perle des oft zu Unrecht vernachlässigten Strauss-Bruders.

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Wie jedes Jahr schliesst das Konzert mit „An der schönen blauen Donau“ und dem Radetzky-Marsch.

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Wunderschönes Wiener Lied aus der Operette „Deutschmeister“ von Carl Michael Zieher.

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Würde ich eine Reise ins Wien des ausgehenden 19. Jh. machen können, wäre er der erste, den ich aufsuchen und um ein Autogramm und mehr bitten würde: Carl Michael Ziehrer ist das menschgewordene Wien. In keiner Musik lebt die Stadt so authentisch in Klang auf, wie in derjenigen vom Ziehrer. Der sympathische Mann hat meine allerhöchste Verehrung.

Ein spontaner Schnellschuss war meine Idee, 22 seiner schönsten Walzer aus dem riesigen Oeuvre zu picken und auf dem Klavier in eigenen Versionen wiederzugeben. Das Resultat gibt’s bei Youtube.

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Wie jedes Jahr publiziert Planet-Vienna hier eine ausführliche Programmbeschreibung mit objektiven und subjektiven Ausführungen zu den einzelnen Werken.
Franz Welser-Möst – seit 2012 Direktor der Wiener Staatsoper – dirigiert wie bereits schon 2011 das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Musikverein. Und es ist vielversprechend: Welser-Möst äusserte sich in einem Interview mit ORF, dass er Kompositionen dirigieren wolle, die nicht schon zahlreiche Male von seinen Vorgängern dirigiert worden seien. Ihn interessierten auch die „verborgenen Schätze“. Und so wird es auch mehrheitlich. Neben ein paar wohlbekannten Walzern von den beiden Strauss-Brüdern (Eduard fehlt diesmal) erklingen 2013 erneut mehrere Trouvaillen, über die ich mich sehr freue. Auffallend stark ist Josef Strauss im Programm vertreten. Verdi und Wagner bilden diesmal die „Fremdkörper“ im Programm. An ihre Stelle hätte man lieber wieder einen Ziehrer gesetzt !

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Es werden gespielt:

Josef StraussDie Soubrette, op.109 … Mit einer reizenden Polka vom Pepi eröffnet das aktuelle Neujahrskonzert. In der Zeit, als die Operette ihre Hochblüte feierte, verstand man unter einer Soubrette eine Tänzerin und Sängerin auf der Bühne. Zuvor stand der Begriff jedoch für ein kokettes Stubenmädchen, was auch das Titelblatt der Klavierausgabe von Josef Strauss‘ Polka verbildlicht. Möglicherweise wurde das Werk laut Aufzeichnungen des Komponisten am 8. August 1861 im Dommayer erstmals gespielt. Man geht davon aus, dass das Uraufführungsdatum der 6. August war, wo die Polka an einem Konzert im Volksgarten dem Publikum zum ersten Mal vorgeführt wurde. Obschon das Werk sich ordentlicher Beliebtheit erfreut haben dürfte, wurde es bald von anderen Novitäten verdrängt. Umso erfreulicher, lebt es hier neu auf.

Johann Strauss Jun.Kusswalzer, op.400 „Nur für Natur hegte sie Sympathie…“ Das bezaubernde Hauptthema ist Johann Strauss einmal plötzlich „durch den Schädel gefahren“, wie er sagte. Es war damals noch nicht geplant, dass die Melodie für seine neue Operette „Der lustige Krieg“ verwendet werden sollte (Uraufführung am 25. November 1881 im Theater an der Wien). Als aber der Bühnenstar Alexander Girardi als Ergänzung für seinen Part in der Operette ein Walzerlied verlangte, griff Strauss auf den Kusswalzer zurück und verarbeitete ihn zu einem Couplet. Die konzertante Uraufführung erlebte der Walzer beim Hofball am 10. Jänner 1882. Der Kusswalzer ist und bleibt einer der populärsten Strausswalzer, und ich erachte ihn als eine gute Wahl für das heurige Programm, zumal ja das Neujahrskonzert als eine Art Kuss aus Wien für die ganze Welt bezeichnet werden kann.

Josef StraussTheater-Quadrille, op.213 … Die Form der Quadrille wurde gerne benutzt, um Musikstücke zusammenzufassen, die von Aktualität waren. Sie liessen sich aneinanderreihen und in einem eigenständigen Werk arrangieren. Josef Strauss war ein Quadrillen-König. Gastierte ein Komponist in der Stadt oder wurde eine neue Oper uraufgeführt, war Josef sofort zur Stelle, griff die wichtigsten Melodien auf und schusterte sie flugs zu einer Quadrille zusammen, um dem Volk eine Art „Best Of“ zu präsentieren. Die Theater-Quadrille vereint Themen aus Bühnenwerken von Adolf Müller d.Ä., Giuseppe Verdi, Franz von Suppé, Peter Ludwig Hertel, Giacomo Meyerbeer, Julius Hopp und Jacques Offenbach. Die Uraufführung der Theater-Quadrille erfolgte am 12. Jänner 1867 im Dianasaal an einem Maskenball mit Motto „Les Comédiens“. Wiederholt wurde sie an der Carnevalsrevue von 10. März selben Jahres im Volksgarten.

Johann Strauss Jun.Aus den Bergen, Walzer op.292 ... Sehr schön. Eine heute weitgehend unbekannte Komposition des Walzerkönigs. Entstanden ist der Walzer allerdings nicht in den Bergen, sondern während Strauss‘ Konzertaufenthalt im russischen Pawlowsk im Jahre 1864. Die Aufführung im Theater an der Wien erntete reichlich Lob. Dennoch verstaubte der Walzer danach bald in den Regalen. Die Wiener Philharmoniker servieren ihn der neuen Welt, entstaubt und frisch. Das freut mich.

• Franz von Suppé – Leichte Kavallerie, Ouvertüre … Der morbide Franz verdient es auf jeden Fall, am Neujahrskonzert gespielt zu werden. Doch gäbe es weitaus Interessanteres als die Leichte Kavallerie. Sie ist einfach zu berühmt. Man hätte diese Chance nutzen können, den genialen Komponisten einmal durch eines seiner zahllosen unbekannteren Werke kennenzulernen. Leider wird dadurch das Klischee geschürt, Franz von Suppé sei vorwiegend ein Ouvertüren-Komponist gewesen.

Josef StraussSphärenklänge, Walzer op.235 … Einer der berühmtesten Walzer des Strauss-Bruders und mit Recht einer der gerühmtesten. Die Sphärenklänge katapultieren den Zuhörer in der Tat in andere Sphären. Durchaus berechtigt, dass auch ein „Allerweltswerk“ vom Josef hier Platz findet. Die „Sphärenkläge“ waren eine klassische Widmungskomposition für den Ball der Ärztegesellschaft am 21. Jänner 1868 im Sofiensaal. Der Komponist war gleichsam Balldirektor. Unter Kennern der Wienermusik werden die „Sphärenklänge“ als eines der eindrucksvollsten Tongedichte dieser Musikgattung gehandelt. Josef Strauss kümmerte es nicht, dass die Presse den für einen Medizinerball ihrer Ansicht nach sehr unpassenden Titel kritisierte, der wohl „eher für den Zustand der Ballgänger danach stehe als für den Ball selbst“.

Josef StraussDie Spinnerin, Polka op.192 … Diese Polka war eines von zehn Werken von Josef Strauss, welche an der Karnevalsrevue am 18. Februar 1866 im Volksgarten aufgeführt wurden. Die Klavierausgabe war jedoch bereits am 5. Februar erhältlich. „Die Spinnerin“ war ein sehr grosser Erfolg, verschwand später dennoch in den Archiven. Allein deshalb eine schöne Wahl für das Neujahrskonzert.

• Richard Wagner – „Lohengrin“, Vorspiel zum 3. Akt … Am 22. Mai 2013 würde Richard Wagner 200 Jahre alt. Mit dieser Komposition gedenken die Wiener Philharmoniker des grossen Deutschen Komponisten. Wagner hatte in Wien zu Lebzeiten beruflich einen schweren Stand und erhielt wenig Anerkennung. Meine persönliche Meinung: Genialer Komponist, der meine höchste Bewunderung hat. Aber müsste hier trotzdem nicht sein, da zu unpassend für ein Neujahrskonzert und zuwenig Gemeinsamkeiten mit dem Wiener Genre. Im Prunksaal der Nationalbibliothek findet ihm zu Ehren bis am 10.  Februar 2013 die Ausstellung „Geliebt, verlacht, vergöttert – Richard Wagner und die Wiener“ statt.

Joseph Hellmesberger Jun.Unter vier Augen, Polka Mazurka … Hellmesberger wird auch diesmal wieder die Ehre zuteil. „Unter vier Augen“ ist eine einfache, aber höchst leidenschaftliche Mazurka von gut vier Minuten. Das Hauptthema ist so richtig wienerisch. Bedauerlicherweise ist Hellmesberger bereits mit 52 Jahren verstorben. Die Welt der Wiener Musik hätte noch mehr von ihm gebrauchen können.

Josef StraussHesperus-Bahnen, Walzer op.279 … Ein kaum bekanntes Werk vom Josef. Wunderbar! Der Walzer hat ein berauschend schönes Hauptthema. Es ist ein Walzer, der auf keinen Fall zu schnell gespielt werden darf. Die Hesperus-Bahnen waren die letzte Komposition, die Strauss für die Ballsaison der Künstlervereinigung „Hesperus“ komponiert hatte. Eigentlich hätte der Walzer in der ersten Hälfte der Karnevalssaison 1870 aufgeführt werden sollen. Aber wegen eines Feuers in der neuen Heimstätte der Gesellschaft beim Karlsplatz musste dies verschoben werden. Am 4. April erfolgte die Uraufführung im drei Monate zuvor eröffneten Musikverein. Das Publikum war nicht gross, der Applaus dafür umso grösser. Die Hesperus-Bahnen schlugen voll ein und waren das letzte derart mitreissende Werk Josef Strauss‘. Im Juli selben Jahres starb er – und mit ihm die Hepserus-Bahnen. Der Walzer ging weitgehend vergessen. Umso schöner, dass er jetzt seine Reinkarnation erlebt.

Josef StraussGaloppin-Polka, op.237 … Man liest gelegentlich auch „Galopin-Polka“. Diese Polka befand sich unter den Novitäten, welche Josef und Eduard Strauss für den traditionellen Wohltätigkeitsball in dem Blumensälen der Wiener Gartenbaugesellschaft an der Ringstrasse am 13. Februar 1868 geschrieben haben. Unter einem Galoppin verstand man einen jungen Mann, der eifrig mit Börsennachrichten hin und her rannte, und je schneller er diese übermittelte, desto höher fiel sein Trinkgeld aus. Dieser Service ersetzte damals die spätere Telekommunikation. Die Zeit der Galoppine war zwar wegen Neuerungen bald vorbei, aber dennoch versäumte es Josef Strauss nicht, ihnen diese sehr lebendige Komposition zu widmen. Die Polka erntete lautstarken Applaus. Laut der Aufzeichnung eines Orchestermitgliedes wurde die Galoppin-Polka bereits am 12. Februar an einem Maskenball im Sofiensaal gespielt, der Komponist nennt aber ersteres Datum als offiziellen Tag der Uraufführung. Eine tolle Wahl für dieses Programm. Die Balletteinspielung  kommt aus Schloss Hof. Man erkennt in dieser Polka die musikalische Verwandtschaft Pepis mit Joseph Lanner. Und dieser folgt jetzt gleich…

Steyrische Tänze - Titelblatt der Erstausgabe für Klavier

Steyrische Tänze – Titelblatt der Erstausgabe für Klavier

Joseph LannerSteyrische Tänze, op.165 … Wunderbar! Eine von Lanners bezauberndsten Kompositionen, ein gemächlicher Walzer im leichten Ländler-Stil. Vielleicht wäre etwas weniger Populäres von Lanner die noch interessantere Wahl gewesen, aber dass der Walzervater auch heuer vertreten ist, freut mich ausserordentlich. Diese Tänze selbst haben nicht etwa direkt etwas mit der oberösterreichischen Stadt Steyr zu tun, sondern mit der Steiermark (alte Schreibweise). Dieser Name leitet sich allerdings von der Stadt Steyr ab, von wo die Gründung der Steiermark ausging. Der “Steirische” ist ein volkstümlicher Tanz, der sich in der Steiermark grösster Beliebtheit erfreute und von Region zu Region unterschiedliche Ausprägungen hatte. Steirische aus der Biedermeierzeit haben sich kaum erhalten können, ausser Lanners op.165, das in der Originalpartitur auch mit “Pas Styrien” oder “Steyrische-National-Tänze” betitelt ist. Joseph Gungls „Alpenklänge/Steirische National-Tänze“ oder die „Aechten Ober-Steyrer Ländler“ von Michael Pamer haben seinerzeit einige Beachtung erhalten, sind aber heute völlig vergessen. Lanners Komposition ist dem Walzer-Genre zuzuordnen, der klassische Steirische wird nur anhand stilisierter Ländlermotive angedeutet. Im rhythmischen Grundmuster des ersten Themas sind deutliche Parallelen zum überlieferten steirischen Liedgut zu finden. Der Komponist hat dieses Werk ursprünglich für ein Divertissement namens „Die Macht der Kunst“ geschrieben, aufgeführt im 1870 demolierten Kärtnertortheater. Das Notenmaterial für das Neujahrskonzert wurde von der Joseph-Lanner-Gesellschaft zur Verfügung gestellt (wie auch für weitere Kompositionen im heurigen Programm).

Johann Strauss Jun.Melodien-Quadrille, op.112 … Mein Verhältnis zu all den Strauss’schen Quadrillen ist ambivalent. Melodien fremder Komponisten kann jeder zu einem Bouquet zusammenfassen. Deshalb gehören in ein Neujahrskonzert meiner Meinung nach reine Eigenleistungen und nicht „Abgekupfertes“. Opus 112 ist wohl ausgewählt worden, um auf die nächste Nummer einzustimmen. Verdi hatte anno 1843 die Wiener Uraufführung von „Nabucco“ geleitet, doch kaum ein namhaftes Presseblatt berichtete gebührend darüber. Verdi hatte wie Wagner auch keinen leichten Stand in der Kaiserstadt. Strauss zollte mit dieser Quadrille seinen Tribut an den Italiener. Sie vereint Verdi-Themen und war anfänglich unter dem Namen „Hesperiden-Quadrille“ aufgeführt und später umbenannt worden.

• Giuseppe Verdi – Presstissimo aus der Ballettmusik im 3. Akt von „Don Carlo“ … Auch Giuseppe Verdi würde 2013 seinen 200. Geburtstag feiern und zwar am 10. Oktober. Mit dieser Komposition gedenken die Wiener Philharmoniker des schaffenskräftigen Italieners.

Johann Strauss Jun.Wo die Citronen blüh’n, Walzer op.364 „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Gold-Orangen glühn, ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, die Myrte still und hoch der Lorbeer steht, kennst du es wohl?…“ Der Walzer entstand unter dem Namen „Bella Italia“, als Strauss 1874 nach Italien reiste. Später erfolgte die Umbenennung. Es handelt sich um eines der populäreren Werke des Walzerkönigs, und man hört es heute immer mal wieder. Insbesondere das Hauptthema ist ungeheuer reizvoll. Es darf auf keinen Fall zu schnell wiedergegeben werden, weil der ganze Zauber dadurch zerstört würde. Franz Welser-Möst wirds sicher recht machen. Die Balletteinspielung  kommt erneut aus Schloss Hof.

Johann Strauss VaterErinnerungen an Ernst oder Der Carneval in Venedig, op.126 … Schön, dass Strauss Senior es diesmal auch wieder ins Programm geschafft hat. Etwas einfallslos jedoch finde ich die Werkwahl. Einerseits, weil sie bereits 2007 im Programm war, andererseits, weil auch Strauss-Papa hier fremde Musik verwendet. In dieser Fantasie greift er zwei berühmte Themen des deutschen Wundergeigers Heinrich Wilhelm Ernst (1814-1865) auf und arrangiert und paraphrasiert sie auf originelle Weise. Das bekanntere der beiden: „Ein Mops/Hund kam in die Küche“ respektive „Mein Hut, der hat drei Ecken“. Wenn der Strauss-Vater aber schon nur einmal vorkommt im Programm, so hätte es meines Erachtens eine Komposition sein müssen, die gänzlich seinem Kopf entsprungen ist. Es gibt da bei Gott genug unbekannte, höchst interessante Würfe des Genius. Am Katharinenfest im Sperl anno 1840 wurde dieses Werk mit grosser Neugier erwartet, denn H.W. Ernst war kurz zuvor in Wien zu Besuch gewesen und hatte das Volk begeistert. Wie auch immer, das Stück wird garantiert für amüsierte Gesichter sorgen im Goldenen Saal. Trotzdem hätte eine andere, repräsentativere Strauss-Vater-Komposition hierhin gehört.

Josef StraussPlappermäulchen, Polka op.245 … Eine kleine Reminiszenz an ein geschwätziges Fräulein, namentlich des Komponisten Tochter Carolina Anna. Nichts Besonderes und unspektakulär, aber dennoch von Reiz und somit ein nettes Intermezzo. 

Johann Strauss Jun.An der schönen blauen Donau, Walzer op.314 … alle Jahre wieder. Informationen hier.

Johann Strauss VaterRadetzky-Marsch, op.228 … Wie gewohnt besiegelt der zackgie Marsch das Neujahrskonzert. Was mich freut: Welser-Möst findet es laut seinen Aussagen genauso unpassend wie ich, wenn in einem ehrwürdigen Haus wie dem Musikverein zum Radetzky-Marsch geklatscht wird.

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Die beiden Balletteinlagen wurden dieses Mal auf Schloss Hof im Marchfeld aufgezeichnet, dem prächtigen Barockjuwel von Prinz Eugen, erbaut von Johann Lucas von Hildebrandt. Prinz Eugen wäre im neuen Jahr 350 Jahre alt.

Der Musikverein, Wien
Der Musikverein, Wien

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Es ist eines der wenigen Lieder aus der Operette „Die drei Wünsche“ von Carl Michael Ziehrer, das man heutzutage noch da und dort kennt und hört. Und der Text ist bestimmt einer der komischsten aus der Operettenwelt. Man stellt sich da so einen richtigen Hungerhaken vor, fein und zerbrechlich, der aber rabiat und gewalttätig werden kann. Naja, wenn an dem Ort kein Gras mehr wächst, wo die Leopoldin hintritt? Besonders köstlich ist die Stelle, wo sie in der Hochzeitskutsche plötzlich nicht mehr auffindbar war, dann aber aus irgend einer Spalte hervorkommt und aus der Kutsche herausfällt. Hier der Text:

Meine Frau war die „Dine“, die Leopoldine,
Die hatt‘ eine wahrhaft bezaubernde Miene,
Die Augen wie Kohlen, wie Kirschen der Mund,
Das G’sichterl recht freundlich, voll Grieberl und rund,
Die Waderln recht stramm, die Fusserl so klein,
Die Handerl sauber, schlank und fein.
Zum Anbeissen lieb sah wirklich sie aus,
Nur eines, ich mach‘ kein Geheimnis daraus:

So dünn, dünn war die Leopoldin.
Dünn, dünn, wie a Bleistift so dünn.
Wie die Zündhölzer, wie die Stricknadeln,
Wie die Spinnweben, wie zum Einfadeln,
Wie die Zwirnsfaderln dünn war die Leopoldin.
Ja dünn, dünn… (Refrain wiederholt)

Als wir zu der Kirche uns hinführen liessen,
Um dort für das Leben den Bund zu beschliessen,
Befiel bei der Ankunft uns alle ein Schreck:
Die Braut war verschwunden, die Braut, sie war weg!
Wir suchten hin, wir suchten her,
Der Platz, wo sie sass, der Platz, der war leer.
Da plötzlich, entsetzlich, da rührt sich was drin.
Wer stürtzt aus dem Wagen? – Die Leopoldin!

So dünn, dünn…

Trotzdem sie so dünn war, die Leopoldine,
Hat sie eine Kraft g’habt wie eine Maschine.
Zu seh’n war sie ohne Fernrohr nur schwer,
Dafür aber spürte ich sie umso mehr.
Die Handerl klein und gustios,
Die konnten kratzen – grandios!
Die Fusserl so reizend, von zierlichem Mass,
Wenn die wo hintraten, da wuchs lang kein Gras.

Trotzdem:

So dünn, dünn…

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