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Beitrag in der „Neuen Zuger Zeitung“ vom 22. Oktober 2014:

Sakraler Zuger Prunk im Tirol

Zwei Zuger emigrierten vor Jahrhunderten ins Inntal. Dort schufen sie beeindruckende Kunstwerke, von denen zwei noch heute prominent zu bewundern sind.

Autor: Andreas Faessler

Wir blicken über die Kantonsgrenzen – ja, hiermit gar über die Landesgrenzen – hinaus und finden in der Ferne von Zugern geschaffenes Kulturgut. Es ist der Tiroler Historiker Hans Hochenegg (1894–1993), der von drei Meistern aus der Zuger Handwerksfamilie Kayser (alt. Kaiser, Keiser) zu berichten weiss, die in der Gegend um Innsbruck Wunderbares geschaffen haben. Vom ersten Kayser-«Emigranten» Wolfgang (†1566) weiss man wenig, ausser, dass er als Plattner (Rüstungsschmied) am österreichischen Hof tätig war.

Aufschlussreicher sind die historischen Aufzeichnungen über den Kunsttischler und Zeichner Oswald Kayser, 1610 in Zug geboren. Als Jesuitenbruder war er an den Kollegien in Bregenz, Ingolstadt, Eichstätt und Innsbruck tätig. Bei letzterem zeichnete er für die Innenausstattung der ab 1627 errichteten Klosterkirche massgeblich verantwortlich. So entwarf er dort neben den Altargruppen, dem Chor- und Beichtgestühl, den Bänken und der Kanzel auch höchst eindrucksvolle Stuckplastiken. Ein faszinierendes Beispiel zeigt unser oberes Bild. Im Chorraum trägt beidseits je eine vollplastische Figurenkonsole einen Balkon. Die Gruppe von Engeln wirkt ungemein lebendig, ausdrucksstark und ist voller Bewegung. Angesichts dessen wird uns offenbart, dass Oswald Kaysers Fähigkeiten deutlich über das Tischlerhandwerk hinaus reichten.

Noch mehr Biografisches weiss Hans Hochenegg vom gleichnamigen Kunstschlosser Oswald Kayser (Carl Oswalt Keiser) zu berichten. Wohl kurz nach 1660 als Sohn des Schlossermeisters Wolfgang Kayser und der Maria Anna Scherer in Zug geboren, gelangte der junge Berufsanwärter um das Jahr 1680 als Wandergeselle ins Tirol und heiratete in Hall i. T. die Witwe eines Schlossermeisters. Das bedeutete Reputation und verhalf ihm zu einer weitgehend sicheren Berufsexistenz. Der Zuger wurde Bürger von Hall und besetzte mehrere Ehrenstellen mit seinem Beruf. Nach dem Tod seiner Frau um 1693 ehelichte er die Tochter eines Kupferschmieds. 1726 starb Schlossermeister Oswald Kayser in Hall. Das Inventar seiner Arbeiten ist kaum mehr rekonstruierbar, zumal Aufträge von privater Seite aufgrund spärlicher Dokumentation schnell vergessen gingen. Aber es lassen sich einige Bestellungen von kirchlicher Seite her belegen. So erfährt man aus dem Haller Rechnungsbuch von 1692, dass Oswald Kayser von der Stadt den Auftrag erhielt, ein so genanntes Narrenhäusl anzufertigen, ein Eisenkäfig, in dem streitsüchtige Weiber der Öffentlichkeit zum Spott preisgegeben wurden. Und anno 1715 hat Kayser offenbar für das Haller Damenstift Schlosserarbeiten am dortigen Gartenhaus vorgenommen, welche laut Hochenegg «von grosser Kunstfertigkeit zeugen».

Will man sich von Oswald Kaysers Können ein Bild machen, so hat man Gelegenheit dazu, wenn man auf der Inntalautobahn im Tirol Richtung Osten fährt. Nach Hall i. T. folgt bald ein Autobahnrastplatz. Hinter den Bäumen lugt der markante Zwiebelturm der Volderser Karlskirche hervor, eine der prächtigsten Rokokokirchen Österreichs. Ein kleiner Weg führt vom Rastplatz zur Kirche. In ihr finden wir ein bemerkenswertes Gitter aus Schmiedeeisen aus dem Jahre 1682. Es trennt den Kirchenraum vom Vorraum ab und ist ein frühes Werk von unserem Oswald Kayser aus Zug. Ein Rahmenwerk aus Stuckmarmor gibt der Gitteranlage seine Kontur. Gekrönt wird der Balken von filigranen Schmiedearbeiten, dominiert von Volutenwerk mit geschickt ineinandergreifenden Armen. Die seitlichen Durchbrüche weisen hingegen verhältnismässig schlichte Gitterstäbe auf, während sich Kayser beim mittigen Tor so richtig verausgabt zu haben scheint. Aufwendig verarbeitet und mit qualitätvollem Eisenblech beschlagen ist hier das schwarze Eisen.

Die Schaffensperiode unserer beiden Zuger im Tirol fiel in die Zeit der drei Habsburger Kaiser Ferdinand II., Ferdinand III. und Leopold I. Unter ihnen, und ganz besonders unter letzterem, erlebte das Habsburgerreich einen beispiellosen Schub an barocker Prachtentfaltung in Architektur, Kunst und Handwerk. Vergleichbarer Prunk aus etwa derselben Zeit findet sich in der Schweiz hauptsächlich in einflussreichen Abteien wie Einsiedeln, St. Gallen, Rheinau, St. Urban, Muri und einigen mehr. In ihrer Heimat hätten die Kaysers seinerzeit vermutlich weniger tief in die Kiste des Pomp greifen können als im habsburgischen Österreich.

Jesuitenkirche, Innsbruck

Jesuitenkirche, Innsbruck. Stukkaturen von Oswald Kayser

Karlskirche, Volders

Karlskirche, Volders. Gitter von Oswald Kayser

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Der Titel dieses Beitrags besteht aus sehr provokativen Ausdrücken. Aber was es damit auf sich hat, soll folgender Zeitungsartikel erläutern. Das Türkenmotiv und die so genannte „Judensau“ sind zwei sehr aussagekräftige Symbole aus alter Zeit. Sie sollen heute mahnen zu interreligiösem Verständnis, zu Toleranz und ganz einfach zum Frieden. In etwa so sie die gotische antisemitische Judentafel am Wiener Judenplatz, die aus eben diesen Gründen dort belassen worden ist.

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Die einzig «richtige» Religion

Ein abgetrennter Türkenkopf an der Oswaldkirche im Schweizerischen Zug fällt kaum ins Auge, spricht aus historischer Sicht jedoch Bände. Und was hat der tote Muselman mit einer «Judensau» gemeinsam?

Zug (Schweiz) – Viele Menschen sind überzeugt, dass es ohne Religion weniger Kriege gäbe. Der ewige Streitpunkt: Welche der fünf Weltreligionen ist die «richtige»? Welcher Gott oder welches Abbild des Allmächtigen entspricht der (vermeintlichen) Wahrheit? Nehmen wir das Beispiel des Christentums, weil es in unseren Breitengraden die vorherrschende Weltreligion ist. Schauen wir genauer hin, entdecken wir uralte Hinweise, dass sich das Christentum seit jeher für die einzig «richtige» Religion gehalten hat. Es sind kleine, von Laien meist gar nicht erkennbare «Seitenhiebe» an andere Glaubensbekenntnisse. Sie haben ihren Niederschlag zahlreich in der Kunst gefunden.

Zug – Viele Menschen sind überzeugt, dass es ohne Religion weniger Kriege gäbe. Der ewige Streitpunkt: Welche der fünf Weltreligionen ist die «richtige»? Welcher Gott oder welches Abbild des Allmächtigen entspricht der (vermeintlichen) Wahrheit? Nehmen wir das Beispiel des Christentums, weil es in unseren Breitengraden die vorherrschende Weltreligion ist. Schauen wir genauer hin, entdecken wir uralte Hinweise, dass sich das Christentum seit jeher für die einzig «richtige» Religion gehalten hat. Es sind kleine, von Laien meist gar nicht erkennbare «Seitenhiebe» an andere Glaubensbekenntnisse. Sie haben ihren Niederschlag zahlreich in der Kunst gefunden.

Wir finden an der Königspforte der Zuger Oswaldkirche ein klassisches Beispiel. Die linke der drei grossen Figuren zeigt Sankt Oswald, wie er den walisischen König Cadwallon ap Cadfan erdolcht. Dieser hatte sich laut Geschichtsschreibung zwar ursprünglich zum Christentum bekannt, war aber mit Heiden verbündet. Hier eine erste Symbolik: Das Christentum (Oswald) siegt über das Heidentum (Cadwallon). Die erwähnte klassische und gleichsam «perfidere» Aussage dieser in Stein gemeisselten Szene liegt in der Konsole. Sie zeigt den Kopf eines turbantragenden Türken, also eines Muselmanen. Kurzum: Das Christentum besiegt also nicht nur die Ungläubigen, sondern auch den Islam. Und der Islam war in der Geschichte stets die grösste religiöse Bedrohung des Christentums. Eine pikante Begebenheit rankt sich hierbei um das Wappen von Adolf Graf von Schwarzenberg. Die um 1594 von den Türken eingenommene Festung Raab (heute das ungarische Györ) wurde unter Führung des christlichen Grafen um 1598 zurückerobert. Als Zeichen der Anerkennung durfte sein Familienwappen um einen Raben ergänzt werden, der einem abgetrennten Türkenkopf die Augen auspickt. Zahlreiche Adelswappen in Österreich-Ungarn wurden einst mit dem Motiv des abgeschlagenen Türkenkopfes ausgestattet.

Aus heutiger Sicht sind Darstellungen wie diejenige an der Oswaldkirche alles andere als unbedenklich, wo ja ethnische und religiöse Unterdrückung in vielen fortschrittlichen Ländern rechtlich verfolgt werden. Dass solche Symbolik Skandalpotenzial birgt, zeigte sich im Frühjahr 2013 in Regensburg. Am dortigen Zieroldsplatz steht die Statue Ritter Johanns von Österreich, der 1571 die Schlacht von Lepanto gewonnen hatte. Als triumphierender «Retter des Abendlandes» ruht Johanns linker Fuss auf einem abgeschlagenen Türkenkopf. Auch hier die Botschaft: Das Christentum hat den Islam besiegt. Ein junger Mann protestierte 2013 drei Stunden lang lautstark gegen diese Figur und verursachte auf dem Sockel stehend – einen Polizei- und Feuerwehreinsatz.

Wo wir schon beim Thema sind, sei mir an dieser Stelle ein kleiner Exkurs erlaubt zu einem besonders bedenklichen Symbol, welches von ähnlicher Charakteristik wie der abgeschlagene Türkenkopf ist, jedoch erst recht nach den Gräueln des Holocausts als eine besonders verstörende Darstellung wahrgenommen wird: die Judensau. Im Mittelalter erlebte die Judensau in der christlichen Sakralkunst ihre Hochblüte. Es ist ein (als unrein geltendes) Schwein, an dessen Zitzen Juden wie Ferkel saugen. Abwandlungen zeigen Juden, die auf der Sau reiten, das Gesicht dem After des Tieres zugewandt, aus dem Urin spritzt. Die Judensau diente als extrem aggressives christliches Spottbild gegenüber dem Judentum, für das ein «guter Christ» nur Hohn und Demütigung übrig haben sollte. Von den einst zahllosen Judensäuen, die in und an christlichen Kirchen in Europa zu finden waren, haben nur etwa 30 Exemplare die Zeit bis heute überdauert. Eine Judensau am Taufstein des Basler Münsters wurde in den 90er-Jahren vom damaligen Pfarrer entfernt. Heute darf oder sollte man Symbole wie die Judensau und natürlich auch die Türkenköpfe wie unser Beispiel an der Oswaldkirche als Mahnmal wahrnehmen gegen Intoleranz gegenüber Andersgläubigen und -denkenden.

Türkenkopf

Der Türkenkopf an der Oswaldkirche in Zug

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Ein unschätzbar wertvolles Biedermeier-Gemälde, das Zuger Landleute auf der Heimkehr zeigt, befindet sich irgendwo in Privatbesitz. Ein Künstler aus Cham (Schweiz) hat das Bild «nachgebaut» – als Intarsie.

Der Beitrag vom 26. November 2013 handelte von einem Gemälde des Wiener Biedermeier-Malers Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865), das eine Gruppe Zuger Trachtenleute auf der Heimkehr von der Ernte zeigt. In den 1960er-Jahren war der damalige Zuger Stadtbibliothekar Hans Koch (1907–1987) auf das Gemälde aufmerksam geworden und wünschte sich, dass es irgendwann in seine Zuger Heimat finden würde. Dies ist leider nie geschehen. Das Waldmüller-Gemälde von 1844 wird vom Auktionshaus Sothebys als «Spitzenwerk» bezeichnet und hat einen geschätzten Wert von über einer halben Million Franken. Es befindet sich heute in Privatbesitz – irgendwo auf der Welt.

Ferdinand Georg Waldmüller - "Heimkehr von der Ernte"

Das Original von Waldmüller: „Heimkehr von der Ernte“

Aber jetzt hat der Kanton Zug seine eigene Version des Waldmüller-Werkes «Heimkehr von der Ernte am Zugersee». Es ist mit 60 x 90 Zentimetern sogar eineinhalb mal so gross wie das Original. Im Gegensatz zu diesem ist es jedoch nicht Öl auf Holz, sondern – Holz auf Holz! Der Chamer Intarsien-Künstler Erich Zihlmann hat keinen Aufwand gescheut, das Ölgemälde so authentisch wie nur möglich als Holzeinlegearbeit «nachzubauen». Und das Resultat ist schlicht und ergreifend überwältigend. So detailreich und zuweilen fotografisch genau Waldmüllers Maltechnik war – alles ist im Werk des Chamers wiedergegeben. Jeder Stein, jeder Busch, Pupillen, Augenbrauen … selbst das kleinste Teilchen im Bild besteht aus Holz. Da gibt es keinen Tupfen Farbe, geschweige denn ein holzfremdes Füllmaterial.

«Das Bild und die Geschichte dahinter haben mich nicht losgelassen», sagt Zihlmann, der ein Flair für historische Sujets hegt. «Ich habe mir ausgiebig Gedanken gemacht, wie ich eine Umsetzung als Intarsie angehen könnte.» Er liess sich ein Poster in der gewünschten Grösse anfertigen, welches ihm als leitende Vorlage diente, und machte sich ans Werk. Nach insgesamt «nur» 100 Stunden aufwendiger Feinarbeit lag der fertige Holz-Waldmüller vor. Er enthält Teilchen, die Zihlmann mit Arztskalpellen bis auf einen zehntel Millimeter genau zugeschnitten und eingepasst hat. «Für mich war es das erste Mal, dass ich ein Gemälde dieser Art in Holz gearbeitet habe», sagt der 41-Jährige. Neben der Detailvielfalt war die Farbgebung eine weitere grosse Herausforderung für den Holzkünstler. Für die Ockertöne der Umgebung und erst recht für die farbenprächtigen Trachten der Zuger Landleute musste Zihlmann Holzsorten finden, deren natürlicher Farbton und Textur dem gemalten Original so nah wie möglich kommen. Voraussichtlich bis Ende Juni ist das beeindruckende Waldmüller-Furnierintarsienbild von Erich Zihlmann im Einkaufszentrum Neudorf in Cham ausgestellt. Es befindet sich im ersten Schaukasten an der Wand im Durchgang gleich neben der Postfiliale.

Erich Zihlmann ist gelernter Schreiner, arbeitet aber seit einigen Jahren bei der Post Cham. Doch seine Liebe zur Arbeit mit Holz ist ungebrochen. Zihlmanns Intarsien entstehen somit nebenberuflich in seinem Atelier in Cham. Das Handwerk hat er autodidakt erlernt. Er erinnert sich: «In der Schreinerlehre musste ich einmal ein Schachbrett anfertigen. Das war ausschlaggebend, und da hats mir den ‹Ärmel reingenommen›.» Man könnte sagen, dass der Chamer zu einer aussterbenden Spezies gehört. Denn die Intarsienkunst hatte in Europa vor allem im Barock und Rokoko ihre Hochblüte, weshalb es Intarsienfachleute heutzutage nur noch sehr wenige gibt. Und meistens seien es ältere Leute, die keine Nachfolger haben, erklärt Zihlmann. Schön, dass durch den Chamer das faszinierende Handwerk auch von einer jüngeren Generation gepflegt wird.

Erich Zihlmann ist gelernter Schreiner, arbeitet aber seit einigen Jahren bei der Post Cham. Doch seine Liebe zur Arbeit mit Holz ist ungebrochen. Zihlmanns Intarsien entstehen somit nebenberuflich in seinem Atelier in Cham. Das Handwerk hat er autodidakt erlernt. Er erinnert sich: «In der Schreinerlehre musste ich einmal ein Schachbrett anfertigen. Das war ausschlaggebend, und da hats mir den ‹Ärmel reingenommen›.» Man könnte sagen, dass der Chamer zu einer aussterbenden Spezies gehört. Denn die Intarsienkunst hatte in Europa vor allem im Barock und Rokoko ihre Hochblüte, weshalb es Intarsienfachleute heutzutage nur noch sehr wenige gibt. Und meistens seien es ältere Leute, die keine Nachfolger haben, erklärt Zihlmann. Schön, dass durch den Chamer das faszinierende Handwerk auch von einer jüngeren Generation gepflegt wird.

Näheres zum Künstler: http://zihlmann-intarsien.ch

Erich Zihlmann, Intarsienkünstler aus Cham ZG

Erich Zihlmann, Intarsienkünstler aus Cham ZG, mit seinem „nachgebauten“ Waldmüller-Bild

 

 

 

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Die interessanten Hintergründe eines Waldmüller-Gemäldes

Ferdinand Georg Waldmüller - "Heimkehr von der Ernte"

Ferdinand Georg Waldmüller – „Heimkehr von der Ernte“

Da stiess ich doch rein per Zufall auf einen hochinteressanten Beitrag im Neujahrsblatt der Zentralschweizer Stadt Zug 1967. Hans Koch (1907–1987), damals Zuger Stadtbibliothekar, berichtet darin von einem Biedermeiergemälde, das eine Gruppe Leutchen in Zuger Tracht zeigt. So weit wenig aufregend, stünde dahinter nicht die recht delikate Geschichte um eine Landschaftsmissdeutung sowie die damalige Unwissenheit über den Verbleib des Gemäldes. Weiter wird das Bildnis zu einem besonders wertvollen Schatz, wenn man den Urheber kennt. Doch alles von vorne.

Hans Koch schildert in seinem Beitrag, wie einst die Fotografie eines Gemäldes in der Stadtbibliothek Zug eintraf. Absenderin war Friederike Prodinger (1913–2008), Gründerin des Volkskunde-Museums in Salzburg und Fachfrau auf dem Gebiet von Trachten und ländlichem Brauchtum. Sie vermutete, dass die Leute auf dem Gemälde wohl Innerschweizer Trachten tragen würden. In der Tat – sofort stellte der Adressat fest, dass die Gruppe zugerisch gekleidet ist. Selbstredend dazu, weil sie inmitten der prächtig erfassten Zuger Landschaft dargestellt steht. Doch wann ist das Bild entstanden? Und vor allem von wem gemalt? Man mag es als Zufall verbuchen, dass wenig später Hans Langenegger (1918–2001), emeritierter Kaplan von St.?Andreas in Cham, von einer Kunstreise nach Österreich ein Büchlein mitbrachte, in welchem genau jenes Gemälde abgebildet war. Und siehe da: Man erfuhr, dass der Schöpfer des Gemäldes aus dem Jahre 1844 kein Geringerer ist als Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865), einer der bedeutendsten Biedermeiermaler, dessen Werke von enormem monetärem Wert sind.

Was für eine Freude. Aber jetzt wirds erst richtig spannend: In Langeneggers Büchlein wurde das Gemälde vom renommierten österreichischen Kunsthistoriker Bruno Grimschitz (1892–1964) wie folgt benannt: «Heimkehr von der Ernte am Hallstättersee». Selbstverständlich erkannte man in Zug sofort, dass auf dem Bild nicht der See im Salzkammergut abgebildet ist, sondern der wohlvertraute Zugersee. Auch die umliegende Landschaft würde kaum zur zerklüfteten Umgebung des oberösterreichischen Gewässers passen. Grimschitz’ Kommentar handelt von der Faszination, die das Salzkammergut auf den grossen Meister ausgeübt haben muss, als er diese «wunderbare Landschaft» festgehalten hat.

Von wegen Salzkammergut! Bei dieser wunderbaren Landschaft handelt es sich also um die Rigi-Region. Die Biografie Waldmüllers verrät nämlich, dass der Maler just zum Entstehungszeitpunkt des Gemäldes auf der Heimfahrt von einer Sizilien-Reise war und dabei oberhalb von Blickensdorf vorbeigekommen sein muss. Angetan von der malerischen Szene hat er diese festgehalten – und zwar so meisterhaft wie man es von ihm gewohnt ist. Hans Koch bedauert in seinem Bericht, dass man nichts vom Verbleib des Gemäldes wisse. Als Schlusswort wünscht sich Koch, dass das Bild einst den Weg in seine zugerische Heimat finden wird. Dieser Wunsch ist bis heute nicht in Erfüllung gegangen.

Die österreichische Galerie Belvedere in Wien verfügt über den grössten Waldmüller-Bestand weltweit. Ein wiederholter Besuch dort im Oktober – Waldmüller gehört zu meinen bevorzugten Künstlern – und eine damit verbundene Anfrage haben mir eröffnet, dass das gut 40 mal 60 Zentimeter grosse Bild, Öl auf Holz, mit dem nunmehr korrekten Namen «Heimkehr von der Ernte (Am Zugersee)» 2009 im Rahmen einer grossen Waldmüller-Gedenkausstellung im Schloss Belvedere ausgestellt war. «Doch leider befindet sich das Bild nicht in unserem Besitz», lässt mich Sabine Grabner wissen, dortige Kuratorin der Sammlung 19. Jahrhundert. Sie weiss Bescheid, wo sich das Werk jetzt befindet. Doch sei es der Wunsch des Privatbesitzers, dass keine Informationen weitergegeben werden, wie Grabner sagt. Schade. Jedenfalls wurde das Gemälde im November 1993 bei Christie’s in London für umgerechnet rund 279’000 Franken versteigert. Bei einer weiteren Auktion zwölf Jahre später am selben Ort wurde das Gemälde auf maximal 633’000 Franken geschätzt. Es wechselte den Besitzer jedoch nicht.

Schauen Sie sich das Gemälde mal aufmerksam an, mit welcher Genauigkeit Waldmüller das malerische Szenario insbesondere im Vordergrund wiedergibt. Jedem einzelnen Detail hat der Maler höchste Aufmerksamkeit geschenkt, fast fotografisch hat er die reichen Trachtenstickereien festgehalten, den Hutschmuck, den Faltenwurf der Kleidungen. Und vor allem die Mimik der Gesichter. Darin war Waldmüller ein wahrer Meister. Die Zufriedenheit nach einem erfüllten Arbeitstag steht den Zuger Leuten ins Gesicht geschrieben – freilich war die Biedermeiermalerei generell idealisiert und vermittelte eine heile Welt. Aber dem Waldmüller kauft man das irgendwie ab. Antoinette Lusser, ehemalige Präsidentin der Zuger Trachtenkommission, kann nicht bestätigen, dass es sich auf dem Bild um typische Zuger Trachten handelt. «Trachten aus unterschiedlichen Regionen sehen sich in manchen Details oft ähnlich.» Ausserdem haben sich die Trachten im Lauf der Zeit auch verändert. Somit können wir uns anhand des Waldmüller-Gemäldes ein Bild machen, wie die traditionellen Arbeitstrachten in der Region Zug anno 1844 ausgesehen haben.

Ferdinand Georg Waldmüller - Dankmal im Wiener Rathauspark

Ferdinand Georg Waldmüller – Dankmal im Wiener Rathauspark

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